Mediziner trainieren für großen Anschlag

Vorbereiten auf den Tag des Terrors

Frankfurt - Die Gefahr eines Terroranschlags mit vielen Verletzten stellt Chirurgen vor gewaltige Herausforderungen. Von Harald H. Richter

Drei Tage lang waren Mediziner auf Initiative der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) deshalb erstmals in Frankfurt versammelt, um Grundlagen der Behandlung von Schuss- und Explosions- Verletzungen größeren Ausmaßes kennenzulernen. Das Szenario: Die Mainmetropole Frankfurt ist Anschlagsziel von Terroristen geworden. 150 Menschen werden bei dem Bombenattentat verletzt, 40 von ihnen lebensgefährlich. Rasch müssen die infolge von Explosions- und Schusswunden stark blutenden Betroffenen medizinisch behandelt werden. Eine Situation mit Ausmaßen, wie sie im zivilen Krankenhaus kaum vorkommen. Bei womöglich unübersichtlicher Gesamtlage zählt koordiniertes und strukturiertes Vorgehen.

„Eine Bedrohungslage kann jederzeit eintreten“, sagt dazu DGU-Generalsekretär Professor Reinhard Hoffmann, zugleich Ärztlicher Direktor der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Frankfurt. „In Katastrophenlagen müssen Unfallchirurgen andere Prioritäten setzen als in der Regelversorgung“, ergänzt DGU-Präsident Professor Ingo Marzi. „Anders als bei einem Massenunfall, wo die Dimension eines Geschehnisses rasch eingeordnet werden kann, birgt eine Terrorattacke weitere Risiken und Gefahrenpotenziale. Etwa durch aufeinanderfolgende Explosionen an mehreren Orten oder Selbstmordattentate inmitten von Rettungskräften, womöglich gar in einem Klinikgebäude.“

Das zweieinhalbtägige Kurs-Curriculum, an dem seit Mittwoch am Universitätsklinikum überwiegend Chef- und Oberärzte aus ganz Deutschland teilnahmen, wurde von der Arbeitsgruppe Einsatz-, Katastrophen- und Taktische Chirurgie der DGU entwickelt. Daran wirkten Experten des Sanitätsdienstes der Bundeswehr entscheidend mit.

Im Zentrum des Kurses stand eine Simulationsübung, bei der die Teilnehmer mit zahlreichen Verletzten konfrontiert wurden. Unter möglichst realitätsnahen Bedingungen trainierten sie ihre Entscheidungskompetenz in einer Terrorlage und hatten abzuwägen: Welcher Patient bekommt in welcher Reihenfolge welche Operation mit welchem Material? Wer muss warten?

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„Schwere Schuss- und Explosionsverletzungen wie das Arbeiten mit reduzierten Ressourcen haben in der Versorgung bei uns in Deutschland bisher kaum eine Rolle gespielt“, so Friemert. „Daher ist dieser Kurs wichtig, um nach den Erfahrungen aus Paris, Brüssel oder zuletzt des Berliner Weihnachtsmarkt-Anschlags für den Krisenfall gut aufgestellt zu sein.“

Thematisiert wurden unter anderem die Aktualisierung und Anpassung von Krankenhaus-Alarmplänen und klinischen Einsatzvorschriften im Terrorfall. Der Kurs wird künftig in weiteren Städten angeboten. Die DGU ist die erste medizinische Fachgesellschaft in Deutschland, die sich darum kümmert, das Wissen zur medizinischen Versorgung von Terroropfern nutzbar zu machen. Sie vermisst die Unterstützung durch die Politik.

Hoffmann mahnt eine engere Verzahnung mit den verantwortlichen Behörden an. „Die Vorhaltung eines Notfallkontingents an OP-Material und regelmäßige Übungen müssen möglich und finanziell abgesichert sein“, lautet seine Forderung.

Rubriklistenbild: © dpa

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