Leidenschaftlich und schweißtreibend

Premiere von „Roberto Devereux“ an der Oper

Zur Rede gestellt: „Roberto Devereux“ feierte gelungene Frankfurt-Premiere mit Ambur Braid und Mario Chang. J Foto: Aumüller
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Zur Rede gestellt: „Roberto Devereux“ feierte gelungene Frankfurt-Premiere mit Ambur Braid und Mario Chang.

Frankfurt - Die waghalsigen Koloraturarien der Elisabeth I. aus Gaetano Donizettis „Roberto Devereux“ stellen im Operngenre so etwas wie die Bergetappe für die Interpretin dar. Von Sebastian Krämer

Von schwindelerregenden Höhen in mehrfach gestrichenen Oktavlagen bis tief hinab an die Grenzen des Mezzosopran-Registers – da ist ein enormer Stimmumfang erforderlich.
Nicht viele Sängerinnen vermögen diesen Part mit solcher Souveränität darzubieten wie Ambur Braid bei ihrem Rollendebüt in der Oper Frankfurt. Ihre Arien werden an diesem Abend von frenetischem Beifall und Bravorufen begleitet. So schnell Braid die Tonlagen hinauf und hinab schnellt, wechseln auch die Gefühle der Protagonisten. Während der zweistündigen Vorstellung begibt sich das Publikum auf emotionale Achterbahnfahrt.

Auch wenn bei der konzertanten Aufführung auf Bühnenbild, Kostüme und Orchestergraben verzichtet wird, zeigt gerade die kanadische Sopranistin als Königin von England mimisch-schauspielerisches Talent. Zu spüren ist das Knistern, als sie in ihrer Rolle den untreuen Roberto Devereux (Mario Chang, Tenor) beim Duett „Un tenero cuore – ein Herz voller Liebe“ leidenschaftlich zur Rede stellt, um ihm anschließend sein Todesurteil zu verkünden. Noch weiß sie nicht, dass dieser für ihre enge Vertraute Sara (Alice Coote, Mezzosopran) Gefühle hegt.

Wie es der Zufall will, tritt ausgerechnet Saras gehörnter Ehemann, der Herzog von Nottingham (Juan Jesús Rodríguez, Bariton), als Verteidiger für seinen Freund Roberto auf. Als diesen allerdings eine von Sara bestickte Schärpe verrät, dürstet es auch den Betrogenen nach dem Blut des Nebenbuhlers.

Am Ende kommt Elisabettas Befehl, die Exekution aufzuschieben, für Devereux zu spät: Er ist bereits am Schafott hingerichtet worden. Die Dramatik spiegelt sich auch in der Musik des italienischen Romantikers Donizetti wider. Schade, dass diese dreiaktige Oper nach einem Libretto von Salvatore Cammarano so wenig bekannt ist. Neben Braid überzeugt insbesondere der stimmgewaltige Bariton Rodríguez in seiner ambivalenten Rolle.

Bereits der Anfang der vom Museumsorchester prachtvoll vorgetragenen Ouvertüre macht deutlich, wo die Handlung der Belcanto-Oper zu verorten ist. Unterbrochen von donnernden Sforzato-Einwürfen des Orchesters wird das charakteristische „God Save-The Queen“-Thema vom Holz- und Streicherregister geschickt zitiert, sodann deutlich an Tempo und Dramatik zugelegt. Mit feinem Pinsel arbeitet der ehemalige Generalmusikdirektor der Arena di Verona, Giuliano Carella, die reichhaltigen Klangfarben des Meisterwerks heraus und schafft es, dem Orchester italienische Luftigkeit zu verleihen. Schweißüberströmt und zufrieden ob der grandiosen Frankfurter Bühnenpremiere deutet der italienische Dirigent die Umarmung mit Braid vorsichtshalber nur an. Ja, auch musikalische Bergtouren verlangen den Interpreten alles ab.

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