Museum für Kommunikation

Hellwache Blicke in die Dunkelheit

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Was in unseren Träumen spukt, zeigt das „Bestiarium“ des Mailänder Kunstduos Carnovsky. Wer sich gegen Vampire wehren will, greift zum Koffer aus dem Jahr 1880, wer flirten will, zum Tischtelefon (1927). Und wer in den 1950er Jahren garantiert nicht wegdämmern wollte, der genoss „Halloo Wach“.

Frankfurt - Die Nacht ist eine Frau mit vielen Gesichtern. Mutter. Morgenmuffel. Mörderin. Hure. Was die dunkle Dame sonst noch in ihren Manteltaschen trägt, hat das Frankfurt Museum für Kommunikation in seiner neuen Ausstellung gesammelt. Von Eva-Maria Lill

Die Taschen der Nacht sind tief, sehr tief. Bisweilen verschwinden Alltag und Anstand darin. Gefunden hat Kurator Florian Schütz: mit Hieroglyphen übersäte Steinbrocken, ein Vampir-Kostüm von „Dracula“-Darsteller Bela Lugosi, eine Brille, die gegen das blaue Licht von Smartphones schützen soll, die Original-Leuchtreklame des Titania-Palasts in Berlin, Obdachlosenzeitungen, kondomgefüllte Umhängetaschen, Skizzen eines Mannes mit kükenflaumigem Haarkranz, der in rosarotgepunkteten Frauenkleidern tanzt.

Die Nacht, so die Botschaft der neuen Ausstellung im Frankfurter Museum für Kommunikation, ist alles andere als katzengrau. Sie ist bunt, schrill, bisweilen skurril, manchmal auch beängstigend. Sie öffnet Räume für Abseitiges, Andersartiges, aber auch Abartiges.

An etwa 350 Objekten aus Mythologie, Astronomie, Kunst, Popkultur und Technikgeschichte zeichnet die bereits in Berlin zu bestaunen gewesene Ausstellung „Alles außer Schlaf“ eine diffuse, aber inspirierende Kulturgeschichte der Nacht. Mitunter hätten etwas mehr Informationen auf den begleiteten Texttafeln stehen können, so bleibt manches arg verrätselt. Diese Schau ist ein Sammelsurium, in das sich der Besucher hineindenken muss. Einmal durchschaut aber erlaubt sie hellwache Blicke in die Dunkelheit. Die Gliederung der Ausstellung in vier thematische Komplexe erschließt sich den Besuchern hingegen ohne Mühe. Was auch am cleveren Einsatz von Farbe liegt. ´

Die Luminale 2018 in Offenbach und Frankfurt: Bilder

Wer dem Rundgang folgt, startet quasi ganz am Anfang, bei dem Versuch unserer Vorfahren, den Himmel zu erklären. Los geht’s in prähistorischer Düsternis, schwarze Wände, dunkelblaue Vorhänge. Da wird die Nacht zur Dame, die Tod und Schlaf in ihren Armen trägt (Gemälde von Carl Adolf Senff, 1822). Dazu: Teleskope, Globen, Sternbilder des Astronomen Andreas Cellarius (1595-1665), babylonische Tonfragmente. Zusammengepuzzelt ergibt das die Geschichte eines Versuches, der Dunkelheit ihren Schrecken zu rauben.

Ohne Erfolg. Denn was der Mensch nicht erklären kann, fürchtet er. Ziemlich beeindruckend kommt in diesem Zusammenhang eine halbrunde Installation des Künstlerduos Carnovsky daher, in der je nach Lichtfarbe rote Höllenwesen, grüne Waldungetüme oder blauschimmernde Gespenster ihr Unwesen treiben. Da tanzen Skelette mit Verwesten und der Teufel pikst Dämonen mit dem Dreizack.

Hinter Glas lauern dann Werwölfe, Vampire und eine armlange Puppe mit Glotzaugen und krisseligem Schamhaar: eine Nachbildung von Füsslis „Nachtmahr“. Ganz schön gruselig. Trotz „Kinderstrecke“ mit interaktiven Stationen ist die Schau für ganz Kleine wohl eher nichts.

Mittelgroße finden’s klasse. Einer klebt mit seiner Nase am Kasten, hinter dem silberne Gewehrkugeln liegen. „Cool, wie in den ,Gänsehaut’-Büchern“, jubelt er. Besonders „abgefahren“ findet der junge Besucher aber den „Vampirkoffer um 1880“. Darin alles, was der kompetente Jäger braucht: eine Anleitung in sechs Schritten zum eleganten Pfählen des Blutsaugers, drei Holzpflöcke in unterschiedlicher Größe, Kruzifixe, eine Jesusfigur aus Porzellan, ein Viertelliter Weihwasser.

Doch die Nacht ist nicht nur Gebärmutter für Furcht und Abstruses, sondern auch für Inspiration. Wie etwa Mozart die Dunkelheit in seiner „Zauberflöte“ verarbeitete, zeigt ein weiterer Ausstellungsraum. Etwas tiefer hätte die Schau da allerdings schon in die poetische Saiten der Nacht greifen dürfen. Im Vergleich zu anderen Sektionen bleiben Künstler und Komponisten oberflächlich. Interessant dagegen, wie Religionen der Nacht ihr Licht entgegenzusetzen versuchen, etwa das Christentum mit dem Stern von Bethlehem oder das Hawdala Ritual im Judentum.

Dies wird nicht nur in Fotos, Postkarten und Gegenständen erzählt. Überall gibt’s was zum Hören oder Anfassen. Etwa das „Gedankenkarrussel“ von Bill Domonkos, das per Kurbel bedient mit Wortfetzen und Albtraumbildern zeigt, was passiert, wenn wir wach liegen und buchstäblich am Rad drehen.

Dann wird’s hell, die Wände weiß, Licht sickert unter Vorhängen. Seit der Erfindung der künstlichen Beleuchtung im 19. Jahrhundert ist es vorbei mit nachköniglichen Herrscherin. Die Schau zeigt in diesen Räumen anhand von Postgeschichte, Massenmedien und Fabrikarbeit, wie die Dunkelheit zur Sklavin des Menschen wurde. Wer möchte, kann zudem spielerisch herausfinden, ob sein Schlaf-wach-Rhythmus eher dem von Kanzlerin Angela Merkel (von halb zwei bis sechs) oder Beethoven (von 20 bis 6 Uhr) entspricht. Hinterfragt wird auch unser Internetkonsum und was das Licht von Bildschirmen mit unserem Hormonhaushalt anstellt.

Bilder zur Ausstellung  „Kubricks 2001. A Space Odysee“

Entlang bordsteinfarbener Wände geht es weiter „auf die nächtlichen Straßen“. Da steht der Nachbau eines Kiosk, in einer Telefonzelle seufzt Hilde Hildebrand „Nachts ging das Telefon“, Texttafeln klären über Mondscheintarif und Seelsorge auf. Dies alles wird durchwummert von Bassbeats, eine Sektion der Schau widmet sich dem Club- und Diskothekleben. Eine andere, rosarot und umflattert von eleganter Klavier-Musik, informiert über das Aufkommen des Salon-Lebens im 18. Jahrhundert und die Ballsäle der 1920er Jahre. Auch die Schattenseiten kommen nicht zu kurz, Interviews und Objekte wie Schlafsäcke, Stiefel und Kleidung erzählen von Prostitution und Obdachlosigkeit.

„Die Nacht“, sagt Julia Bastian, Sprecherin des Museums „schafft einen Parallelraum zum Alltag. Wir sind in der Lage, die Maske des Alltags abzustreifen.“ Kein Wunder also, dass sich die Ausstellung für Subkulturen interessiert. Etwa für die Gothic-Szene mit ihrer Liebe für Melancholie und Makaberes. Oder für die schwullesbische Kultur, die in ihren Clubs die Freiheit findet, die ihr vielleicht am Tag verwehrt bleibt.

Ein bisschen schade ist, dass dem Ursprung der Schau geschuldet die meisten Beispiele aus Berlin kommen. Frankfurt ist schließlich auch Nachtstadt und Königin des Düsteren. Dennoch: Im Dunkeln ist gut munkeln und morden, fürchten und feiern. Die gelungene Ausstellung im Museum für Kommunikation zeigt: Schlaf ist was für Bettbezugglattstreicher und Kopfkissenaufschüttler. Die wahre Kunst liegt im Wachbleiben.

 „Die Nacht. Alles außer Schlaf“ bis 26. August im Museum für Kommunikation Frankfurt, Schaumainkai 53, Di.-Fr. 9-18 Uhr, Sa., So. und Feiertage 11-19 Uhr.

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