Mit sinfonischen Brennpunkten

Das Ungeheure in Töne gefasst: Berliner Philharmoniker in Alter Oper

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Gustavo Dudamel dirigierte die Berliner Philharmoniker beim Konzert in der Alten Oper Frankfurt.

Frankfurt - Allerweltsprogramme sind selten Sache der Berliner Philharmoniker – schon gar nicht auf Gastspielreisen. Von Klaus Ackermann

In Frankfurt beleuchtete das weltweit renommierte Professoren-Orchester mit Leonard Bernsteins Sinfonie Nr.1 „Jeremiah“ und der Fünften von Dmitri Schostakowitsch zwei musikalische Brennpunkte mit einer Intensität, die unmittelbar in den Bann zog. Dirigent war einmal mehr der Venezolaner Gustavo Dudamel, der auch beim dritten „Fokus-Konzert“ in der ausverkauften Alten Oper überzeugte.

Dudamel zählt zu jener Generation junger Pultmeister, die Weltoffenheit auch über die sogenannte Klassik hinaus zeigen. Zu seinen Mentoren gehört der ehemalige Chefdirigent der Berliner, Sir Simon Rattle. Da dessen Nachfolger, der Russe Kirill Petrenko, erst zur Saison 2019/2020 antritt, ist bei Deutschlands Nr.1 gleichsam die Bühne frei für den vom Orchester spürbar geschätzten Dudamel.

Bernstein (1918-1990), Weltklassedirigent, Musical-Komponist, Musikpublizist, hat seine Sinfonie Nr.1 1942 unter dem Eindruck des Holocaust geschrieben – bezugnehmend auf hebräische Texte des alttestamentarischen Propheten Jeremias, der die Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier beklagt. Grundstoff ist die jüdische Liturgie, formelhaft in drei programmatische Sätze eingebracht.

Unerbittlich entwickeln die Streicher diese Motive in „Prophecy“ (Weissagung), ein schmerzensreicher Hymnus, bei dem Trompeten (von Jericho) zur Zerstörung Jerusalems aufzurufen scheinen und giftiger Geigenton jedwede friedvolle Anmutung zerstört. Zum Tanz auf dem Vulkan wird „Profanation“ (Schändung) mit meckernden Holzbläsern und massiven „Fill-ins“ des Blechs – Bernstein in seinem Element, dem Rhythmus.

In Jeremias Klagelied („Lamentation“) ist die US-Mezzosopranistin Tamara Mumford Berichterstatterin, Anklägerin und zutiefst Mitleidende. Sie droht mit leidenschaftlicher Stimme, bittet und fleht. Ihre Gebete werden von orchestralen Zwischenspielen kommentiert, die das Ungeheure in Töne fassen. Auch ein bittersüßer Schlussakkord kann nichts mehr beschönigen.

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Schostakowitschs 5. Sinfonie d-Moll ist die erzwungene Revision eines Modernisten, der beim sowjetischen Diktator Stalin in Ungnade fiel. Teils zieht sich der Komponist auf spätromantische Positionen zurück, teils entwickelt er eine Doppelbödigkeit, die Dudamel und das Berliner Orchester in Sarkasmus ummünzen. Klanglich fließt da ein breiter Strom, in dem einzelne Stimmen betörend süß zu mäandern scheinen. Auffallend: die zackige Marsch-Persiflage, das liebliche Violine-Harfe-Duett, der rustikale Tanz, unterbrochen von Hörner-Salven und das strahlende finale Dur. Zu schön, um wahr zu sein …

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