„Ein bisschen gegen den Strom schwimmen“

Designer Sebastian Herkner über seinen „Offenbach-Stuhl“ und neue Anforderungen an Möbel

Der Offenbacher Designer Sebastian Herkner mit seinem Stuhl „Klee“.
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Schlicht und zugleich extravagant: Sebastian Herkner entwirft Möbel wie diesen Stuhl („Klee“) in seinem Studio in Offenbach. Der Designer spielt nun allerdings mit dem Gedanken, seine Wahlheimat zu verlassen.

Unter dem Holztisch grinst Kermit sein freches Markenlächeln. Sebastian Herkner, Designer, Unternehmer und Träger der weißen Turnschuhe mit Motiven des Muppet-Froschs, hat sich auf die Bierbank im Schatten gepflanzt und ein Glas Sprudel eingeschenkt. Gerade ist er aus seinem Studio gekommen, das weniger Glamour versprüht als erwartet: ein kreatives Chaos auf zwei Stockwerken in einer Hinterhoffabrik, deren Fenster vergittert sind. „Damals war hier ein Pelz- und Lederfabrikant drin“, erklärt Herkner. Seit Jahren spielt der Designer international in der Top-Liga mit. Wir haben mit ihm über seine Wahlheimat Offenbach gesprochen, darüber, wie die Pandemie unsere Ansprüche an das Wohnen verändert und wie „woke“ Design sein kann.

Herr Herkner, wenn man Ihre steile Karriere verfolgt, fragt man sich: Was machen Sie eigentlich noch in Offenbach?

Wenn ich an Unis lehre, die nicht in den großen Städten sind, dann sage ich den Studenten immer: Setzt euch nicht unter Druck, es muss nach dem Studium nicht unbedingt London, Paris oder München sein. Ihr müsst euch wohlfühlen, auch im finanziellen Sinne. Was bringt mir eine kleine Dachgeschosskammer in Paris, wenn ich dafür drei Nebenjobs machen muss und ich mich nicht hundertprozentig auf meine Entwicklung konzentrieren kann? Ich habe in Offenbach klein angefangen und bin hier gewachsen, ich habe Freunde und meinen Mann hier. Und Frankfurt ist in der Nähe.

Ihre Auftraggeber sitzen aber doch eher in anderen Städten, ist man da nicht etwas ab vom Schuss?

Deshalb haben wir mittlerweile eine kleine Wohnung in Berlin. Auf lange Sicht werden wir wahrscheinlich komplett umziehen, mit dem Studio. Es ist auch ganz klar eine Flucht. Das Paradoxe ist ja, dass die Stadt Offenbach mich noch nie gefragt hat, etwas für sie zu gestalten. Sie schmückt sich mit dem Label „Kreativstadt“, aber angesprochen wird man nicht. Jetzt wird der Marktplatz umgebaut, mit einem infantilen Blätterdach aus Metallbäumen. Das ist ein Desaster, das irgendwer von außerhalb gestaltet hat ohne jeglichen Bezug zu der Stadt, und man fragt nicht mal regionale Gestalter, das zu machen. Dieses rote Zeltdach wäre wesentlich besser. Das hätte man nur erneuern müssen, bevor man nun solche Dekorationen umsetzt.

Sie wären gerne nach Ihren Ideen gefragt worden?

Warum nicht? Ich bin seit 20 Jahren hier, seit zehn Jahren bin ich erfolgreich. Die Stadt holt Unternehmen wie Samson her und baut einen „Innovationscampus“, plant einen HfG-Neubau und entwickelt einen tollen neuen Hafen – das ist alles großartig. Aber letztendlich betreibt sie doch nur oberflächliches Marketing auf irgendwelchen Investorenmessen. Mit den Kreativen, die hier arbeiten, gibt es keinen Kontakt.

Sie haben 2018 einen Stuhl nach Ihrer Wahlheimat benannt: den Thonet 118, auch als „Offenbach-Stuhl“ bezeichnet. Ist das Ironie?

Natürlich!

Dieser Stuhl, der um die 300, 400 Euro kostet, wird in einer Stadt, in der es eines der niedrigsten Pro-Kopf-Einkommen Deutschlands gibt, eher in in den wenigsten Haushalten stehen...

Wahrscheinlich. Es war augenzwinkernd gemeint. Ich schätze Offenbach ja auch. Die kurzen Wege, den Markt. Es ist offenkundig keine schöne oder attraktive Stadt. Aber gibt es die überhaupt? Wenn, dann sind es in Deutschland Städte, die direkt nach dem Krieg ihre Altstadt wieder aufgebaut haben. Hier hat sich die Stadt damals ja bekannterweise anders entschieden. Jetzt wird versucht, hier und da etwas zu verschönern, aber ob das mit den geplanten architektonischen Lösungen geschehen wird, ist die andere Frage. Wie viele andere Städte verliert auch Offenbach seine Identität. Als ich hier 2001 ankam, waren die letzten Leuchttürme der Lederindustrie – Goldpfeil, Seeger, Montblanc – verschwunden. Man hat das verbindende Element verloren. Nun geht es darum, eine neue Identität zu schmieden.

Im brutalistischen Ambiente: Der Thonet-Stuhl „118“ („Offenbach-Stuhl“), wurde für dieses Fotoshooting im Offenbacher Rathaus inszeniert.

Wie in vielen anderen Städten sieht man auch in Offenbach den Trend, dass die Mieten teurer, die Kluft zwischen reich und arm immer sichtbarer wird. Sie haben letztens eine Einrichtung für das Frankfurter Hochhaus „One Forty West“ gestaltet. Wie sieht dort das neue Wohnen aus – und für wen ist es gedacht?

Wir haben das Interior für eine Musterwohnung von „Engel & Völkers“ gemacht. Es ist ein sehr exklusives Projekt. Die Aussicht ist großartig, und die Wohnungen sind nicht allzu groß und eher für Paare oder Pendler gedacht, die unter der Woche in Frankfurt arbeiten. Es gibt einen Concierge, ein Restaurant, einen Weinkeller, einen Full Service. Durch das Hotel wird es eine Mischung von Bewohnern und Gästen geben. Es wird ein sehr kommunikativer Ort. Es ist alles sehr zeitgemäß und modern, ein bisschen wie in New York – ein einzigartiger Spirit, den man so bisher in Frankfurt nicht kennt.

Sie arbeiten im Luxus- Segment ...

Ich nenne es Premium, das hat mit Luxus nichts gemein.

Sehen Sie es als Ihren Job, Sehnsüchte nach solchen Statusobjekten zu wecken? Nach schönen Dingen, die sich nicht viele leisten können?

Ich denke, gutes Design muss eine Investition sein, wie ein Haus oder ein Auto oder ein Kunstwerk. Das Wichtige dabei ist, dass man in Qualität investiert, und da geht es in erster Linie nicht um den Preis. Aber ich freue mich, wenn mir Leute schreiben, dass sie zwei Jahre auf den Tisch gespart haben. So wird er wertgeschätzt und vielleicht weitergegeben an die Kinder. Das ist für mich Nachhaltigkeit; langlebige Produkte zu erschaffen, die auch gebraucht einen Wert haben und weiter genutzt werden können. Aktuell, in der jetzigen Krise, gibt es den Trend, dass die Leute wieder mehr Geld für Qualität ausgeben und in ihr Haus und ihre Wohnung investieren.

Sie arbeiten viel im Ausland, in Thailand, Senegal, Simbabwe, Kolumbien. Wie sieht Luxus da aus?

Beim Reisen lernt man die Welt auf eine ganz andere Weise kennen. Für mich ist das kein Urlaub, sondern intensive Arbeit mit den Menschen vor Ort. Wenn man in Simbabwe im Busch sitzt, hinterfragt man natürlich auch sein eigenes Leben und die Gesellschaft. In diesen Ländern gibt es eine ganz andere Art von Zufriedenheit. Trotzdem sind die Sehnsüchte der Menschen, vor allem der Jugend, überall sehr ähnlich. Es gibt das Smartphone und das Fußballtrikot – die Kulturen nähern sich immer mehr an. Das ist natürlich schwierig für einen Designer, man möchte ja eher die B-Seite erleben, das Spezielle, was ein Land, eine Kultur ausmacht.

Was genau haben Sie in Simbabwe gemacht?

Das war ein Projekt, das von der EU unterstützt wurde. Wir haben dort mit Korbflechterinnen gearbeitet. Für eine Woche Arbeit bekommen sie drei Euro Lohn. Trotzdem haben sie den ganzen Tag gesungen und getanzt. Sie hatten die tollste bunte Kleidung an. Da kam uns die Idee, statt der naturfarbenen Körbe bunte herzustellen. Da Geld für die Farbe fehlte, haben wir Transportsäcke, in denen Mehl oder Mais getragen wurde, zerlegt und die farbigen Fasern mit eingeflochten. Als ich die Körbe auf einer Messe in Deutschland dann für zehn Euro verkaufen wollte, sagte ein Mann, er wisse, was die Preise seien und würde nicht mehr als drei Euro zahlen. Das war Handwerkerrassismus erster Klasse – das sage ich jetzt mal überspitzt. Warum soll eine Arbeit in Simbabwe kaum etwas wert sein?

Offenbacher Designer mit internationalem Renommee

Sebastian Herkner wurde 1981 in Bad Mergentheim geboren und studierte von 2001 bis 2007 Produktdesign an der Hochschule für Gestaltung Offenbach (HfG). 2006 gründete er sein Studio in der Geleitstraße in Offenbach, wo er Möbel, Lampen und andere Objekte für bekannte Hersteller entwirft, unter anderem für Dedon, Pulpo, Rosenthal und Thonet. Im Jahr 2011 wurde er mit dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland als bester Newcomer ausgezeichnet, im vergangenen Jahr erhielt er den German Design Award. Neben seiner Tätigkeit als Designer realisiert er Innenarchitekturprojekte und arbeitet für Ausstellungen und Museen. Von 2007 bis 2012 war er als Lehrassistent an der HfG tätig. Im Jahr 2018 entwarf er den „Offenbach- Stuhl“ für Thonet.

Kann Design die Welt fairer machen?

Design hat natürlich Möglichkeiten, politisch, gesellschaftlich, soziologisch. Ich trage eine große Verantwortung für die Hersteller, aber auch für die Produktion. Als letztes Jahr bestimmte Komponenten aus Asien nicht mehr geliefert werden konnten, wurde mir noch mal bewusster, wie global wir arbeiten und welche große Entscheidungsgewalt man hat. Wo wird produziert, unter welchen Umständen? Wie kann man das Produkt recyceln? Ich lasse meist regional produzieren, das bedeutet dort, wo die Firma sitzt, also in Frankenberg oder auch auf den Philippinen. Wichtig ist, dass nach gewissen Standards produziert wird, und dass junge Leute wieder Gefallen am Handwerk finden. Ein Top-Glasbläser beispielsweise verdient heute wieder gutes Geld.

Warum ist das Handwerk in Zeiten des 3D-Druckers so wichtig für Sie?

Es gibt ja einen Offenbacher Ansatz. Da geht es um eine gewisse Produktsprache, die mich inspiriert hat. Bei uns ist daraus eine eigene Sprache gewachsen, in der es um die Balance zwischen Handwerk und Industrie, Tradition und Innovation, Farbe und Material geht. Wenn ich zum Beispiel mit Firmen in Kolumbien arbeite, produzieren wir mit Materialen aus Kolumbien, mit dortiger Technik. Wir fahren mit dem Bus durch den Amazonas und entwickeln dort mit den Indigenen Projekte, zum Beispiel mit Keramik, oder wir lassen dort Teppiche von den Einheimischen flechten. Viele, die für uns arbeiten, sind Jugendliche aus den Favelas, die nur eine mäßige Schulausbildung haben, aber das Handwerk von ihren Eltern und Großeltern gelernt haben. Sie schließen sich zusammen, mieten eine Halle und flechten für uns. Und dann sind sie stolz, dass ihr Design weltweit zu kaufen ist. Derzeit versinkt Kolumbien allerdings wieder im Chaos, die Produktion ist eingeschränkt, und es ist einfach schwer, dem Kunden oder Händler zu sagen: Sorry, es dauert drei Monate, bis wir liefern können. Wir sind mittlerweile die Prime-Lieferung am nächsten Tag gewöhnt und haben verlernt, geduldig zu sein.

Wie hat die Pandemie unsere Ansprüche an das Wohnen verändert?

Der mobile Arbeitsplatz ist ein großes Thema, Arbeiten und Leben auf engem Raum. Die Wohnungen werden immer kleiner, vor allem in Asien ist das schon extrem. Gibt es dann einen Universaltisch für alles oder eine Koje, in der man einen Schreibtisch ausklappen kann? Das Thema Sitzen spielt auch eine Rolle. Durchs Zuhausesein nutzen wir die Möbel ganz anders, viel intensiver. Ein Sofa ist heute ein Platz zum Schlafen, Lümmeln, Arbeiten. Du hast am Tisch Calls und Videomeetings, und dann stapelst du Bücher, damit die Kamera deines Notebooks die richtige Höhe hat, und fängst an, den Hintergrund zu stylen, die Vasen zu verrücken ...

Wie gehen Sie als Designer darauf ein?

Wir überlegen zum Beispiel: Wie muss ein Tisch heute sein? Zum „London Design Festival“ haben wir einen organischen Esstisch aus Holz entworfen, mit verschieden hohen Podesten, Tablaren, die man auf dem Tisch hin und herschieben kann, um verschiedene Szenarien abzubilden – um den Laptop höher zu stellen oder diesen wie auf einem Schlitten zur Seite schieben zu können, um den Tisch frei zu haben fürs Abendessen.

Was hat ein erfolgreiches Designobjekt an sich?

Oft geht es um Mut, eine Vision, den Glauben an ein Produkt. Als ich damals den „Bell Table“ aus Glas und Messing gemacht und auf der Messe vorgestellt habe, fand die Presse ihn gut, aber keiner wollte ihn herstellen, weil smarte Materialien das Thema der Stunde waren. Drei Jahre später ging er erst in Produktion bei der Firma Classicon. Er ist heute eines ihrer erfolgreichsten Produkte.

Was glauben Sie, hat damals den Durchbruch ihres Entwurfs gebracht?

Die Renaissance der alten Materialien, die neue Formsprache, es war ein bisschen gegen den Strom schwimmen, es war ein Glasfuß mit Metalltrichter obendrauf, das gab’s in der Form bei einem Beistelltisch noch nicht. Wir haben das klassische Konzept auf den Kopf gestellt und dadurch irritiert. Mein Team und ich versuchen, nicht mainstreamig oder trendy zu sein, sondern wollen stets etwas ganz Eigenes machen.

Thema „Wokeness“: In letzter Zeit ist verstärkt die Rede von gendergerechtem Design. Wie kann ein Stuhl gerecht sein?

Es ist total schwierig, den verschiedenen Ansprüchen gerecht zu werden. In diesem Sinne kann ein einzelnes Objekt gar nicht demokratisch sein. Wir verkaufen international, und da ist ja zum Beispiel schon die Physiognomie sehr unterschiedlich. Einen Universalstuhl zu machen, ist fast unmöglich. Dafür sind ohnehin auch die Anwendungsbereiche zu verschieden. Ein Chefsessel ist kein Gartenstuhl oder ein Stuhl in einem Bistro ...

Sind Sie eigentlich neugierig, wer am Ende Ihre Produkte nutzt, wo sie stehen, in welcher Wohnung?

Und wie! Manchmal stalke ich meine Produkte bei Instagram, und dann steht der „Bell Table“ neben einem Ikea-Sofa oder einem Vintage-Teil.

Ist das gut oder schlecht?

Darum geht es nicht. Jeder integriert und interpretiert ein Objekt anders. Es bekommt seine Patina, erzählt seine Geschichten, das ist das Schöne daran.

Das Gespräch führte Lisa Berins.

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