Spielerisches Mitmachen

„Playsonic-Festival“: Publikum, emanzipiere dich!

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Aktiv werden anstatt passiv zuzuhören: Beim „Playsonic-Festival“ in der Frankfurter Alten Oper wurden am Wochenende neue, spielerische Möglichkeiten des Musizierens ausprobiert.

Frankfurt - Ein gewagtes Experiment, das Neue Musik mit Spiel verbinden sollte: Am Wochenende lud die Frankfurter Alte Oper zum „Playsonic-Festival“. Die Besucher waren aufgefordert, mitzumachen und spielerisch ihre Berührungsängste zu überwinden. Ist das ein brauchbarer Weg, junge Menschen zu begeistern? Von Tamara Marszalkowski

Die Sonne brennt, Touristen fotografieren sich vor der Alten Oper. Eine Frau tauscht High Heels gegen Ballerinas. Plötzlich ertönen aus allen möglichen Richtungen Instrumente. Da steht eine Dame mit Geige, dort ein Mann mit Klarinette und ein anderer mit Horn. Ist das ein Flashmob?

Ein paar Leute verteilen Karten. Auf ihnen stehen Anweisungen wie: „Gehe rückwärts über den Platz. Lass dich von der Musik leiten.“ Oder: „Zeige diese Karte einer/m der Musiker/innen.“ Auf einer Karte ist ein Symbol für ein Glissando zu sehen. Zeigt man sie einem Musiker, beginnt er oder sie zu spielen – bei jedem klingt das je nach Instrument selbstverständlich anders.

Die Performance „Inverted Operas“ ist Teil des Festivals „Playsonic“: Am Wochenende sollte es in und an der Alten Oper Frankfurt darum gehen, wie Musik mit Spiel verbunden werden kann. Wie sich das Zuhören verändert, wenn der Hörer aktiv wird – wie sich Hören beim Spielen und sich Spiel durch Hören befruchtet.

Im Foyer ist eine Schau mit Videospielen zu sehen, die Musik in den Mittelpunkt stellen. Besucher können in einem Salon Teil des „Chorus Effect“ werden: Vor einem Mikrofon lesen sei einen Text vor, ein Computer verstärkt nach einem Algorithmus das Gelesene mit den Stimmen der Vorgänger.

Die Besucher konnten direkt mit den Künstlern in Kontakt treten, etwa mithilfe von Aktionskarten.

Viel interagiert wird beim Festival auch mit dem Ensemble Modern. Wie flexibel die Musiker vom weltweit bekannten Trupp für Neue Musik sind, merkt man schnell. Bei der Performance „Mirror Music“ sitzen sich ein Besucher und ein Musiker gegenüber. Der Musiker imitiert alle Bewegungen seines Gegenübers spiegelgleich. Jedes Zucken, Kopfkratzen und Hüpfen wird musikalisch umgesetzt. Eine junge Frau mit kurzen, pinken Haaren hat sich dem Violincellisten gegenübergesetzt. Später erzählt sie, dass sie selbst Komponistin ist und aus Frankfurt kommt. „Das hat Spaß gemacht. Doch für mich hat es nicht ganz funktioniert. Ich kenne die Techniken und habe versucht, ihn diese unterschiedlichen Herangehensweisen spielen zu lassen“, erzählt sie.

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Das Festival probiert sich aus, testet Grenzen der Besucher. Doch die verstehen nicht immer alles. Denn erklärt wird eher selten – was schade ist. Für die Macher sei hauptsächlich die Frage interessant gewesen, wie sich aus künstlerischer Sicht kreative Felder erschließen und nutzbar machen lassen, erklärt Sebastian Quack, einer der beiden Kuratoren. Als studierter Kulturwissenschaftler und Informatiker hat er viel im Bereich Musiktheater, Performance und ortsspezifische Kunst gearbeitet. Irgendwann kamen auch Spieleprojekte im öffentlichen Raum hinzu.

„Mich hat bei ,Playsonic‘ ganz grundsätzlich interessiert: Was ist eigentlich Musik? Was soll das? Wie geht das?“, erzählt er. Das Projekt sei für alle etwas Neues gewesen. „Wir haben nach Leuten gesucht, die auf der Schwelle zur Interdisziplinarität stehen“, erzählt Quack. Der Kurator findet, dass das Festival besonders für Institutionen spannend sei. „Die haben Vermittlungsbedarf und denken verstärkt darüber nach, wie sie mit ihrem Publikum kommunizieren können.“

Quack will die Erfahrungen aus dem Festival in einer Art Richtlinie für Institutionen zusammenfassen.

Vonseiten des Publikums erhofft der Kurator sich eine Emanzipation gegenüber der Kunst. „Die Menschen sollen aktiver und neugieriger sein und sich mehr ausprobieren“, sagt Quack und wünscht sich einen bewussteren, reflektierteren Umgang mit der Kunst – „und dafür sind Spiele gut.“

Ob das in der Realität der Veranstaltung so funktioniert wie von den Verantwortlichen erhofft? Auf jeden Fall teilweise: Beim „Playsonic-Festival“ gibt es nicht nur tolle Musik und kurze, zugängliche Konzerte des Ensemble Modern. Das Publikum schlüpft auch mal aus seiner passiven Rolle heraus, macht mitunter ziemlich verrückte Sachen – und verliert tatsächlich ein wenig die Berührungsangst.

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