Viel Furor um nichts

Uraufführung am Schauspiel Frankfurt mit „Tatort“-Kommissar

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Zweifacher Coup: Frankfurts Schauspielintendant Anselm Weber sicherte sich die Uraufführung von „Furor“ aus der Feder von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, zudem engagierte er den „Tatort“- bekannten Dietmar Bär für die Rolle des Politikers (links). Der gerät mit einem Paketboten (Fridolin Sandmeyer) aneinander.

Frankfurt - Ein Politiker, eine Altenpflegerin, ein Paketbote – im Stück „Furor“, das Schauspielintendant Anselm Weber in Frankfurt inszeniert hat, prallen drei Figuren mit großem Konfliktpotenzial aufeinander. Von Stefan Michalzik

Die Erzählung zeichnet ein Abbild der aktuellen Kampfdebatte. Leider bleibt sie bei der Uraufführung am Freitagabend an der Oberfläche.
Ein Politiker, aktuell Bürgermeisterkandidat, hat einen drogenabhängigen Jugendlichen angefahren. Schuld trifft ihn den Ermittlungen zufolge keine. Nun sucht er die Mutter des schwerverletzten Jungen auf und bietet ihr Hilfe an. Er will Beziehungen spielen lassen, eine Lehrstelle vermitteln und für entstehende Kosten aufkommen. Die Mutter, eine Altenpflegerin mit bescheidenem Einkommen, ist nach anfänglichen Vorbehalten einverstanden. Dann kommt ihr Neffe ins Spiel. Der sieht seine Stunde gekommen, um gewaltsam mit der Politik abzurechnen.

Erfolgreicher als Lutz Hübner ist in den letzten zwanzig Jahren kein Dramatiker deutscher Sprache gewesen. Insofern könnte man es für einen Coup des Frankfurter Schauspiels und seines selbst Regie führenden Intendanten Anselm Weber halten, dass es sich die Uraufführung des neuesten Werkes des Vielschreibers sichern konnte.

„Furor“, verfasst unter dem Mittun von Hübners Frau Sarah Nemitz, ist solide gezimmert, die Dialoge gehen knapp auf den Punkt, im raschen Abtausch, wie auf dem Boulevard. Hübners Programm ist es, die Wirklichkeit komprimiert abzubilden, in den Nuller Jahren ist er damit ein sozialrealistischer Antipode zum Diskurstheater gewesen.

Auf der Bühne von Lydia Merkel ragt das schlichte Wohnzimmer der Altenpflegerin in den Zuschauerraum. Katharina Linder spielt sie als bodenständig-resolute Frau aus einfachen Verhältnissen. Der „Tatort“-bekannte Dietmar Bär – nächster Coup, um ein volles Haus muss man sich nicht sorgen – gibt bilderbuchhaft den Politiker mit rhetorischem Vermögen.

Das bleibt auch unerschüttert im Duell mit Jerome, dem Neffen, einem Paketboten – so heftig dieser ihn angehen mag. Fridolin Sandmeyer spielt Jerome als zerfahrene Type. Paketbote – diesen Job führt der Politiker auch in seiner PR-geprüften Vita. Zehn Mark die Stunde hat es in den Achtzigern gegeben, vor der neoliberalen Deregulierung – Jerome bekommt heute fünf Euro.

Insoweit hat der Ausgebeutete recht mit seiner Wut. Freilich argumentiert Jerome auch mit einer Verschwörungstheorie, die im Internet umgeht. Derzufolge ist der Politiker betrunken und mit zu hohem Tempo gefahren, wofür es Zeugen gebe. Die Polizei habe das vertuscht, und die lügende „Systempresse“ tue ein Übriges. Generell seien Politiker Verräter am Volk. Zuerst scheint es, als wolle Jerome den Politiker erpressen, tatsächlich aber steht ihm der Sinn nach Umsturz.

Das wirkt alles unerhört holzschnittartig. Viel Furor um nichts. Hübner hat die Schlagworte der gegenwärtigen gesellschaftlichen Kampfdebatte sorgfältig untergebracht. Dass derjenige, der das System infrage stellt, ein Psycho ist, erscheint angesichts der Aggression im Internet wie auch des rechten Mobs folgerichtig.

Und auch dass der Politiker, ungeachtet seines Machtinteresses, im Kern nicht unrecht sein mag, geht natürlich durchaus an. Doch Hübner bildet eben nur ab, tiefer, etwa mit Blick darauf, weshalb man in dubiose Bahnen gerät, gründet er nicht. Anselm Weber bringt diesen Text, der so packend sein will, aber nichts zu bieten hat, auf die Schauspieler zentriert über die Runden. Retten kann er ihn nicht.

Weitere Vorstellungen am 9. Nov. (ausverkauft), 10. Nov., 8.,21., und 22. Dez.

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