Diskriminierung

Trans*Diskriminierung an der Goethe-Uni: „Ich fühle mich, als existiere ich nicht“

+
Das Studierendenparlament der Goethe-Universität hatte in ihrer letzten Sitzung vor der Sommerpause eine Resolution gegen Trans*-Diskriminierung im universitären Raum beschlossen.

Anne (22) fühlt sich weder als Frau noch als Mann, sondern als irgendwas dazwischen. Sie erzählt, warum sie im Alltag und im Uni-Alltag leidet.

Frankfurt – Zwanzig Minuten sitzt Anne vor dem Zettel und scheitert an dieser einen Frage. Einer Frage, die die meisten Menschen sekundenschnell und ohne jeglichen Zweifel beantworten. Die 22-jährige Studentin soll aufschreiben, ob sie männlich oder weiblich ist.

Ihre Dozentin der Frankfurter Goethe-Uni will in dieser Stunde eine Erhebung machen, um etwas exemplarisch zu errechnen. „Ich wusste einfach nicht, was ich draufschreiben sollte. Beides wäre einfach eine Lüge gewesen. Ich fühle mich nämlich weder von der Bezeichnung Mann noch von Frau angesprochen, sondern als irgendwas Drittes.“

Ihre Eltern, die auf dem Dorf leben, wissen nicht, dass ihr Kind, das als Mädchen geboren wurde, „unabhängig davon, was mein Körper sagt oder was in meinem Pass steht“, sich selbst als trans* definiert. „Meine Eltern würden das nicht verstehen“, sagt sie. Deswegen will sie auch ohne Bild in die Zeitung.

„Egal, wo ich bin, welches Formular ich ausfülle, immer muss ich angeben, ob ich Mann oder Frau bin. Selbst wenn ich mir nur ein Paar Schuhe online bestelle. Das ist emotional extrem anstrengend für mich.“

Mann oder Frau? Für Anne ein stetiges Hindernis 

Auch im Uni-Alltag belaste sie das sehr. „Schon als ich mich an der Uni einschrieb, musste ich mein Geschlecht angeben. Klar, es gibt die Möglichkeit, divers einzutragen, aber die gilt nur für intergeschlechtliche Personen, also die von Geburt an weder eindeutig Mädchen noch Junge sind“, sagt Anne.

Für Transsexuelle, die sich von Mann zu Frau oder von Frau zu Mann operieren lassen wollen, gebe es auch die Möglichkeit, erst den Personalausweis und dann die Studierendendaten ändern zu lassen. „Ich möchte aber kein Mann werden“, sagt Anne. Auch ihren Namen möchte sie zumindest zurzeit nicht ändern. Aber sie will als „etwas Drittes“ anerkannt werden.

Die Goethe-Uni schreibt auf Anfrage: Prüfungen unter neuem Namen seien möglich. Voraussetzung sei aber eben, dass die betreffenden Personen bereits einen Antrag auf amtliche Namensänderung beim Amtsgericht eingereicht hätten und über einen dgti-Ergänzungsausweis (Transidentität und Intersexualität) verfügten.

An der Technischen Universität Darmstadt (TU) geht das alles wesentlich unkomplizierter: Laut deren Auskunft können Studierende ohne ärztliches Attest und Änderung des Personalausweises beantragen, dass der Wunschvorname und das gewählte Geschlecht im Campusmanagementsystem eingetragen wird. „Dies hat zur Folge, dass Wunschgeschlecht und Neu-Vorname durchgängig und einheitlich auf allen Dokumenten, auch dem Studierendenausweis, der Technischen Universität Darmstadt verwendet werden.“

Trans*-Diskriminierung in Frankfurt: Goethi-Uni wenig fortschrittlich 

Anne sagt: „Die Frankfurter Goethe-Uni ist da leider wenig fortschrittlich. Sie hätte die Möglichkeit mehr zu tun.“ Das sieht nicht nur sie so. Das Studierendenparlament hat in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause eine Resolution gegen Trans*-Diskriminierung im universitären Raum beschlossen.

Für viele Trans*-Studierende auf dem Campus der Goethe-Universität stelle sich zudem die Frage, welche Toilette sie benutzten. Auch Anne wünscht sich eine „All-Gender-Toilette“. Momentan nutze sie die Frauentoilette. „Es fühlt sich aber jedes Mal so an, als ob mir jemand mit dem Kantholz auf dem Kopf haut und sagt: ,Du existierst gar nicht.‘“ Sie sagt: „Ich kenne viele Trans*-Studierende, die an der Uni kaum etwas trinken und fast dehydrieren, nur damit sie nicht mehr aufs Klo gehen müssen. Das hat gesundheitliche Folgen.“

Die Hochschulleitung sagt auf Anfrage der FR, sie bedauere solche Vorfälle. „Wir wünschen uns, dass diese Studierenden ihren Bedarf noch klarer kommunizieren.“

Anne erzählt, dass es in der Studierendenschaft bereits Bestrebungen zur Einrichtung von All-Gender-Toiletten gibt. So auch in dem Gebäude, in dem Soziologie, Erziehungswissenschaften und Psychologie und Politik auf dem Campus Westend sitzen.

Auch interessant: Frankfurter Goethe-Uni begrüßt neue Studenten: mehr als 8200 Erstsemester

Trans*-Diskriminierung: Damentoilette zur All-Gender-Toilette umbenannt 

Dort benennen Studierende seit zwei Jahren immer wieder eine Damentoilette zur All-Gender-Toilette um. „Aber jedes Mal entfernt die Uni das Schild und bringt eine Woche später wieder ein neues Damen-WC-Schild an“, erzählt Anne. „Es ist doch absurd, wie viel Zeit und Geld die Uni da reinsteckt, um das binäre System aufrechtzuerhalten. Und wie sehr sie sich dagegen sträubt, mal eine von Dutzenden Toiletten in diesem Gebäude für alle Menschen zu öffnen.“

Dieser konkrete Fall, sagen die Hochschulleitung und das Dekanat des Fachbereichs, sei ihnen nicht bekannt. „Nach unserer Kenntnis wurden jedoch bereits andere Toilettenräume an der Goethe-Universität erfolgreich und langfristig umdefiniert“, heißt es in der Stellungsnahme der Uni. Es gebe bisher vereinzelt Toiletten, die als All-Gender-Toiletten genutzt werden könnten, etwa im Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaften oder in den Räumen des Gleichstellungsbüros.

Die Universität arbeite zudem bereits daran, mehr „All Gender welcome“-Toiletten zu schaffen und prüfe vor dem Hintergrund des geltenden Baurechts sowie der Versammlungsstättenverordnung die baulichen Möglichkeiten in den bestehenden Gebäuden.

Was ist trans*?

Laut Antidiskriminierungsstelle des Bundes ist Trans* ein Oberbegriff, der Menschen bezeichnet, die sich nicht beziehungsweise nicht nur mit dem ihnen bei der Geburt biologischen oder zugewiesenen Geschlecht identifizieren. 

Dazu zählen auch Menschen, die geschlechtsangleichende Behandlungen anstreben. Trans* sind beispielsweise Mann-zu-Frau-Transsexuelle oder Frau-zu-Mann-Transsexuelle, aber auch Menschen, die sich geschlechtlich nicht verorten lassen möchten. 

Trans* ist keine Variante der sexuellen Orientierung. Trans*-Menschen können hetero-, homo-, bi- oder auch asexuell sein. 

Es gibt keine offizielle Angabe zur Anzahl der in Deutschland lebenden Trans*-Personen. Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) geht von 60 000 bis 100 000 Trans*-Personen in Deutschland aus. 

Der Grund für die stark abweichenden Schätzungen sind unterschiedliche Definitionen: Während juristische und medizinische Quellen meist nur Personen erfassen, die als transsexuell diagnostiziert wurden und Schritte zur Geschlechtsangleichung ergreifen, berücksichtigen Trans*-Organisationen Menschen, die ihren Körper medizinisch nicht verändern lassen.

Der FR-Newsletter

Das Wichtigste des Tages direkt aus der FR-Redaktion per Mail: Erhalten Sie eine Auswahl der spannendsten Texte und der wichtigsten Themen, ergänzt mit Analysen und Kommentaren unserer Autorinnen und Autoren – kostenlos. Jetzt den täglichen Newsletter abonnieren unter www.FR.de/newsletter

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare