Bundesverband fordert eine zentrale Beschwerdestelle

Sexismus in der Schauspielbranche: „Wir brauchen einen Kodex“

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Sexismus ist ein allgegenwärtiges Thema, wie das Plakat auf dem Frankfurter Eisernen Steg zeigt. Die Schauspielbranche erschüttert seit der Weinstein-Affäre in den USA ein Skandal nach dem anderen. Vergangene Woche wurden Vorwürfe gegen den deutschen Regisseur Dieter Wedel laut. Der Bundesverband Schauspiel, dem im Rhein-Main-Gebiet etwa 100 Mitglieder angehören, will rasch handeln.

Frankfurt/Offenbach - Sexismus und Machtmissbrauch in der Schauspielbranche ist nicht nur in Hollywood ein brisantes Thema. Von Lisa Berins

Simone Wagner betreut den Frankfurter Schauspiel-Stammtisch.

Seit vergangener Woche stehen Belästigungs- und Vergewaltigungsvorwürfe gegen den deutschen Regisseur und Bad Hersfelder Festspiel-Intendanten Dieter Wedel im Raum. Wie verbreitet ist das Problem von Machtmissbrauch und sexueller Gewalt in der hiesigen Film- und Theaterbranche? Die Schauspielerin Simone Wagner ist Vorstandsmitglied des Bundesverbands Schauspiel und leitet die regionalen Stammtische – auch den in Frankfurt. Geschichten wie die um Dieter Wedel und Harvey Weinstein höre man immer wieder, sagt sie. Als Reaktion auf die Missbrauchsfälle ist der Verband dabei, eine überbetriebliche Beschwerdestelle einzurichten. Schon im Februar will der Verband damit Sexismus und Machtmissbrauch in der Branche entgegenwirken. Wie das funktionieren und was die Stelle bewirken soll, erklärt Simone Wagner im Interview.

Frau Wagner, hat Sie der Fall Wedel überrascht?

Nein, überrascht hat mich das nicht. Solche Geschichten hat man hinter vorgehaltener Hand ja schon öfter gehört – nicht konkret über Wedel, sondern generell. Sexuelle Übergriffe und Belästigungen gibt es aber auch in anderen Branchen. Das ist kein spezifisches Problem unter Schauspielern, sondern ein gesamtgesellschaftliches.

Das Machtgefälle scheint aber in der Schauspielbranche krasser zu sein als in anderen Berufen.

Das glaube ich nicht. Ich denke, dass es in unserer Branche nur mehr Aufmerksamkeit erregt, wenn von solchen Fällen die Rede ist. Schauspieler, die im Film- und Fernsehgeschäft sind oder an Staatsbühnen spielen, sind Personen des öffentlichen Lebens. Da gibt es mehr Interesse als bei einer Sekretärin, die sexueller Belästigung ausgesetzt ist.

Eine Sekretärin hat aber nicht mit der viel zitierten Besetzungscouch zu tun. Da gibt es doch andere Gepflogenheiten in Ihrer Branche.

Ja und nein. Ich versuche es mal zu erklären: Wenn ich in einem normalen Betrieb ein Vorstellungsgespräch habe, ist der Personalchef und der Geschäftsführer dabei. Ich schicke meine Bewerbungsunterlagen ein, ein Arbeitszeugnis, einen Lebenslauf, ein Diplom. Das gibt es bei uns so konkret nicht. Zudem kann es auch mal bei uns Schauspielern vorkommen, dass ich mich mit dem Caster, Produzenten oder Regisseur allein treffe. Wir sind näher – auch körperlich – am Regisseur dran. Ich arbeite viel enger mit meinem Arbeitgeber zusammen, als es in anderen Berufen der Fall ist. Schlussendlich haben wir ein ganz anderes Arbeitsumfeld.

Wissen Sie, wie viele Ihrer Kolleginnen und Kollegen schon mal sexuell belästigt worden sind?

Nein, das können wir nicht sagen. Bisher gab es ja keine Beschwerdestelle. Wir haben zwar eine juristische Erstberatung angeboten, aber ich habe noch nicht erlebt, dass sie in Anspruch genommen wurde.

Kennen Sie aktuelle Fälle im Rhein-Main-Gebiet?

Nein.

Wie kann das sein, wo Sie doch sagen, dass sexuelle Belästigung aus Sicht des Bundesverbands Schauspiel ein Problem ist?

Meiner Meinung nach haben vielleicht einige den Mut noch nicht gefunden. Meist haben Betroffene Angst, dass sie ihre Karriere beschädigen, wenn sie den Mund aufmachen. Mag sein, dass wir in einem Jahr mehr Konkretes wissen. Ich denke, dass sich die Frauen jetzt melden, nach dem Aufschrei, den die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein und Dieter Wedel ausgelöst haben.

Was haben die Frauen bisher gemacht, wie konnten sie sich wehren?

Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Vom Hörensagen habe ich von Fällen erfahren, wo es reichte, dass die Schauspielerin den Mann in die Schranken wies. In einem anderen Fall ist die Kollegin zum Anwalt gegangen und hat mit seiner Hilfe eine Unterlassung des Verhaltens durchgesetzt. In beiden Fällen kam es nicht zu einer Karriereschädigung. Für mich persönlich zählt immer ein klares Nein. Ich würde nie darauf eingehen, wenn mir einer zweifelhafte Angebote macht. Wenn ich dann den Job nicht bekomme, würde ich einen Anwalt einschalten oder mich an den Verband wenden. Generell finde ich, dass sich die Kolleginnen viel stärker austauschen müssen, auch wenn dazu Mut und die Überwindung der Scham gehört.

Wie wollen Sie betroffenen Schauspielerinnen helfen?

Wir sind dabei, im Vorfeld einen Verhaltenskodex auszuarbeiten, der präventiv wirkt und einen Leitfaden zu Fragen gibt wie: Was passiert, wenn der Produzent anzügliche Bemerkungen macht? Wenn der Regisseur ein übergriffiges Verhalten an den Tag legt? Dieser Verhaltenskodex soll an die gesamte Film- und Fernsehbranche verteilt werden, um für Sensibilisierung zu sorgen. Daneben können sich Betroffene bei der Beschwerdestelle melden, per E-Mail, Telefon, auch anonym. Sie sollen dann von Juristen, Therapeuten und anderen Profis beraten werden.

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Wie soll das finanziert werden?

Das ist die Frage. Wir haben uns mit Partnern wie Bundesverband Casting, Pro Quote Regie, Deutscher Filmakademie und anderen kurzgeschlossen. Es sitzt ebenfalls die Antidiskriminierungsstelle des Bundes am Tisch, und wir erhoffen uns ihre Unterstützung. Zuerst müssen wir aber Personal- und Raumbedarf klären.

Mittlerweile sprechen Kritiker von einer Hexenjagd auf Regisseure. Was halten Sie davon?

Es gilt die Unschuldsvermutung, und zu den Fällen Weinstein und Wedel möchte ich mich nicht äußern. Aber man muss solche Anschuldigungen ernst nehmen. Eine Hexenjagd ist das nicht. Allerdings ist es schwierig, nach so vielen Jahren nachzuvollziehen, wer Recht hat, wenn Aussage gegen Aussage steht. Ich habe großen Respekt vor dem Mut der Frauen, die sich an die Öffentlichkeit trauen.

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