Nicht nur Sushi und Schnittblumen

Luftverkehr: Wachstum stellt Fracht- und Passagier-Kapazitäten auf Prüfstand 

Berlin/Frankfurt -  Die deutsche Luftverkehrswirtschaft beklagt Kapazitätsengpässe. „Die rigiden Betriebszeiten an den deutschen Flughäfen dürfen nicht weiter verschärft und die Luftverkehrssteuer, die Luftfrachttransporte in Passagierflugzeugen verteuert, muss abgebaut werden“, sagt Matthias von Randow, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, im Interview. Von Marc Kuhn

Wie hat sich die Luftfracht in Deutschland im vergangenen Jahr entwickelt?

Wir haben eine sehr dynamische Entwicklung bei der Luftfracht gesehen. Das lag vor allem am soliden globalen Wirtschaftswachstum und an steigenden Exportaktivitäten in Europa. Auch der Online-Handel belebt recht stark den Markt. Aber wir müssen wachsam bleiben: Am Standort Deutschland wachsen wir weniger als an vergleichbaren Standorten im europäischen Ausland, und das trotz des in Deutschland höheren Wirtschaftswachstums insgesamt. Ein weiteres Indiz dafür, dass die nationalen Sonderbelastungen des Luftverkehrs, die uns hier vom Staat auferlegt werden, die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen.

Wie hat die Entwicklung in diesem Zeitrahmen am Flughafen Frankfurt ausgesehen?

Matthias von Randow, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft.

Frankfurt war 2017 mit einem Frachtaufkommen von knapp 2,11 Millionen Tonnen das größte Luftfrachtdrehkreuz in Europa und einer der stärksten Standorte weltweit. Aber auch hier müssen wir sehen: Im vergangenen Jahr konnte die Luftfracht am Flughafen Frankfurt im internationalen Vergleich nur unterdurchschnittlich um 3,8 Prozent wachsen. Und während andere europäische Standorte zwischen 2013 und 2017 mit einem Wachstum von 14,4 Prozent in Amsterdam und 19,3 Prozent in London deutlich zulegten, kam Frankfurt im gleichen Zeitraum nur auf ein Plus von lediglich 4,6 Prozent.

Warum ist die Beförderung mit dem Flugzeug so gefragt?

Weil es für bestimmte Güter und Distanzen schlicht keine Alternativen gibt. Mit dem Flugzeug werden vor allem hochwertige Güter transportiert, die weltweit schnell verfügbar sein müssen. Denken Sie etwa an ein Ersatzteil, ohne das eine komplette Produktionslinie in einer Fabrik ausfallen könnte. So was können Sie nicht mit dem Schiff transportieren. Gemessen am Warenwert gehen rund 30 Prozent aller deutschen Exporte nach Übersee per Luftfracht raus.

Reichen die Kapazitäten für die Luftfracht in Deutschland aus?

Das weltweite Wachstum im Luftverkehr stellt die vorhandenen Kapazitäten derzeit deutlich auf den Prüfstand – im Fracht- wie auch im Passagierverkehr. Damit wir das Wachstum bewältigen können, müssen alle ihren Beitrag für einen reibungslosen Flugbetrieb leisten. Unsere Unternehmen haben da einen Job zu machen, aber es gibt auch Stellschrauben, wo der Staat handeln muss: Die Kapazität im europäischen Luftraum muss deutlich erhöht werden, die Flughafeninfrastruktur muss bedarfsgerecht ausgebaut werden und die Schnittstellen zu den behördlichen Funktionen, wie etwa Zollverwaltung und Luftsicherheitskontrolle, müssen erheblich effizienter organisiert werden. Das ist ein Kraftakt, der nur gelingt, wenn alle Beteiligten ihre Hausaufgaben machen.

Welche Trends gibt es im Bereich des Gütertransports in der Luft?

Der boomende Online-Handel verändert die Logistik und ihre Prozesse: Während die Zahl der Sendungen stetig wächst, wird die durchschnittliche Paketgröße immer kleiner. Dies stellt etwa die Zollabfertigung vor ganz neue Herausforderungen. Hinzu kommen die immer schneller wechselnden Produktzyklen bei Mode und Unterhaltungselektronik. Diese Trends erhöhen die Nachfrage nach schnellem Transport über große Distanzen.

Welche Produkte werden vor allem transportiert?

Manch einer denkt bei Luftfracht an Sushi und Schnittblumen. Was aber vor allem mit dem Flugzeug befördert wird, sind hochwertige Produkte aus den Schlüsselbranchen des Industriestandorts Deutschland. Fracht- und Passagierflugzeuge exportierten im letzten Jahr Waren im Wert von 156 Milliarden Euro. Das waren vor allem Maschinen, elektronische und optische Geräte und Produkte der chemischen Industrie, also die Exportschlager der deutschen Industrie.

Tunnelbaustelle am Frankfurter Flughafen: Fotos

Zoll und andere Behörden setzen im Zeitalter der Digitalisierung immer noch auf Papier. Warum?

Wenn Sie Prozesse international standardisieren und digitalisieren wollen, dann müssen sie dies über die gesamte Logistikkette tun. Das ist sehr anspruchsvoll, da zahlreiche privatwirtschaftliche und auch staatliche Beteiligte involviert sind. Dennoch dürfen wir hier nicht locker lassen und müssen in den nächsten Jahren große Fortschritte machen bei der gemeinsamen Entwicklung von digitalen und automatisierten Lösungen. Der komplette Umstieg auf elektronische Dokumentation würde branchenweit pro Jahr 7800 Tonnen Papier sparen.

Welche Forderungen hat Ihr Verband?

Damit sich der deutsche Luftverkehr bedarfsgerecht entwickeln kann, brauchen wir zum einen faire Wettbewerbsbedingungen. Einseitige Sonderlasten schwächen unsere Unternehmen im internationalen Wettbewerb und sollten daher abgebaut werden. Das heißt: Die rigiden Betriebszeiten an den deutschen Flughäfen dürfen nicht weiter verschärft werden und die Luftverkehrssteuer, die unsere Luftfrachttransporte in Passagierflugzeugen verteuert, muss abgebaut werden. Außerdem müssen jetzt alle verfügbaren Hebel genutzt werden, um die zunehmenden Kapazitätsengpässe zu beheben.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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