Modern, aber ohne Frauen

So wird die neue Saison am Schauspiel Frankfurt

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Teamarbeit: Die Dramaturgen stellten mit Marion Tiedtke (2.v.r.) und Intendant Anselm Weber (r.) das Programm vor.

Frankfurt - Deutschlands Theater haben ein Frauenproblem. Das merkt auch das Frankfurter Schauspiel, wie Marion Tiedtke, stellvertretende Intendantin und Chefdramaturgin, bei der gestrigen Vorstellung des neuen Spielplans sagte. Von Lisa Berins

Mit 14 Regisseurinnen habe sie gesprochen, die meisten hätten eine Zusammenarbeit abgesagt. „Das liegt nicht am Ruf des Frankfurter Schauspiels, sondern daran, dass Regisseurinnen sehr gewissenhaft arbeiten“, erklärte Tiedtke: Viele nähmen sich nicht mehr als drei Produktionen im Jahr vor, zudem seien sie oft vertraglich an andere Häuser gebunden. Und: „Der Sprung in die erste Liga der Theater ist für Frauen immer noch schwierig. “.

In den 24 Stücktiteln der neuen Saison führen nur drei Frauen Regie: darunter Jessica Glause in David Grossmans „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ (deutschsprachige Erstaufführung am 11.1.19, Kammerspiele) und Lisa Nielebock in Hermann Hesses „Siddhartha“ (Premiere am 6.6.19, Kammerspiele). Unter dem Motto „Umbrüche“ sollen sich die kommenden Inszenierungen um die Frage drehen, welcher gesellschaftliche, politische und geografische Wandel uns seit 1949 geprägt hat. Im Gegensatz zum eher klassisch geprägten Programm der Spielzeit 2017/18 setzt Intendant Anselm Weber vor allem auf moderne Stücke.

Erste Premiere ist am 7. September mit „Der haarige Affe“ von Eugene O’Neill (Regie: Eric de Vroedt). Es gehe um das Gefühl des Ausgeschlossenseins, sagte Dramaturg Alexander Leiffheidt. Für eine Neuübertragung und Aktualisierung des Dramas aus den 1920ern wurde der Leipziger Schriftsteller und Enfant terrible Clemens Meyer („Als wir träumten“, „Im Stein“) gewonnen. Anselm Weber wird in „Furor“ (Urauffühung am 2.11.18) Regie führen. In dem Stück des Berliner Autorenduos Lutz Hübner und Sarah Nemitz – den „meistgespielten Theaterautoren unserer Zeit“ – geht es um einen verhängnisvollen Unfall und einen Politikerwahlkampf. „Furor“ ist eins von vier Auftragswerken des Schauspiels. Dazu zählt auch das Stück „1 440 Szenen für eine Stadt wie Frankfurt“ (Uraufführung im April 2019, Bockenheimer Depot) des Theaterkollektivs Rimini Protokoll. Für das Stück werden noch 1 440 Laienschauspieler, sogenannte Alltagsexperten, gesucht.

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Neben Klassikern wie „Warten auf Godot“ (Regie: Robert Borgmann, Premiere 12.1.19), „Peer Gynt“ (Regie: Andreas Kriegenburg, Premiere 18.5.19) und dem antiken Stück „Die Perser“ (Regie: Ulrich Rasche, Premiere am 28.9.18) soll auch eine neue Art des Sehens aufs Theater übertragen werden: das exzessive „Binge Watching“ von TV- oder Netflix-Serien. Sechs Folgen des Politthrillers „The Nation“ (Regie: David Bösch, deutschsprachige Erstaufführung, 29. und 30.3.19) sind an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zu sehen.

Dass das Konzept von Intendant Anselm Weber in der ersten Spielzeit aufgegangen ist, bewies er gestern mit sehr guten Zahlen: Die Auslastung von 94,6 Prozent sei die beste seit 16 Jahren. Etwa 121.000 Zuschauer kamen zu den 338 Vorstellungen – eine Erfolgsgeschichte, die „alle Erwartungen erfüllt“, sagte Weber bescheiden. Nur wenige Sätze fielen zur derzeitigen Spardiskussion in Frankfurt: Die Stadtregierung hatte Anfang der Woche beschlossen, in diesem Jahr 100 Millionen Euro zu sparen. Das Schlimmste wäre, so Weber, wenn die Kultur dies zu spüren bekäme. Denn: „Was einmal verschwindet, kommt nicht mehr. Das weiß Frankfurt nur allzu gut.“

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