1. Startseite
  2. Region
  3. Frankfurt

Tigerpalast bietet in 30. Spielzeit „Varieté at its best“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Michael Eschenauer

Kommentare

Weitgehend glitterfrei: Das Duo Artemiev aus Moskau arbeitet direkt über der Premierengemeinde. -   Foto: Kammerer
Weitgehend glitterfrei: Das Duo Artemiev aus Moskau arbeitet direkt über der Premierengemeinde. © Kammerer

Frankfurt -  Das Frankfurter Varieté „Tigerpalast“ geht in seine 30. Saison. Sein neues Programm entspricht dem Anlass: Es ist selbst für das gewohnt hohe Niveau des Branchenführers außerordentlich. Von Michael Eschenauer

„Was muss das für eine glückliche Stadt sein, die das beste Varieté Europas hat?!“ Es ist kurz vor Mitternacht, als Johnny Klinke diesen Begeisterungsausbruch nicht unterdrücken kann. Der Mann leidet bekanntermaßen nicht unter emotionaler Selbstverzwergung, eher ist das Gegenteil der Fall. Aber in diesem Augenblick, auf der Bühne vor dem legendären knallbunten Vorhang des Tigerpalasts, ist alles gut. Sogar die Unbescheidenheit. Die weit über die Region hinaus bekannte Bühne geht in ihre 30. Saison und bleibt mitreißend. Dies bewies am Dienstagabend die Premiere des Winterprogramms.

Klinke hat zusammen mit seiner kongenialen Partnerin Margareta Dillinger einen weiten Weg zurückgelegt seit jenem regnerischen 30. September im Jahre 1988. Damals, es war ebenfalls fast Mitternacht, wurde nach der ersten Vorstellung des Varieté-Experiments im Jubelsturm des Publikums klar, dass Klinke, Dillinger und Matthias Beltz, der 2002 verstorbene Mitbegründer, im ehemaligen Saal der Heilsarmee aufs richtige Pferd gesetzt hatten.

Johnny Klinke: „Das hier ist alles, was wir haben.“
Johnny Klinke: „Das hier ist alles, was wir haben.“ © Sauda

Unbescheidenheit? Wie ein Kind, das sich jede Weihnachten erneut über die für ein paar Tage aufgebaute alte Märklin-Eisenbahn freut, ist Klinke immer wieder begeistert von seinem Projekt in der etwas finsteren Gegend hinter der Ostzeil, die er als „fast schon Offenbach“ bezeichnet. Und auf die Frage, wann er ans Aufhören denken werde, antwortet der 67-Jährige: „Aufhören? Das hier ist alles, was wir haben. Das ist kein Job, das ist unser Leben.“ Zwei Jahre lang will man nun den Geburtstag feiern. Höhepunkt soll, so Klinke, nichts weniger als ein „Europäischer Festakt“ am 9. Oktober im Gesellschaftshaus des Frankfurter Palmengartens sein.

Das neue Programm wird dem Ereignis gerecht. Hatten alte, von vielen Aufführungen verdorbene Tigerpalast-Gucker von Zeit zu Zeit das Gefühl, die ein oder andere Nummer diene eher dem Zweck des Zuschauer-Anwärmens oder dem Füllen des Abends, gehen Klinke und Dillinger mit einem Programm in die 2017/2018-er Spielzeit, das „Varieté at its best“ präsentiert. Bei keinem Act sinkt das hohe Niveau.

Eines der Glanzlichter setzt Conférencier Jean Michel Fournereau. Der in der Bretagne geborene Chansonnier und Schauspieler aus Paris reißt mit seiner Hommage an Jacques Brel und dessen Lied „Amsterdam“ die Zuschauer aus den Sitzen. Fournereau macht aus Brels Chanson über das wüste Treiben der Matrosen auf Landgang im Rotlichtviertel Amsterdams, von dem es nur eine Live-Aufnahme von 1964 gibt, ein beeindruckendes Zeugnis für Gesangsqualität, Bühnenpräsenz, Dynamik und fast schon aggressiver Kraft.

Ein weiteres Highlight setzen Menno van Dyke und Emily Weisse. Der legendäre Tango-Virtuose Astor Piazzolla inspirierte sie zu einer völlig neuen Choreografie zwischen Tanz, Akrobatik und Jonglage, bei der die Erotik mit der Drehzahl der kreisenden Jonglier-Kegel zuzunehmen scheint.

Politisch wird Klinke im Zusammenhang mit dem ebenfalls bemerkenswerten Auftritt von Victor Kee, einem Jonglage-Virtuosen des Cirque du Soleil, der im späteren Programm zu sehen sein wird. „Der Mann kommt aus den USA nach Europa zurück. In den Vereinigten Staaten sind die Zeiten für Kunst und Kultur, also auch für Artistik angesichts der innenpolitischen Entwicklung deutlich härter geworden – auch für große Shows wie den Cirque du Soleil, die dort viele Jahre gut verdient haben“, berichtet Klinke.

Hat man so was schon gesehen? Nein! „Menno & Emily“ kombinieren Jonglieren mit einem sinnlichen Tango. -   Fotos (2): Enrico Sauda
Hat man so was schon gesehen? Nein! „Menno & Emily“ kombinieren Jonglieren mit einem sinnlichen Tango. © Sauda

Der Auftritt das einstigen Kunstturners und jetzigen Strapaten-Artisten aus Kasachstan namens Darkan ist beispielhaft für die Authentizität und gnadenlose Nähe, die der Tigerpalast kultiviert. Der Mann, der an Bändern unglaubliche Kunststücke mehrere Meter über dem Boden vollführt, arbeitet zum Teil nur Zentimeter entfernt vom Publikum. Sein Flicflac endet eine Handbreit vor der Bar, der Talkum-Staub legt sich fast auf die Revers der Anzüge und auf seinem in Konzentration versunkenen, fast arrogant versteinerten Gesicht ist jeder Schweißtropfen zu erkennen. Er trägt schwarzes T-Shirt zu schwarzer Hose: Tigerpalast-Artisten reduzieren Glitzer-Accessoires. Der Zuschauer soll sich auf das konzentrieren, was geleistet wird. Darkan lächelt erst, als er auf dem Boden steht und sich verneigt. „Der hat mir direkt in die Augen geguckt“, entfährt es einer Frau am Bistrotisch nebenan. Die „Bretter, die die Welt bedeuten“, reichen beim Tiger über die zwölf Quadratmeter große Bühne hinaus.

Im aktuellen Programm erwarten die Zuschauer außer den erwähnten Artisten die Jonglage-Künstlerin Selyna Bogino aus Italien. Es folgt das schräge Zauberer-Paar Otto und Christa Wessely aus Paris. Es veralbert und chaotisiert die altbekannten und verstaubten Nummern der Bühnen-Magier derart, dass der Zuschauer kaum mehr weiß, ob er lachen oder sich fremdschämen soll. Beim Duo Laos aus Argentinien wird beeindruckendes artistisches Ballett zu einer musikalischen Geschichte der Unterwerfung. Das Duo Artemiev aus Moskau präsentiert eine sehr gelungene Trapez-Kür und die Kontorsionistin Maria Sarach aus Moskau zeigt, zu welchen Winkelstellungen der menschliche Körper in der Lage ist.

Einmal mehr beweist der Tigerpalast, dass er den Hunger nach dem Live-Erlebnis, die Lust an neuen Bildern und die Freude an handwerklichem Können befriedigen kann.

Tigerpalast: Frankfurt, Heiligkreuzgasse 16-20, Telefon: 069/92 00 220, Karten gibt's zu Preisen von rund 60 Euro.

www.tigerpalast.de

Auch interessant

Kommentare