Vive la Liebe!

„Les Misérables“ wird in zur politfreien Musicalschmonzette

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Eine studentische Revolte der Unterdrückten dient als Kulisse für das wahre Drama: Die Liebeleien von Marius – hier mit der sterbenden Eponine.

Frankfurt - Es brodelt in Paris. Victor Hugos Roman „Les Misérables“ schafft 1862 ein politisches Panorama. Auch die bekannte Musicaladaption von 1980 zeigt Elend im Detail. Die Neuauflage in der Frankfurter Jahrhunderhalle setzt indes auf Herzschmerz statt Milieu. Von Eva-Maria Lill

Und macht aus einem großen Roman der Romantik zwei Stunden romantischen Kitsch. Theaterregisseure im Ausland füllen ihre Börsen unter dem Musical-Goldesel „Les Misérables“, auch Hollywood melkt 2012/13 kräftig mit. In Deutschland will’s mit dem Erfolg nicht recht klappen – die letzte Produktion an einem festen Spielort endete 2004. Daran wird auch die Neuumsetzung unter dem Taktstock von Inga Hilsberg in der Regie von Christian Stadlhofer nichts ändern. Denn statt Sterben fürs Vaterland gibt es am Montagabend in der Frankfurter Jahrhunderthalle Trällern für die Liebe – und das bisweilen in unerträglicher Ausführlichkeit.

Mit der kleinen Besetzung der Kölner Symphoniker zelebriert das Ensemble zwei Stunden die romantischen Irrungen des Studenten Marius (Marc Lamberty). Der findet sich im Paris des Juniaufstands 1832 zwischen Revoluzzern und Rockschößen wieder. Dumm nur, dass bei geschmetterten Herzbekundungen und gestelzten Comedy-Nummern wenig Platz fürs Wesentliche bleibt. Schließlich heißt Hugos Werk „Les Misérables“ und nicht „Les Tourtereaux“ – die Turteltauben. In dieser Inszenierung ist nicht nur die Musik neu, sondern auch die Aussage. Hier bezwingt Liebe die Sehnsucht nach Demokratie, und der Zorn der Ungerechtigkeit verklingt in Hochzeitstänzen.

Die ersten gefühlt 300 Seiten des Romans ignoriert das neue Libretto von Holger Potocki und Bianca Hein getrost – Ex-Sträfling und Überpapa Jean Valjean (Andrea Matthias Pagani) sowie Gesetzesfanatiker Javert (Pieter Tredoux) verkommen zur Staffage der Turtelei. Auch die Freiheitskämpfer an den Barrikaden sind bloß blutiges Schmückwerk. Dafür darf das Gaunerehepaar Thénardier (Markus Lürick, Ulrike Jöris) verhältnismäßig oft ran: Der Versuch, Hugos Tränenwerk komödiantisch aufzulockern. Ohnehin ist es eine Leistung, dieses Epos der Emotion so zu inszenieren, dass Figurenschicksale nicht berühren. Die Kunst des Kürzens ist nun mal Kompaktheit, nicht Amputation. Das Publikum in Frankfurt quittiert’s mit vorzeitiger Flucht.

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Da hilft auch das clevere Bühnenbild von Jörg Brombacher nicht. Das liefert mit seinen Metallstäben und Stofffetzen grundlegend genug Trostlosigkeit für die Häuserschluchten des historischen Paris. Auch über das Ensemble lässt sich wenig meckern. Lamberty gibt einen herrlich zottelköpfigen Romantiker, die Damen (Eponine: Lara Grünfeld, Cosette: Marilyne Bäjen) intonieren glasklar, die alten Herren Valjean und Javert liefern sich bissige (Wort-) Gefechte. Allein Revolutionsführer Enjolras (Michael Thurner) singt schwachbrüstig.

Die Musik von Esther Hilfsberg schmeichelt selbst Ohren, die eigentlich „I Dreamed A Dream“ und „Do You Hear The People Sing“ aus dem „Original“-Musical gewohnt sind. Manko: Die Silbenzahl passt bisweilen nicht zum Takt, das wirkt unfreiwillig komisch. Dennoch: Die Grund-Qualität des Ensembles macht die vertane Chance der „Misérables“-Auflage besonders traurig. So bleibt ein überflüssiger Versuch. Revolution gescheitert.

„Les Misérables“, Musical- Neuumsetzung des Romans von Victor Hugo, Montag, 27. Februar, Darmstadtium Darmstadt

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