Interview

Offenbach entdeckt den Wohnungsbau

Kräne sind stets ein sicheres Zeichen für eine rege Bautätigkeit. Auch in der Stadt Offenbach haben die Unternehmen ihre Umsätze deutlich erhöht, in der Region verharren die Erlöse auf hohem Niveau. Fotos: dpa/Verband

Der Wohnungsmarkt in Offenbach entwickelt sich für die Baubranche prächtig. Bei Berücksichtigung sämtlicher Betriebe lagen die Erlöse dort im vergangenen Jahr um etwa ein Fünftel über dem Niveau des Jahres 2018.

Frankfurt – Wie Rainer von Borstel, Hauptgeschäftsführer des Verbandes baugewerblicher Unternehmer Hessen, präzisiert, sah das Bild im Landkreis und im Main-Kinzig-Kreis etwas anders aus.

Wie hat sich die Wohnungsbautätigkeit in Stadt und Kreis Offenbach im vergangenen Jahr entwickelt?

Die Stadt Offenbach hat in den letzten Jahren den Wohnungsbau wiederentdeckt. Die Zahlen belegen eindeutig, dass er deutlich zugelegt hat. Bei einer Gesamtbetrachtung sämtlicher Betriebe in Offenbach gab es gegenüber dem Jahr 2018 eine Umsatzsteigerung von etwa 20 Prozent.

Im Landkreis Offenbach hatte der Wohnungsbau schon in den letzten Jahren eine wesentlich größere Bedeutung. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr im Wohnungsbau sogar leicht rückläufig war.

Wie sieht es in Hanau aus?

Für die Stadt Hanau werden keine gesonderten Zahlen ermittelt. Vielmehr fließen sie in die Berechnungen für den Main-Kinzig-Kreis ein. Dort ist der Wohnungsbau weiterhin von Gewicht, aber auch hier müssen wir ähnliche Entwicklungen wie im Kreis Offenbach feststellen. Der Umsatz im Wohnungsbau ist gegenüber dem Vorjahr rückläufig. Allgemein sind aber weiterhin Hanau und der Main-Kinzig-Kreis attraktiv, da aufgrund von fehlendem Wohnraum in Frankfurt viele in das Umland ziehen.

Mit welcher Entwicklung rechnen Sie in diesem Jahr?

Die Bauwirtschaft ist bundesweit die Konjunkturlokomotive Nummer eins. Das gilt insgesamt auch weiter für den Wohnungsbau. Anders sieht die Situation im gewerblichen und industriellen Bau aus.

Aufgrund der guten Auftragslage können wir grundsätzlich optimistisch in das Jahr 2020 schauen. Allgemein müssen wir jedoch erkennen, dass das Tempo sich verringert. Daher sind die verantwortlichen Politiker gefordert, wieder ein Umfeld zu schaffen, in dem Bauland zur Verfügung gestellt wird, um den Wohnbedarf zu decken.

Sorge macht uns das Investitionsverhalten der Kommunen, denn circa 55 Prozent der öffentlichen Investitionen werden von den Kommunen ausgelöst. Ihnen gelingt es nur bedingt, den Verschleiß ihrer öffentlichen Infrastruktur aufzuhalten beziehungsweise abzubauen.

Fehlen den Bauunternehmen Lehrlinge?

Leider bleiben über 30 Prozent der in hessischen Baubetrieben angebotenen Lehrstellen unbesetzt. Bundesweit sind es sogar 60 Prozent. Dabei liegt die Übernahmequote nach erfolgreicher Ausbildung bei 90 Prozent. Damit ist das Baugewerbe Spitzenreiter, noch vor der öffentlichen Verwaltung. Auch die Ausbildungsvergütungen und Löhne sind im Baugewerbe attraktiver als in vielen anderen Ausbildungsberufen. Nichtsdestotrotz haben wir einfach immer weniger Schulabgänger und immer mehr Studierende. Die Bauwirtschaft bietet interessante und auch zukunftsträchtige Jobs, die auch einen Gestaltungsspielraum erlauben. Das müssen wir noch stärker bei der Berufsentscheidung in den Vordergrund stellen. Der Fachkräftemangel ist für uns schon heute ein reales Problem, das auch dafür sorgen kann, dass manche Baumaßnahmen nur zeitverzögert umsetzbar sind.

Wie haben sich nach Ihrer Einschätzung die Mieten in der Region entwickelt?

Da Sie nach unserer Einschätzung fragen, können wir nur eine subjektive Wertung abgeben. Wir erkennen, dass aufgrund der fehlenden Wohnungen sich die Mieten in der Region Offenbach/Hanau gerade bei Neuvermietungen weiter erhöht haben.

Wie war die Lage bei Eigentumswohnungen und Häusern?

Die Steigerungen gelten genauso für Eigentumswohnungen und Häuser, da aufgrund der geringen Zinsen für Darlehen und im Hinblick auf steigende Mieten und um einer Altersarmut zu entgehen der Wunsch besteht, Wohneigentum zu bilden. Hemmend wirken sich dann hohe Baupreise oder wenig vorhandene Baugrundstücke aus.

Hemmt der Mietendeckel den Bau von Wohnungen?

Mietendeckel und Mietpreisbremsen sind vor allem Investitionsbremsen. Denn Investoren gehen dorthin, wo die Rahmenbedingungen aus ihrer Sicht gut sind.

Welche Hürden gibt es ihrer Ansicht nach noch im Wohnungsbau?

Fehlendes Bauland und zu lange Planungs- und Genehmigungsprozesse verhindern einen höheren Output im Wohnungsbau. In der Kommunalpolitik müssen sich die Entscheidungsträger zunehmend auch mit Bürgerprotesten auseinandersetzten, die sich gegen die Ausweisung neuer Baugebiete aussprechen. Außerdem gilt es auch die Kosten für die Erstellung der Infrastruktur zu berücksichtigen. Dazu zählen Straßen genauso wie die Bereitstellung von Betreuungsangeboten oder die Erstellung von Kindergärten und Schulen. Wenn die Kommunen mit diesen Problemen allein gelassen werden, haben sie auch kein Interesse daran, neue Baugrundstücke auszuweisen.

Wie lange müssen Mieter auf einen Handwerker warten?

Unsere Baubetriebe sind derzeit auf circa drei Monate im Voraus ausgebucht.

Das Gespräch führte Marc Kuhn

Die Freien Wähler sprechen sich nun offiziell gegen den Bau von bis zu 600 Wohnungen in Waldhof-West (Offenbach) aus. Der Sinneswandel sorgt beim Koalitionspartner für Irritation.

Inzwischen sind die Pläne für sozialen Wohnungsbau am Kaiserlei in Offenbach weiter gediehen.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare