"Stuttgart 21 auf sakral"

Frauenfriedenskirche wird renoviert

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Frauenfriedenskirche wird renoviert

Frankfurt - Eine von Frauen für Frauen finanzierte katholische Kirche ist einmalig in Deutschland. Auch sonst fällt das Frankfurter Gotteshaus aus der Reihe. Knapp 90 Jahre nach der Einweihung steht jetzt eine große Renovierung an. Von Thomas Maier

Die Risse in der Taufkapelle sind unübersehbar. Und im Innern der Kirche bewegt sich der Besucher auf schwankendem Terrain. Weil das monumental wirkende Gotteshaus auf instabilem Basaltstein errichtet ist, hat sich der Boden abgesenkt. Ein knappes Jahrhundert nach Einweihung der Frauenfriedenskirche in Frankfurt-Bockenheim beginnt in diesen Tagen eine umfassende Renovierung für mehr als zwei Millionen Euro - sowohl technisch als auch architektonisch.

Die Hallenkirche, 1929 fertiggestellt, gilt vor allem wegen ihres expressionistisch gestalteten Interieurs als Wahrzeichen des modernen Sakralbaus im 20. Jahrhundert. Schon die Baugeschichte - Frauen finanzieren für Frauen eine Kirche für den Frieden - ist einzigartig.

Die Idee dazu kam 1916 von der Vorsitzenden des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDF), Hedwig Dransfeld. Unter dem Eindruck der Schlacht von Verdun mit 800 000 Toten sollte im Zentrum des Reiches vor allem für die Kriegswitwen ein demonstratives Bauwerk als "immerwährende Opferstätte" zum "Gedächtnis an die Helden" im errichtet werden.

Dransfeld, die nach dem Krieg auch Reichstagsabgeordnete der Zentrumspartei war, handelte dabei nicht unbedingt als Pazifistin. Ihr gelang es aber, bis Ende 1922 über Spenden von Frauen 800 000 Reichsmark zu sammeln. Doch ein Jahr später machte die schwindelerregende Inflation den Kapitalstock zunichte. Als dann nach einer erneuten Sammelaktion 1927 der Architektenwettbewerb begann, war Dransfeld schon tot.

Bilder zur Frauenfriedenskirche in Frankfurt

Die quaderförmige Kirche, die rund 1000 Menschen Platz bietet, hat letztlich der Stuttgarter Architekt Hans Herkommer gebaut. Er war Schüler von Paul Bonatz, der den Stuttgarter Hauptbahnhof errichtet hat. Im traditionalistischen Stil von Bonatz hat Herkommer auch die riesige Kirchenanlage angelegt - mit großen neoromanischen Portalbögen. Das erinnert sehr an das inzwischen berühmt gewordene Bahnhofsgebäude in der schwäbischen Metropole. "Stuttgart 21 auf sakral" nennt scherzhaft Kerstin Stoffels die Kirche, deren Renovierung sie im Auftrag der Gemeinde begleitet.

Die Frauen vom KDF ließen sich jedoch für das Hauptportal der "Mater Dolorosa" - der "schmerzensreichen Mutter" wurde die Kirche im Rahmen der Marienverehrung geweiht - was Besonderes einfallen. Dort steht eine 12 Meter hohe "Regina Pacis". Die "Königin des Friedens" galt damals als größte Mosaikstatue der Welt. Auch im gewaltigen Kirchenschiff wurden Akzente gesetzt. Im großen Mosaik am Hauptaltar ist der siegreiche Christus nur von (heiligen) Frauen umringt.

Architekt Herkommer, im nüchtern-kahlen Langhaus ganz der neuen Sachlichkeit verpflichtet, hat die Kirche durch intensive Farbgebung belebt. Er wählte Rot, Blau und Gold für den noch vorhandenen Hochaltar. Expressionistisch koloriert wurden neben Teppichen auch Decken und die Fenster, die aber nach Bombenschäden im Jahr 1944 für immer verloren gingen.

Die Kirche, die auch noch eine große Krypta besitzt, hat eine weitere Spezialität: In der Form eines Kreuzgangs hat Herkommer neben der Kirche einen "Ehrenhof" angelegt. Dort sind auf Säulen rund 1500 Namen von Gefallenen eingemeißelt. Wer seinen Angehörigen in der nationalen Gedenkstätte haben wollte, musste 50 Reichsmark zahlen - als Beitrag für die Baukosten. Zu den prominentesten Namen gehören Admiral Graf Spee und seine beiden Söhne, die 1914 alle drei gemeinsam bei einem Seegefecht im Südatlantik mit ihrem Schiff versanken.

Neun Klöster für eine spirituelle Auszeit

Die deutsche Geschichte lastet also schwer auf diesem ungewöhnlichen Gotteshaus, das merkwürdigerweise in Frankfurt nur wenige überhaupt kennen. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass die Frauenfriedenskirche weit vom Stadtzentrum entfernt liegt - und auch nur am Rande von Bockenheim. Gedacht war sie für katholische Zuzügler, die Anfang des 20. Jahrhunderts in den damals industriell geprägten Stadtteil strömten. Heute steht die Kirche mitten im sogenannten Diplomatenviertel - ein gut-bürgerliches Wohngebiet mit vielen Konsulaten.

Auch wenn die große Kirche nur selten voll ist, tut die periphere Lage dem Gemeindeleben keinen Abbruch, versichert Stoffels. "Wir sind eine Großstadtgemeinde, wie sie im Buch steht." Ihrem Namen als Friedenskirche sieht man sich weiter verpflichtet, wenn auch sicherlich auf andere Weise, wie Dransfeld sich das einst gedacht hat. Jetzt engagiert sich die Gemeinde für Solidarität mit der Dritten Welt oder in der Flüchtlingsarbeit. Die Kirche ist zugleich Heimat für die äthiopisch-orthodoxe Gemeinde in Frankfurt.

Diese wird sich mit Sicherheit darüber freuen, dass die von Herkommer gewählten bunten Farben wieder an Wänden und Decken zurückkehren. Deren Rückgewinnung ist ebenfalls Aufgabe der großen Renovierung. Außerdem wird die Taufkapelle von außen mit neuen Pfeilern gestützt. Das Langhaus erhält außerdem eine neue Bodenplatte zur Stabilisierung.

Die Kosten von 2,4 Millionen Euro für die Renovierung kommen vom Bistum Limburg und vom Land. Das Kunstministerium in Wiesbaden hat jüngst 150.000 Euro zur Verfügung gestellt. Das gesamte Kirchenensemble steht unter Denkmalschutz. 400.000 Euro muss die Gemeinde aber selbst aufbringen. Ein Jahr soll das Projekt dauern. Zum 90. Geburtstag der Frauenfriedenskirche - am 5. Mai 2019 - soll die Kirche dann in neuem Glanz erstrahlen. (dpa)

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