Teil drei unserer Umfrage zur Bundeskulturpolitik

„Enorme kulturelle Verluste drohen“

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Langjährige Vorkämpferin für den deutschen Film: die ehemalige Direktorin Claudia Dillmann im Jahr 2011 bei der Wiedereröffnung des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt. Zu Gast war Schauspieler Til Schweiger. Foto: dpa

Offenbach -  Kurz vor der Wahl zum Bundestag geht es hoch her: Brisante Dauerbrenner fehlen nicht. Doch was ist mit der Kulturpolitik? Sie spielt im Wahlkampf so gut wie keine Rolle. Von Lisa Berins

Warum nicht? Wir haben uns bei Kulturschaffenden in der Region umgehört, was sie von der Bundeskulturpolitik halten und wo die neue Regierung dringend eingreifen muss.

Der deutsche Film ist eine der größten Kulturbaustellen bundesweit: Vor Kurzem hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) einen erhöhten Betrag im Kulturhaushalt für Filmförderung und -Digitalisierung angekündigt. Außerdem möchte sie ein Filmhaus in Berlin gründen. Claudia Dillmann, erst vor einigen Tagen als langjährige Direktorin des Deutschen Filminstituts und des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt in den Ruhestand gegangen, hat mit uns über das Engagement des Bundes gesprochen.

Ein Filmhaus, in das die Berlinale, die Deutsche Filmakademie, die Deutsche Kinemathek, das Museum für Film und Fernsehen einziehen könnten – was halten Sie von dieser Idee?

Das ist ein überaus sinnvolles Vorhaben, die Einrichtungen unter einem Dach zu vereinen. Besonders für das Museum für Film und Fernsehen und seinen Träger, die Deutsche Kinemathek. Zumal sich damit erhebliche Mietkosten sparen lassen.

Braucht Deutschland so etwas tatsächlich?

Der Film, und damit meine ich auch Film in Serienform, ist noch immer das Leitmedium des 20. und 21. Jahrhunderts. Angesichts seiner Bedeutung und der Berliner Filmtradition beantwortet sich diese Frage von selbst.

Für den Deutschen Filmförderfonds stehen insgesamt 125 Millionen Euro zur Verfügung. Was sagen Sie zu dieser Summe?

Es handelt sich um eine Förderung zugunsten großer nationaler und internationaler Filmproduktionen, der Auslastung heimischer Studios, der nachhaltigen Sicherung von Spezialkenntnissen in der Filmproduktion und anderer Faktoren, also um Kreativwirtschafts- und Standortpolitik. Gemessen an diesen Aufgaben ist der Fonds nicht allzu üppig ausgestattet.

Außerdem sagte der Bund 3,3 Millionen Euro für die digitale Sicherung des deutschen Filmerbes zu. Gibt es eine Sensibilisierung für das Thema?

Das hoffe ich doch sehr. Die Einrichtungen, die für das deutsche Filmerbe zuständig sind, also auch wir vom Deutschen Filminstitut in Frankfurt und Wiesbaden, leisten hier seit Jahren Überzeugungsarbeit. Und zwar auf allen Ebenen. Vor einiger Zeit wurde von einer Beratungsfirma eine benötigte Summe von 10 Millionen pro Jahr ermittelt, die jetzt erst einmal als Richtschnur dient. Bund, Länder und die Filmwirtschaft sollen diese Förderung für die Digitalisierung gemeinsam stemmen.

Was versprechen Sie sich von der Film-Digitalisierung?

Filmmuseen und -archive haben konsequent auf drohende kulturelle Verluste hingewiesen: Sie entstehen, wenn Filme des ausgehenden 19. und des gesamten 20. Jahrhunderts nicht mehr sichtbar sind, also aus dem kulturellen Gedächtnis verschwinden und damit tot sind. Wir leben in Zeiten, in denen die Gesellschaft von analoger auf digitale Technik umstellt. Da kann es nicht sein, dass Werke aus 105 Jahren Filmgeschichte nicht mehr gezeigt werden können, weil sie auf den neuen Geräten nicht abspielbar sind und ihre Digitalisierung manchen zu teuer scheint. Diese Argumentation hat auch die Politik überzeugt. Zudem bietet die Digitalisierung die Chance, dem Publikum viel mehr aus den Archiven zu zeigen als bislang möglich: Filme aus Städten vor dem Zweiten Weltkrieg, Traditionen, Bräuche, Mode, unbekannte Werke – und das alles im Internet.

Wo müsste noch mehr passieren?

In Deutschland steht es mit der Filmkultur nicht zum Besten. In Frankreich, aber auch in den skandinavischen Ländern wurde über Sinn und Zweck der Digitalisierung des Filmerbes gar nicht diskutiert, da war es von vornherein ausgemachte Sache, die historischen Filme sichtbar und damit lebendig zu halten.

Was bedeutet das konkret?

Es besteht hierzulande akuter Handlungsbedarf auf vielen Gebieten: Vermittlung von Wissen über Film, Unterstützung von Filmtheatern und ihrer kulturellen Funktion im ländlichen Raum, Ausbau von deutschlandweiten Projekten zur filmkulturellen Bildung, Stärkung von zentralen Informationsangeboten wie filmportal.de und vieles mehr. Denn eins sollte man sich vor Augen halten: Bewegte Bilder üben eine starke Faszination aus, nicht allein auf Kinder und Jugendliche. Sie begleiten uns im Alltag, bestimmen ihn manchmal. Es ist höchste Zeit, ihre Erzählstrategien, Ästhetiken und Wirkungen verstehen zu lernen. Und es ist wie immer: Dazu braucht es finanzielle, aber auch politische und gesellschaftliche Unterstützung.

Was erwarten Sie von der nächsten Bundesregierung?

Dass sie erstens die Digitalisierungsförderung stemmt, zweitens das kulturelle Filmerbe und die dafür verantwortlichen Einrichtungen deutlich höher als bislang fördert und drittens zentrale Projekte für die filmkulturelle Bildung anstößt und entschiedener finanziell unterstützt. Und da reden wir beileibe nicht von 125 Millionen Euro!

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