Schreiben als Menschwerdung

Autor Bodo Kirchhoff arbeitet sexuellen Missbrauch im Roman auf

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Der Frankfurter Schriftsteller Bodo Kirchhoff blickt in seine Vergangenheit.

Frankfurt - Eine schwierige Jugend: Der Frankfurter Autor Bodo Kirchhoff, 2016 mit dem Deutschen Buchpreis geehrt, hat jetzt mit „Dämmer und Aufruhr“ einen Roman über seine frühen Jahre vorgelegt. Das Buch klagt nicht an – und eröffnet neue Blicke auf (s)ein Schriftstellerleben.

Hunger auf Sex und Sehnsucht nach Liebe: Wie wenige deutsche Autoren hat sich Bodo Kirchhoff an Obsessionen und Emotionen abgearbeitet. Als er vor fast 40 Jahren sein Romandebüt über einen Schriftsteller vorlegte, der Frauen wahllos als sexuelle Kontaktpersonen benutzt, hatte er seinen Ruf weg. Der späte Autor wird von der Kritik für dramatische, oft komplizierte Liebesgeschichten gerühmt. Jetzt hat der Frankfurter einen autobiografischen Roman über seine Jugendjahre veröffentlicht, der zugleich einen Schlüssel zu seinem Werk liefert.

Es ist eine Erzählung über das sexuelle Erwachen eines Jungen, den die Eltern bei ihrer Scheidung 1959 in die Evangelische Internatsschule Schloss Gaienhofen am Bodensee abschieben. Dort findet der Elfjährige zur Musik – und wird vom Roth-Händle rauchenden, Cabrio fahrenden Lehrer für Musik, Religion und Sport, der ihn mit seinen langen, dunklen Haaren an Winnetou erinnert, missbraucht. Dennoch fühlt er sich zu ihm hingezogen.

Den ersten Kuss des Mannes, mit 34 Jahren so alt wie seine Mutter, habe er erwidert, räumt Kirchhoff im „Spiegel“ ein; „auch, um nicht unhöflich zu sein“. Es bleibt nicht dabei, der Kantor vergeht sich auch an ihm, immer wieder. Dazu habe der Mann (dessen Name unumwunden genannt wird) gesagt: „Dem Schwein ist alles Schwein, dem Reinen alles rein.“ Daran glaubt der Junge – bis er erfahren muss, dass die Vorliebe für hübsche Knaben nicht ihm allein gilt ...

Kirchhoff schildert all das ohne Anklage oder Verbitterung. Er setzt sich mit seinem Werdegang auseinander. „In der Sexualität steckt immer ein Verhängnis drin“, glaubt er. Das Wort Missbrauch mag er nicht, weil es den Widersprüchen des individuellen Dramas nicht gerecht werde. Im Buch fällt es daher nie.

Auch die durchaus liebevoll beschriebene Mutter hat ihren Anteil am Verhängnis: Sie nimmt den Vierjährigen im Urlaub mit ins Bett, schaut ihn an wie eine verliebte Frau, lässt sich von ihm eincremen und macht ihn zu ihrem „Sommergalan“. Dass er in seiner Frankfurter Studentenzeit der 70er Jahre durch Exzesse jeglicher Art fast entgleist wäre, wundert Kirchhoff nicht. „Jedes Schriftstellerleben bewegt sich auf einer schiefen Bahn“, sagt er, verweist auf Thomas Mann oder Marguerite Duras.

Ohne diese belastenden Erlebnisse wäre er nie Autor geworden, meint Kirchhoff. Die Arbeit wurde zur Therapie: Schreiben als ein nachgeholter Menschwerdungsprozess. Erst als Autor habe er Einfühlungsvermögen entwickelt, mit Beziehungen habe er sich zeitlebens schwer getan.

Der Roman, von dem er acht Fassungen schrieb, war Kraftanstrengung und Reinigung zugleich. Literarisch ist er ein großer Wurf, weil Kirchhoff den Geist der Nachkriegszeit einfängt – mit all ihren Versehrt- sowie Verklemmtheiten und dem Aufruhr, der in der Rebellion der 68er gipfelte.

Kirchhoff, 1948 in Hamburg als Sohn einer Schauspielerin und eines Geschäftsmanns geboren, ist Workaholic. Mit sprachlicher Eleganz hat er dicke Wälzer vorgelegt, vom Durchbruch mit dem Bestseller „Infanta“ (1990) bis zu „Die Liebe in groben Zügen“ (2012). Für seinen schmalen Band „Widerfahrnis“ hat er 2016 den Deutschen Buchpreis erhalten. Mit seiner Frau Ulrike Bauer, mit der er zwei erwachsene Kinder hat, gibt der promovierte Pädagoge seit Jahren Sommer-Schreibkurse in ihrem Haus in Torri del Benaco am Gardasee. Für den Rest des Jahres lebt das Paar in getrennten Wohnungen in Frankfurt.

Impressionen zur Buchmesse 2017 in Frankfurt

Mutter Evelyn Peters hatte sich nach ihrer Bühnenkarriere als Texterin verdingt und in den 60er Jahren erfolgreiche Unterhaltungsromane verfasst. Sohn Bodo begann mit seinen auch für sie heiklen autobiografischen Erinnerungen erst nach ihrem Tod vor vier Jahren. „Und ich habe versucht, ihr gerecht zu werden“, versichert er.

Und der unermüdliche Autor denkt schon über das nächste Projekt nach. In der Novelle „Widerfahrnis“ sah sich ein älteres Liebespaar auf der Reise nach Sizilien mit einem Flüchtlingskind konfrontiert. Dem Thema Migration will Kirchhoff nun einen Roman widmen. „Schriftstellerische Empathie ist wichtiger denn je“, lautet sein Credo. (dpa/mt)

Kommentar zu Bodo Kirchhoff: Respekt vor Mut und Stil

Bodo Kirchhoff: Dämmer und Aufruhr. Roman der frühen Jahre, Frankfurter Verlagsanstalt, 480 Seiten, 20 Euro.

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