Vollwaisen der Rockmusik in der Festhalle

Nickelback verkaufen sich als hart und spielen Weichspülgitarrenpop

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Versuchen etwas zu sein, was sie nicht sind: Nickelback bei ihrem Auftritt in der Festhalle.

Frankfurt - Die vermeintlich schlechteste Band der Welt beweist bei ihrem Konzert in der Festhalle Frankfurt, dass sie diesen Titel nicht verdient. Dafür aber einen anderen. Und der ist ebenfalls wenig schmeichelhaft. Von Eva-Maria Lill

Authentizität ist die Mutter der Rockmusik, Rebellion ihr Vater. Und Nickelback sind Vollwaisen. „Wir wissen nicht, ob wir diesen Song so spontan hinbekommen“, zweifelt Chad Kroeger und kratzt sich am gestutzten Haar. Eine Blondine im Festhallen-Publikum hat sich „She Keeps Me Up“ des Kanada-Quartetts gewünscht. Ungeplant, wie Sänger und Lead-Gitarrist Kroeger betont. Klar, dass Nickelback den Klassiker dennoch mit Links aus den Gitarren schütteln. Seltsam nur, dass dazu auf der halbrunden Mega-Leinwand ein perfekt auf den Titel abgestimmtes Video läuft. Ein Schelm, wer Böses denkt.

Ohnehin wird der Zuhörer über zwei Stunden das Gefühl nicht los: Bei Nickelback wird gelogen. Die (zu langen) Gespräche untereinander, das Krakeelen des Sängers nach Alkohol. Die sexuellen Anspielungen. Die drei Fans, die auf die Bühne dürfen, um mit den Musikern „Animals“ und „Rockstar“ zu performen. Wie echt ist das? Wie inszeniert?

Nickelback verschleiern die Antwort. Das Gefühl aber bleibt: Chad, Halbbruder Mike (Bass), Ryan Peake (Gitarre) und Daniel Adair (Schlagzeug) labern, flirten und saufen, weil das eben erwartet wird. Von einer Rockband.

Aber: Sind Nickelback das überhaupt? In der Festhalle verkaufen sie sich als harte Typen – und spielen ihren Uptempo-Balladen-Weichspülgitarrenpop. Der gewohnt blecherne Festhallensound führt dazu, dass sich die Songs live noch mehr ähneln als auf Platte. Nur ab und an wird’s lauter, besser. Gleich zum Start beim Titellied von Tour und Album etwa („Feed The Machine“) oder bei der zweiten Zugabe „Burn It To The Ground“. Oder bei „Something In Your Mouth“, das Kroeger ankündigt mit: „Da muss ich immer lachen, wenn tausend Leute singen: ,Du würdest besser aussehen, hättest du was im Mund’.“ Verrucht. Ein bisschen ekelig. Und von den Lippen des dauergrinsenden Kroegers fremdschämverdächtig unecht.

Nicht nur das Musikmagazin „Rolling Stone“ kürte Nickelback wiederholt zur schlechtesten Band der Welt. In Großbritannien gab es eine Crowdfunding-Kampagne, um sie an Auftritten zu hindern, die kanadische Polizei drohte einem Verbrecher, ihn mit Nickelback-Songs zu bestrafen. Und dass, obwohl die 1995 gegründete Combo Millionen von Alben verkauft und regalweise Preise abstaubt. Ein Phänomen, über das es sogar eine finnische Doktorarbeit gibt: Wieso ist es schick, Nickelback zu hassen?

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Ihr Auftritt in der gut besuchten Festhalle zeigt: Den Titel „schlechteste Band der Welt“ verdienen sie nicht. Denn Kroegers markante Brunfthirschstimme und das Handwerkszeug an Sticks und Plektrum ist solider Stadion-Einheitsbrei, mit dem sich auch andere in den Chartshimmel mogeln. Die Show ist okay, die Musik ist okay, die Fans finden’s super. Das Problem der Kanadier liegt nicht in der Konturlosigkeit ihrer Hits. Sondern darin, dass sie versuchen etwas zu sein, was sie nicht sind. Nämlich Rockstars.

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