Bewegte Zeiten bei „Zweitausendeins“

Quersumme von Adorno und Aldi

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Laden und Bedienung haben Profil - jenseits andressierter Standardfreundlichkeit: „Zweitausendeins“-Laden in Frankfurt.

Frankfurt - Wer die Frankfurter Filiale von Zweitausendeins einfach einen Laden nennt, trifft allenfalls die halbe Wahrheit - eine Institution ist das, nicht weniger. Die steht nun vor einschneidenden Veränderungen. Von Stefan Michalzik

Natürlich kann man hier CDs, Bücher und DVDs kaufen, das Sortiment ist in der Summe erlesen, doch in dem nicht sonderlich großen, zentral in der Ladenzeile des Parkhauses Hauptwache gelegenen Geschäft geht es um mehr: Es handelt sich um einen bedeutenden Ort der Kultur in Frankfurt, immer wieder trifft man hier auf bekannte Gesichter, Schauspieler, Theaterintendanten, Musiker, Komponisten... Die wechselseitige Ergänzung mit der Nachbarschaft zum gegenüberliegenden Café Wacker, gleichfalls einem stadtbekannten Unikat, tut ein Übriges. Vor allem wird man hier nicht wie andernorts von irgendwelchen auf Standardfreundlichkeit getrimmten Servicekräften abgefertigt, hinter dem Ladentresen von Zweitausendeins ist von jeher ein jeder eine Persönlichkeit; die Leute kennen sich gut aus, oft genug gibt’s einen mitunter launig-herzlichen Kommentar zur Auswahl von Musik, Buch oder Film obendrauf. Kurz: dieses Geschäft ist einzigartig, man kommt gerne her.

Das wird man auch weiter tun können. Eine Veränderung steht aber an: Zum 1. Juli werden zwei langjährige Mitarbeiter die Filiale selbst übernehmen. Konrad Künkel, bisher Geschäftsführer, hat 1980 direkt nach dem Zivildienst bei Zweitausendeins angefangen, zunächst als Aushilfe im Lager; sein Kollege Robert Egelhofer ist sogar noch ein paar Jahre länger dabei, zuletzt ist er in der Zentrale in Leipzig für den Einkauf der Tonträger zuständig gewesen.

Firma ist Institution des kritischen Geisteslebens

Die Firma Zweitausendeins als Ganzes ist eine Institution des kritischen Geisteslebens in der Bundesrepublik, vergleichbar mit dem gleichfalls gerade in Turbulenzen befindlichen Suhrkamp-Verlag. Kritisch und billig: Zweitausendeins markiert eine Quersumme aus Adorno und Aldi. Dass der Betrieb mit seinen bundesweit 14 Filialen und dem Versandgeschäft schon lange nicht mehr so floriert wie einst, ist bekannt. Mit dem Aufkommen des Internets sind die Umsätze zurückgegangen, erst recht nachdem der schnell mächtig gewordene Konkurrent Amazon hinzugekommen ist.

Hohe Standortmieten in guten Innenstadtlagen bei sinkenden Umsätzen: Dergestalt bringt Stephanie Frommfeld, die Pressesprecherin in der Leipziger Zentrale, die Lage auf den Punkt. Sie verweist darauf, dass der Buchhandel generell zu kämpfen habe, ,,das sind ja nicht nur wir“. Seit April vergangenen Jahres bietet das Unternehmen seine Filialen zum Weiterbetrieb in eigener unternehmerischer Verantwortung nach dem Franchiseverfahren an. Bislang ist nur in Frankfurt ein Vertrag zustande gekommen. Die Filiale in Freiburg ist bereits geschlossen worden, mit Blick auf die anderen Städte werden noch Partner gesucht oder es wird verhandelt. Finden sich keine Interessenten, werden sie auch aufgegeben, was zumindest für Hamburg, Köln und Stuttgart ob der bereits gekündigten und bald auslaufenden Mietverträge praktisch unausweichlich erscheint.

Ausgangslage in Frankfurt ist die beste

In Frankfurt, sagt Konrad Künkel, ist die Ausgangslage noch die beste. Derweil andernorts Verluste eingefahren worden sind, habe man hier 2012 ,,gerade noch eine schwarze Null“ geschrieben. Schwer nur sei der Gedanke an ein Ende zu ertragen gewesen, darum haben er und sein Kollege sich schon früh darüber Gedanken gemacht, ob eine Übernahme in Eigenregie zu stemmen ist. Die Belegschaft müsse verkleinert werden, von gegenwärtig sechs auf erst einmal drei – teilweise aufgespaltene – Vollzeitstellen; für das Weihnachtsgeschäft plant die neue GmbH eine Aufstockung auf bis zu vier Stellen. Auf heute gerade mal noch ein Drittel im Vergleich zu den Rekordjahren in den Neunzigern ist der Umsatz laut Künkel eingebrochen - während unvermindert Kosten wie die Miete ,,zwischen fünf- und zehntausend Euro“ zu bezahlen sind. ,,Das bedeutet mehr Einsatz, notfalls auf Kosten der Gehälter.“

Stichwort Amazon: Seit die dortigen Methoden im Umgang mit den Mitarbeitern publik geworden sind, wird Zweitausendeins nach Künkels Beobachtung wieder stärker frequentiert. ,,Unser Klientel ist offensichtlich eher nicht gewillt, so etwas zu unterstützen“.

Nach außen hin soll alles beim Alten bleiben, mit einem Unterschied: Über das Sortiment von Zweitausendeins hinaus können die neuen Betreiber auch weitere Bücher, CDs und DVDs in die Regale stellen und im übrigen künftig auch jedes gewünschte Buch bestellen, wie eine normale Buchhandlung. Speziell soll eine Ecke mit Frankfurter Autoren und Musikern eingerichtet, darüber hinaus weitere Titel aufgenommen der werden. Auch sogenannte Restauflagen will man anbieten, überschüssige Lagerbestände also, die von den Verlagen zu verminderten Preisen abgestoßen werden. Künftig soll Stephanie Frommelt zufolge der Onlineshop ausgebaut und der Service verbessert werden. Eine Nachricht dürfte die Kundschaft beruhigen: Am Bestand des Merkhefts, der für viele unentbehrlichen monatlich erscheinenden Katalogbibel, soll nicht gerührt werden.

Freundliche Übernahme

Wenn die Sache nicht aufgeht, gibt sich Künkel gelassen, habe man auch etwas dazugelernt. ..Freundliche Übernahme“, das Motto für das Eröffnungsfest am 6. Juli, soll unterstreichen, dass ,,es keine Heuschrecken sind, die den Laden übernehmen“. Programmatisch steht das Fest im Zeichen der vermehrten regionalen Anbindung: Konrad Künkel selbst wird als Sänger und Gitarrist in zwei Besetzungen auftreten, Septembersong knüpfen an den Folkrock von Bands wie Crosby, Stills, Nash & Young an, zudem spielt Künkel zusammen mit dem Gitarristen Manfred Häder, einem der Gründer der Frankfurt City Blues Band; weiter angekündigt sind die Band Lucid und der DJ Christian Arndt.

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