Erwartungen zu Mainmetropole als Brexit-Profiteur gedämpft

Frankfurt als neue Heimat für Londoner Banker?

Frankfurt/London - Die Vorbereitungen zum Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union laufen. Damit wird auch die Frage immer drängender, wo all die Banker hin sollen, die bislang ihr EU-Geschäft aus London betrieben haben. Erlebt Frankfurt einen Ansturm? Von Jörn Bender und Daniel Schnettler

„See you in Frankfurt“ – „Bis bald in Frankfurt“, rief Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) seinen Gästen jüngst im Schweizer Alpenort Davos zu. Hessens größte Stadt hatte beim Weltwirtschaftsforum zum Empfang geladen. Die Absicht war klar: Frankfurt will vom Brexit profitieren und möglichst viele Banker von der Themse an den Main locken. Doch wird Deutschlands Finanzmetropole der ungleich größeren Schwester London nennenswert Geschäfte abnehmen können? Viele Experten sehen gute Chancen, aber es gibt auch Zweifel.

Um wie viele Jobs geht es überhaupt?

Optimisten erwarten, dass in den nächsten Jahren mindestens 10.000 Jobs an den Main verlagert werden. Denn Banken brauchen für Dienstleistungen in der Europäischen Union rechtlich selbstständige Tochterbanken mit Sitz in einem EU-Staat. Treten die Briten aus der EU aus, müsste eine Alternative her. Doch andere Stimmen warnen vor allzu großen Erwartungen: Es könnten mehr Jobs in London bleiben als erwartet, zudem sind auch andere Städte im Rennen. Frankfurt habe zwar gute Chancen, Jobs zu gewinnen, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken (BdB), Michael Kemmer, gestern in Frankfurt. Doch er dämpfte zugleich die Erwartungen: „Was ich höre ist, dass wahrscheinlich zu erwarten ist, dass in der ersten Welle nicht so wahnsinnig viele Leute kommen.“

Wer sind die schärfsten Konkurrenten Frankfurts?

Um Banker aus London buhlen auch Paris, Madrid, Dublin, Luxemburg und Amsterdam. Die Organisation Paris Europlace – dort ist die französische Finanzbranche vertreten – bewarb im vergangenen Jahr Paris als führend in Kontinentaleuropa „vor Frankfurt und Amsterdam“. Auch Spanien möchte profitieren, wie Vizepräsidentin Soraya Sáenz de Santamaría im Sommer betonte. So würde die viertgrößte Euro-Volkswirtschaft gern die Europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA ins Land holen, wahlweise nach Madrid oder Barcelona.

Was spricht für Frankfurt?

In Frankfurt sind nicht nur die Preise moderater als in London oder anderen Metropolen, Hessens größte Stadt ist dank ihres zentrumsnahen Flughafens auch gut erreichbar. Schon jetzt haben praktisch alle wichtigen Banken der Welt eine Dependance in „Mainhattan“, zudem hat sich der Finanzplatz zur Aufsichtshauptstadt Europas entwickelt – unter anderem mit der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Versicherungsaufsicht EIOPA. Oberbürgermeister Feldmann warb in Davos auch mit Internationalität und Hochschuldichte im Rhein-Main-Gebiet.

Und was spricht gegen Frankfurt?

Im Vergleich zu konkurrierenden Millionenmetropolen wie Madrid oder Paris ist Frankfurt mit seinen 730.000 Einwohnern fast winzig. Die Lokalpolitik verkauft dies angesichts der kurzen Wege als Vorteil – doch der Personalverantwortliche einer Großbank sagt, die Stadt sei für Londoner Banker nicht unbedingt attraktiv: „Wenn überhaupt, nehmen sie sich ein Zimmer und lassen ihre Familie in London.“ BdB-Mann Kemmer bestätigt: „Objektiv gesehen hat Frankfurt sehr, sehr gute Chancen. Subjektiv wird es aus Sicht dieser Weltbürger schon skeptisch beäugt. Aber es geht ja nicht nur um Investmentbanker.“

Gibt es schon konkrete Weichenstellungen zugunsten Frankfurts?

Mit öffentlichen Festlegungen halten sich die meisten Banken bislang zurück – obwohl sich bereits etliche Institute bei der Finanzaufsicht Bafin nach den deutschen Modalitäten erkundigt haben. Seit Dezember steuert die Schweizer Großbank UBS ihre Vermögensverwaltung für Kontinentaleuropa von Frankfurt aus. Damit ist Deutschlands führender Finanzplatz auch Favorit für eine mögliche Verlagerung von UBS-Stellen aus London. Die Bank will etwa 1000 Jobs an andere Standorte verschieben, sollte Großbritannien künftig keinen Zugang zum EU-Binnenmarkt mehr haben. Die US-Investmentbank Goldman Sachs will laut Medien ihre Mitarbeiterzahl in London auf etwa 3000 halbieren und ihr Frankfurter Geschäft umorganisieren. Kemmer mahnt: „Die Banken müssen jetzt Entscheidungen treffen, um 2019 vernünftig handlungsfähig zu sein, das duldet keinen Aufschub mehr.“

Fragen & Antworten: So funktioniert die neue Aufsicht für Europas Banken

Was unternimmt die hiesige Politik?

Bürgermeister Feldmann ist nicht allein mit seinem Werben. Seit dem Brexit-Votum im Juni wirbt die hessische Politik über Parteigrenzen hinweg offensiv für Frankfurt. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) machte sich in Brüssel für den Umzug der europäischen Bankenaufsicht EBA an den Main stark und trommelte in New Yorker Bankenzentralen für Frankfurt. Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) war auf Werbetour in London unterwegs, ebenso wie Feldmann.

Werden Immobilien im Rhein-Main-Gebiet dann noch teurer?

Marktkenner rechnen mit steigenden Preisen, sollten Banken von der britischen Insel nach Frankfurt drängen. Dabei ist bezahlbarer Wohnraum im wachsenden Frankfurt, das jährlich um 15 000 Menschen zulegt, schon jetzt knapp. Büros sind nach Angaben von Maklern noch zu haben – wenn auch meist nicht in besten Lagen.

Versinkt der Finanzplatz London in der Bedeutungslosigkeit?

Damit ist nicht zu rechnen. Bankmanager werden nicht müde zu betonen, welche Vorteile die Finanzhauptstadt Europas hat. Gerade beim überraschenden Ausgang des Brexit-Votums habe der Standort gezeigt, wozu er fähig sei, sagte HSBC-Verwaltungsratschef Douglas Flint in Davos. Alle Transaktionen seien ausgeführt worden – trotz eines sechs Mal höheren Volumens als normal. „Es war ein verrückter Tag, aber nichts ist zusammengebrochen.“ Was in London existiere, sei die Essenz von Jahrzehnten an Erfahrung. Der Chef der namhaften Investmentprofi-Vereinigung CFA, Paul Smith, sieht London langfristig gar als Brexit-Gewinner, weil sich die dortige Finanzindustrie nicht mehr den rigideren EU-Regeln unterwerfen müsse. „Die Vermögensverwaltung wird nach London wandern“, sagte Smith und nennt die Schweiz als Vorbild. „Es mag aber ein paar Jahre dauern.“ (dpa)

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