TÜV Süd nimmt auch Spielzeug unter die Lupe

Wenn Teddys in Flammen aufgehen

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In den Laboren wird nach schädlichen Substanzen gesucht.

Frankfurt - Den TÜV kennt man von der Hauptuntersuchung beim Auto. Der TÜV Süd prüft aber auch Spielzeug, Textilien, Möbel und Werkzeug. Er ist mittlerweile 150 Jahre alt. Von Marc Kuhn 

Boris Bernhardt hat die Handschleifmaschine in einen Holzkasten gehängt. Dann dreht der Ingenieur den Strom an. Die Maschine heult auf. Nach kurzer Zeit ist ein lauter Schlag zu hören. Die Schleifplatte ist zerrissen. Ein Teil hat sich ins Holz gebohrt. Der Rest ist nach hinten geflogen, weil sich die Schutzhaube an der Schleifmaschine verdreht hat - um mehr als 90 Grad, sagte Prüfer Bernhardt. „Klar durchgefallen“, lautet die Diagnose des Spezialisten vom TÜV Süd. Er ist einer von etwa 80 Mitarbeitern des Technischen Überwachungsvereins, die in ihren Laboren im Frankfurter Osten Werkzeuge, Textilien und Spielzeug unter anderem auf die Sicherheit überprüfen.

Es ist eines von insgesamt acht Kompetenzzentren des Bereichs TÜV Süd Product Service in Deutschland, weltweit gibt es 54 solche Standorte in 19 Ländern. Dieses Segment des TÜV Süd übernimmt vor allem gesetzlich vorgeschriebene Prüfungen und Zertifizierungen in den einzelnen Staaten. Weltweit betreibt der TÜV Süd knapp 200 Labore für Produktprüfungen. In diesen Tagen feiert er seinen 150. Geburtstag.

Seit der Liberalisierung in den 80er Jahren gibt es in Deutschland auch noch den TÜV Rheinland und den TÜV Nord. Es seien privatwirtschaftliche Unternehmen, die im Wettbewerb zueinander stehen, sagte Heidi Atzler vom TÜV Süd. Längst sind aus ihnen international tätige Firmen geworden (siehe Hintergrund). Der TÜV Süd hat auf der ganzen Welt rund 850 Standorte. In Deutschland zählt er etwa 11.000 Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Umsatz in Höhe von 1,3 Milliarden Euro.

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Zum TÜV Süd gehört auch der TÜV Hessen mit Hauptsitz in Darmstadt. Er ist in verschiedene Bereiche aufgeteilt, die sich unter anderem um Autos, die Sicherheit von Anlagen, um Elektro- und Gebäudetechnik sowie um Arbeitsmedizin kümmern.

Der TÜV Süd wird nach verschiedenen Vorgaben als Dienstleister tätig: Entweder sind Prüfungen gesetzlich vorgeschrieben und werden durch staatliche Aufsichtsbehörden überwacht, wie etwa Fahrstuhlprüfungen oder die Hauptuntersuchung beim Auto. Tests können auch auf gesetzlichen oder normativen Vorgaben basieren und auf freiwilliger Basis erfolgen. In diese Gruppe fallen zum Beispiel Prüfungen von Produkten, die das sogenannte GS-Zeichen (geprüfte Sicherheit) bekommen.

Einige Verfahren basieren aber auch auf selbst entwickelten Standards und Kriterien des TÜV Süd, weil die bisherigen technischen Regeln nicht ausreichend sind, etwa bei der Benutzerfreundlichkeit und Sicherheit von Online-Shops. Eine erfolgreiche Prüfung endet dann mit der Auszeichnung des Prüfsiegels. Es gibt aber auch Einzelaufträge von Unternehmen oder Behörden. Beispiele hierfür sind Schadengutachten oder Tests bei der Produktentwicklung.

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Im Staublabor in Frankfurt testet Patrick Baumann Industriestaubsauger. Nur eine sehr geringe Menge Staub - bei den Versuchen ist eine eine Art Kreide - darf durch den Staubsauger kommen, 99,995 Prozent muss in den Filtern hängen bleiben. Sonst bekommt das Produkt nicht die begehrte Klasse H, sondern nur M oder L. In Dauerprüfständen werden beispielsweise Akkuschrauber darauf getestet, ob sie das halten, was die Hersteller versprechen. Im Labor für Chemie- und Textilprüfungen zerlegt Maike Beyland Schuhe. Sie können aus 30 bis 50 Teilen bestehen, wie Ralph Elbert vom TÜV Süd berichtete. Sie werden überprüft, ob die Bestandteile bedenkliche oder gefährliche Stoffe enthalten. Auch in anderen Produkten wird beispielsweise nach gefährlichen Weichmachern oder anderen Substanzen wie Chrom 6 gesucht, das bei der Ledergärbung verwendet werden kann.

Derweil wird in einer Brennkammer eine Flamme kurz an einen Teddybären gehalten - wie mit einer Kerze. Er sei bei dem Versuch durchgefallen, weil der Teddy selbstständig weiter brenne, erläuterte Elbert. „Für Spielzeug gelten ganz klare Vorgaben.“ Wenn Stoffe einer sogenannten textilphysikalischen Prüfung unterzogen werden, muss ein Normklima herrschen - 20 Grad, plus/minus zwei Grad, 65 Prozent Luftfeuchtigkeit, plus/minus vier Prozent. Dort werden sie auf Qualitätsmerkmale getestet, die oft der Hersteller festlegt.

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Ansonsten gelten in Deutschland etwa 65.000 Normen, Unfallverhütungsvorschriften und gesetzliche Vorgaben, sagte Horst Kristen, Chef des Frankfurter Labors. Meist würden die Produkte bei den Prüfern dreimal vorgeführt: Als Prototyp, als Vorserienmodell und als Serienmodell. Zwei Drittel der Produkte bestehen die Versuche, wie Kristen weiter erklärte. Der Rest scheitert nicht nur an sicherheitsrelevanten Aspekten, sondern zum Beispiel auch an Fehlern in Betriebsanleitungen. Zu den Kunden des TÜV Süd zählen große Unternehmen, Mittelständler, aber auch kleine Betriebe, so Elbert.

Der TÜV Süd vergibt Prüfzeichen wie das für geprüfte Sicherheit - GS. Es bescheinige, dass bei sachgemäßer Verwendung keine Gefahr für den Benutzer drohe, so Elbert. Die Standards würden von unabhängigen Unternehmen wie dem TÜV Süd überprüft. Die CE-Kennzeichnung werde dagegen vom Hersteller selbst angebracht, Elbert spricht vom Reisepass für Produkte. Das Zeichen bescheinigt, dass das Produkt europäische Richtlinien erfülle. Diese Waren dürfen in allen Ländern der EU vermarktet werden. Insgesamt gibt es auf dem Markt eine Vielzahl von Siegeln, die dem Verbraucher allerdings die Orientierung erschweren.

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