Meist gut behandelbar

Programm soll Depressionen bekämpfen und Selbstmordrate senken

Frankfurt - Die Universitätsmedizin Frankfurt will mit einer Reihe von Vorbeugemaßnahmen die Suizidrate im Rhein-Main-Gebiet um ein Drittel senken. Ihr gestern vorgestelltes Programm „FraPPe“ finanziert sich vor allem aus Bundesmitteln. Von Harald H. Richter

Ein Sprung in die Tiefe von der Dachterrasse eines Kaufhauses auf der Frankfurter Zeil oder eine Selbsttötungsabsicht im S-Bahntunnel – allein in Frankfurt und Umgebung ereignen sich jährlich rund 1800 Versuche und über 90 vollzogene Suizide. Bundesweit weist die Statistik etwa 10.000 Fälle aus und eine um das Zwanzigfache höhere Zahl an Versuchen. Somit sterben mehr Menschen infolge von Selbsttötung als zusammengenommen durch Verkehrsunfälle, Drogen- und Gewaltdelikte. Die Frankfurter Universitätsmedizin hat deshalb gestern mit dem städtischen Gesundheitsamt ein zunächst bis Ende 2020 befristetes Programm zur Suizidvermeidung gestartet. Dafür steht ein Budget von rund 1,16 Millionen Euro zur Verfügung, darunter 783.000 Euro aus Mitteln des Bundesgesundheitsministeriums.

Oftmals sind Depressionen die Ursache für das Verlangen von Menschen in vermeintlich auswegloser Lage, aus dem Leben scheiden zu wollen. „Häufig sind solche Fälle aber gut behandelbar“, betont Professor Jürgen Graf, Ärztlicher Direktor und Vorstandschef des Universitätsklinikums. „Allerdings fehlt es oft an koordinierter Prävention.“ Im Verbund mit dem städtischen Gesundheits- und dem Jugendamt sowie unter Einbeziehung des Agaplesion Markus Krankenhauses, des Klinikums Frankfurt-Höchst, der Klinik Hohe Mark und der Zeitbild Stiftung wollen die universitären Fachkliniken ein Bündel von Maßnahmen schnüren, das in großen Teilen auf Vorbeugung setzt. „Frankfurt ist die erste deutsche Stadt, die sich Suizidprävention zur kommunalen Aufgabe gemacht hat“, so Christiane Schlag vom sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamts.

Ziel ist es, in den kommenden Jahren die Suizidrate in der Region um über 30 Prozent zu senken. „Zudem soll gefährdeten Menschen der Zugang zu fachspezifischer Behandlung erleichtert werden“, versichert Professor Andreas Reif, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Innerhalb eines Monats vor einem Suizidversuch suchten 50 Prozent der Menschen einen Hausarzt auf, so Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Goethe-Uni. Deshalb sollten Hausärzte beziehungsweise Allgemeinmediziner für frühzeitige Warnsignale sensibilisiert und bei der Therapie von Patienten mit Depressionen unterstützt werden. Darüber hinaus hilft das neue Programm, die Vernetzung zwischen Ärzten, Rettungskräften und Pflegepersonal zu verbessern.

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Bei der Forschung werde es darum gehen, Suizide und deren Ursachen systematisch zu erfassen und auszuwerten. So bildeten etwa Jugendliche und Heranwachsende inzwischen eine besondere Risikogruppe, da in der Altersgruppe der 15- bis 29-Jährigen Selbsttötung zu den häufigsten Todesursachen zählt.

In den fünf psychiatrischen Kliniken der Stadt wird es von nun an eine niedrigschwellige Sprechstunde für Menschen in möglicherweise suizidalen Krisen und deren Angehörige geben. Schulungen und Weiterbildungen sollen an sämtlichen Standorten eine Therapie gewährleisten. Zudem ist eine 24-Stunden-Hotline geplant.

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