Wespen leben nicht nur fürs Naschen

Viel Schlaf, aber auch viel Arbeit: Wer einen Staat gründen will, hat immer gut zu tun

Frankfurt -  Die Wespe auf meinem Marmeladebrötchen – was soll das denn jetzt? Das ist mein Marmeladebrötchen! Aber wer die Wespe kennt, der weiß: Die braucht jetzt im August Kohlenhydrate. Von Thomas Stillbauer 

Tausende Arbeiterinnen wollen versorgt sein, aber die natürlichen süßen Früchte wachsen nicht mehr. Und deshalb will die Wespe jetzt mein Obst und mein Marmeladebrötchen.

Das ist die Naschphase im Leben der Schwarzgelbgestreiften. Peter Tauchert von der Offenbacher Aktion Wespenschutz hat das auf seiner Website schön aufgeschrieben. Aber es gibt auch ganz andere Lebensabschnitte: Am Anfang, im Winter, von Oktober bis in den April, schläft die Königin unter Moos oder Reisig, in Baumhöhlen, unter Holzstößen, abgefüllt mit einer Art Frostschutzmittel, gegen heftige Minustemperaturen gewappnet. Ein halbes Jahr tief und fest pennen? Wespe müsste man sein. Andererseits: Ihr ganzes Leben dauert kaum ein Jahr. Dann lieber doch nicht.

Mehr Licht, mehr Wärme – im Frühjahr wacht die Wespenkönigin laaaangsam auf und macht sich nach zwei Wochen Räkeln und Strecken auf den Weg. Stärkung mit Blütennektar. Frühstück. Anschließend Suche nach einer hübschen Wohnung für mehrere Tausend Familienmitglieder. Der Bau eines ehemaligen Erdbewohners vielleicht. Oder meine Balkonverkleidung. Dann ist man gleich näher dran an meiner Marmelade. Und an meinen Balkonmöbeln. Da raspelt die Königin nämlich das Material für den Nestbau herunter, vermischt es mit Spucke und fertigt papierdünne Wände. In die Waben legt sie jeweils ein Ei.

Mann mit 45 Kilo schwerem Bienenschwarm bedeckt

Im Mai schlüpfen die ersten Larven. Die Königin füttert sie mit Insekten, die sie jagt und tötet. Im Juni verpuppen sich die Larven, schlüpfen schließlich als Arbeiterinnen aus dem Kokon, die die Königin zunächst bei der Nahrungssuche entlasten und diesen Job dann ganz übernehmen. Die Chefin legt dann nur noch Eier und lässt sich von den Arbeiterinnen pflegen. In der folgenden „sozialen Phase“ zählte Tauchert binnen sechs Stunden 300 Wespen, die mehr als 3000 Beutetiere ins Nest brachten. Fliegen, Mücken, Raupen, Spinnen. Das ist die Nahrung der Larven; die erwachsenen Tiere fressen Kohlenhydrate. Mein Marmeladebrötchen.

Im Spätsommer züchtet der Staat dann seine fortpflanzungsfähigen Weibchen und Männchen. Die alte Königin, fix und fertig nach ungefähr 2000 Eiern, die sie pro Woche gelegt hat, stirbt. Die neue Generation paart sich, frisst die übrigen alten Larven auf und sucht sich dann ihr Winterquartier. Die Königin ruht, der Mensch hat sein Marmeladebrötchen wieder für sich.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa

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