Seefahrer in ferner Galaxie

Meyerbeers „L‘Africaine – Vasco da Gama“ als effektvolle Opernrevue

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Odyssee im Weltraum, mit Meyerbeer statt mit Strauß und Strauss.

Frankfurt - Auf dem Spielplan ist Giacomo Meyerbeers Vasco-da-Gama-Oper „L’Africaine“ eine Rarität. In Frankfurt wagen sich Tobias Kratzer (Regie) und Dirigent Antonello Manacorda an eine Neu-Einstudierung. Und der Erfolg gibt ihnen recht. Von Klaus Ackermann

Statt am Kap der guten Hoffnung in fernen Galaxien: Tobias Kratzer hat in Frankfurt Giacomo Meyerbeers Seefahrer Vasco da Gama ins Weltall entsandt. Und die große Oper des Richard-Wagner-Rivalen um Liebesleid und Machterhalt ins Hier und Heute verlegt. Dabei konnte sich der Regisseur auf hochwertige Sänger-Darsteller verlassen, die auch seine köstlich angespitzten Revue-Dreingaben mittrugen.

In guten Händen bei Gastdirigent Antonello Manacorda war die Belcanto-getränkte, hochdramatische Musik, bei der das schlagkräftige Opern- und Museumsorchester die feinsten Exotismen der Partitur ausleuchtete. Kräftige Buhrufe am Ende des viereinhalbstündigen Spektakels – manchem war da zu viel Tingeltangel beim grandiosen Clash der Kulturen.

Abhängen in der Raumstation: Vasco da Gama, Nelusko und Selika auf Reiner Sellmaiers beeindruckender Bühne.

An fantastischen, seine Große-Oper-Lesart verstärkenden Einfällen mangelt es dem Meyerbeer-Experten am Regiepult nie. Etwa wartet er mit Grußbotschaften der Voyager-Sonden an unbekannte Wesen im All auf und verhandelt Befremdliches an vermeintlich Fremden schon im Vorspiel. Im sachlich-modernen Bühnenbau (Reiner Sellmaier), einer Art Planetarium, vergnügt sich eine Schulklasse, den einzigen dunkelhäutigen Mitschüler ausgrenzend.

Köstlich das Wiedersehen der Weltraumfahrer mit ihren Frauen auf großem Bildschirm, die sich mit Kinderzeichnungen und -fotos vordrängen. Nicht nur beim heftig geschmetterten Matrosenchor mit Vorsänger Isaac Lee (Einstudierung: Tilman Michael), auch im Musikfluss war Meyerbeer für Wagner eine Quelle.

Der Forschungsvorstand tagt, um über die nächste Reise Vasco da Gamas zu befinden, der im Weltraumanzug aus der Schwerelosigkeit einschwebt. An seiner Seite zwei Außerirdische als Sklaven, dank blauer Körperfarbe den Avataren aus dem gleichnamigen Science-Fiction-Film ähnlich. Vorstandsvorsitzender Magnus Baldvinsson bestimmt indes da Gamas Nebenbuhler Don Pedro – Andreas Bauer mit stählernem Bass – zum Chef der Mission. Später mutiert er zum gnadenlosen Oberpriester der Außerirdischen. Auf beiden Seiten wird versklavt und gemordet, dass es eine Lust ist.

In den Kampfszenen, gleichsam auf Breitwand, zeigt sich der Regisseur als meisterlicher Choreograf, während die Nahaufnahmen zäher in Gang kommen. Das ändert sich, wenn die Liebesverwicklungen sich überstürzen. Denn Ines, erst blaustrümpfig, dann in Astronautenweiß, liebt da Gama, rettet ihn und ist mit ihm einzige Überlebende des Massakers.

Wie werde ich Bühnenbildner/in?

Sopranistin Kirsten MacKinnon geizt nicht mit schneidend scharfen Spitzentönen und anrührendem Gesang. Wie Michael Spyres, der seinen Heldentenor nie schont, aber eher an Weltraumeroberung als an Zweisamkeit interessiert ist. Auch Sklavin Selika liebt ihn, die sich als Königin der Außerirdischen entpuppt und vom Co-Sklaven Nelusiko verehrt wird – Paraderolle für den geradlinigen Bass Brian Mulligans. Etwa eine halbe Stunde dauert der Liebesverzicht-Monolog Selikas. Die überragende Mezzosopranistin Claudia Mahnke zieht alle Register, ehe sie mit dem Liebsten in die Schwerelosigkeit entfleucht.

Nachgeliefert wird die Moral: Neue Astronauten landen, massakrieren die Blauhäutigen und hissen ihre Fahne. The Show must go on!

Weitere Vorstellungen am 2., 11., 16., 23. und 31. März.

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