Schmetterlinge kennen kein Alter

Profamilia organisiert in Frankfurt Kennenlern-Treffs für Singles über 60

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Auch im Fernsehen ist Liebe jenseits der 60 Thema. Auf Sat.1 läuft aktuell „Hotel Herzklopfen“. Nächster Termin der Senioren-Kuppel-Show ist Sonntag, 17.55 Uhr.

Frankfurt - Liebe ist für alle da. Auch für Menschen, die das typische Herzklopf-Alter bereits hinter sich gelassen haben. Der Kurs „Gekonnt Flirten“ in Frankfurt soll Senioren jenseits der 60 verkuppeln. Von Juliane Görsch

Ein wenig skeptisch schaut sie drein. Christine steht abseits und blickt sich um. Der Saal im Gesundheitsamt Frankfurt vibriert vor Lachen. Etwa 30 Teilnehmer des Schnupperkurses „Gekonnt Flirten“ sollen sich bei einem Auflockerungs-Spiel Komplimente machen. Da sagt eine Frau etwa zu einem Mann im Anzug: „Sie sehen aber schick aus“, eine andere Dame freut sich über nette Worte zu ihren schönen Haaren.

Christine beobachtet. „Ich habe keine Probleme damit, Leute kennenzulernen“, sagt sie, „ich bin ja nicht schüchtern.“ Sie ist fast 70, hat blond gefärbte Haare und trägt ein pinkes Halstuch passend zu ihrem Lippenstift. 50 Jahre lang, erzählt sie, hat sie in der Modebranche gearbeitet. Ein bisschen ernüchtert, gibt sie zu, sei sie vom Kuppel-Treff. „Ich habe eigentlich erwartet, dass hier ein paar tolle Männer dabei sind.“

Geplant ist bei „Gekonnt Flirten“ ein Mix aus Theorie und praktischen Übungen, bei denen sich die Senioren spielerisch kennenlernen sollen. „Keine Angst, das ist alles harmlos und macht Spaß“, beruhigt Sexualpädagogin Claudia Hohmann von profamilia, die solche Kurse seit zehn Jahren in Kooperation mit dem Gesundheitsamt leitet.

Die Anwesenden scheinen diesen Hinweis allerdings nicht zu brauchen. Die, die sich überwinden zu einem Flirtkurs zu kommen, sind ohnehin von der aufgeschlossenen Sorte. In erster Linie ginge es nicht darum, einen Partner zu finden, sondern sich selbst und andere wertzuschätzen, erklärt Hohmann.

Gut gelacht ist halb Sympathie gewonnen: Im Gesundheitszentrum in Frankfurt lernen ältere Singles unter anderem, wie sie Kontakt zu Gleichgesinnten aufnehmen und wohldosiert Komplimente verteilen.

Im Theorieteil geht es darum, auch im Alter nicht stillzustehen, sondern rauszugehen und mit Menschen in Kontakt zu treten. „Hinwendung zum Leben. Raus aus der Tristesse“, nennt Hohmann das. Denn im Grunde stecke in jedem alten Körper noch ein junger Mensch. Tatsächlich bestätigt eine Studie der Universität Rostock aus dem Jahr 2014, dass 91 Prozent der 74-jährigen Männer und 81 Prozent der gleichaltrigen Frauen Zärtlichkeit einen wichtigen Platz in ihren Partnerschaften einräumen. Bei den Alleinstehenden würde das im Alter aber verloren gehen, verdeutlicht Hohmann. Mit den Kursen könne das aber wieder herausgekitzelt werden. „Flirten steckt in uns allen.“ Das Gefühl von Schmetterlingen im Bauch eben auch.

Zu Jazz-Pop sollen im Praxisteil alle Teilnehmer im Kreis umherlaufen und sich vorstellen. Auf andere offen zuzugehen sei ein wichtiger Punkt beim Flirten, sagt Hohmann. Danach kommt die Komplimente-Runde oder „Flirten am Fließband“ wie sie es nennt. Dabei wandern die Senioren zu jeder einzelnen Person, geben und erhalten Komplimente. Vielen Menschen würde es schwerfallen, nette Worte anzunehmen, erläutert die Sexualpädagogin. Der Gruppe gefällt es aber. „Was gibt es Schöneres, als von einer Dame ein Kompliment zu bekommen“, sagt ein Teilnehmer mit tiefem Lachen.

Eine Sache fällt auf: Es sind nur vier Männer anwesend. „Das ist leider normaler Schnitt“, sagt Hohmann. Ein Grund sei die Lebenserwartung. Außerdem seien Männer im Alter nicht mehr so aktiv. Bei vielen Paaren war früher vor allem der weibliche Part für soziale Kontakte verantwortlich, erklärt die Sexualpädagogin, später würden viele Männer von alleine nicht mehr damit anfangen.

Dabei gebe es genug Untersuchungen, dass Menschen in Beziehungen gesünder sind, sagt Hohmann. „Und das müssen nicht unbedingt Liebesbeziehungen sein.“ Der Puls schlägt beim Flirten höher, was sich positiv auf das Hautbild und allgemeine Wohlbefinden auswirkt. Da könne zwischen jungen und alten Menschen eigentlich gar keinen Unterschied gemacht werden. Die Senioren bräuchten manchmal nur ein bisschen mehr Anschub.

In diesen Berufen scheitern Beziehungen am häufigsten

Zu dieser Sorte gehört Klaus nicht. Der 70-Jährige ist schon zum dritten Mal beim Flirt-Treffen, erwartet aber nicht, jemanden kennenzulernen. „Das war früher mal so, inzwischen weiß ich, dass es schon ein großer Zufall sein muss, jemanden hier zu treffen.“ Stattdessen geht er lieber tanzen, da würde er viele Frauen kennenlernen.

„Es gibt Männer, die gut flirten können. Aber die meisten sind eher holprig“, sagt Hohmann. Die vier anwesenden Herren scheinen es aber gut drauf zu haben. Sie stehen am Ende noch mit je einer Dame an den Bistrotischen und unterhalten sich. Christine, die sich anfangs noch über den niedrigen Männeranteil wunderte, quatscht noch lange mit dem Herren im Anzug, dessen Gesicht sie schon von der Broschüre zur Kursreihe kannte. (dpa)

Kurs „Slow Dating – für alle über 60“ findet statt am Mittwoch, 6. Juni, 17-19 Uhr, Restaurant Baltique, Heiligkreuzgasse 31 Frankfurt, Infos: profamilia.de

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