Rückholaktion in der Corona-Krise

Gestrandet im Ausland: „Plötzlich patroullieren schwer bewaffnete Soldaten am Strand“

Die Darmstädterin Lisa Hager und ihr Mann sitzen seit der Corona-Krise auf den Philippinen fest. Die Rückholaktion der Deutschen Botschaft blieb für sie erfolglos.

Cebu/Philippinen - Lisa Hager, 61 Jahre alt, und ihr 63-jähriger Mann Bruno Fuchs aus Roßdorf bei Darmstadt sind seit Mitte Februar auf der philippinischen Insel Cebu zu Gast – wieder einmal, die beiden sind Kenner der ostasiatischen Inselgruppe. Sie haben dort mehrere Hilfsprojekte organisiert, etwa 2013 nach dem verheerenden Taifun. Doch nun sitzen die beiden fest – und an eine Heimreise ist wohl noch lange nicht zu denken.

Frau Hager, aus einem Tauchurlaub ist ein Hausarrest geworden. Wie geht es Ihnen weit weg von der Heimat?

Ich muss den Filipinos ein ganz, ganz großes Kompliment machen. Sie sind nach wie vor nett zu uns. Auch die Behördenvertreter, Polizisten, Beamte und so weiter, waren bisher äußerst höflich, aber bestimmt. Aus anderen Ländern hört man da ganz andere Sachen. Hier ist offenbar die Haltung: Wir stehen das gemeinsam durch, auch mit euch.

Wann hat Sie denn der Corona-Shutdown überrascht?

Mitte März wurden Tauchen und Schnorcheln verboten, dann ging es Schlag auf Schlag. Es hieß, alle Ausländer hätten drei Tage Zeit, um das Land zu verlassen, ansonsten würde es sehr lange dauern, bis man heimkommt. Allerdings lassen sich in so einer kurzen Zeit unmöglich alle Leute von den etwa 2000 bewohnten Inseln der Philippinen einsammeln. Es gab dann immer wieder einzelne Rückholaktionen, aber stets sehr kurzfristig.

Paar aus Darmstadt ist in der Corona-Krise auf den Philippinen gestrandet  

Hat sich die Deutsche Botschaft um Sie gekümmert?

Die Deutsche Botschaft in Manila hat nach unserer Erfahrung keinen guten Job gemacht. Mehrmals hieß es am Abend vorher, dass es einen Flug geben solle. Da haben sich viele Leute auf den Weg gemacht. So strandeten allein in Manila 250 Deutsche am Flughafen, weil der Flieger nicht ging oder kein Platz war. Das war fatal. Nur noch wenige teure Hotels durften noch Ausländer beherbergen. Ein Zurück aus der bereits abgeriegelten Stadt gab es nicht.

Was haben Sie dann gemacht?

Hinter uns liegen mindestens 150 Versuche, uns in die Krisenvorsorgeliste des Auswärtigen Amts einzutragen. Ein Freund hat das von Deutschland aus auch noch erfolglos für uns versucht. Irgendwann hatten wir es endlich, dann gab es eine neue Seite von SAP, auch den Eintrag dort haben wir schließlich geschafft, und dann hieß es, man müsse das täglich erneuern. Drei der angekündigten Flüge haben dann gar nicht abgehoben. Warum, wurde nie begründet. England, Spanien oder Frankreich haben das hier wesentlich besser organisiert. Nach frustrierten Rückmeldungen gestrandeter Bekannter entschlossen wir uns, hier abzuwarten.

Während der Corona-Pandemie im Ausland gestrandet: Keine guten Erfahrungen mit der deutschen Botschaft

Wo leben Sie im Augenblick?

Unsere Nachbarn und wir konnten zum Glück in dem Resort wohnen bleiben, wo wir vorher schon waren. Wir sind hier noch elf Touristen, Kanadier, Norweger, Deutsche, Schweizer. Wir verstehen uns und helfen einander. Nachdem eine Gruppe deutscher Rucksacktouristen, trotz Kontaktverbots weiter Strandpartys gefeiert hat, wurde leider auch das Schwimmen verboten. Kurz darauf wurde die ganze Insel unter verschärfte Gemeinschaftsquarantäne gestellt.

Was bedeutet das denn genau?

Urlauber wider Willen: Bruno Fuchs und Lisa Hager.

Eine Person pro Haushalt darf mit einem Quarantänepass kurz einkaufen gehen. Sonst muss man im Haus bleiben. Das wurde per Erlass der Gouverneurin verkündet, und einen Tag drauf haben sie schon die Pässe ausgegeben. Ging unglaublich schnell, auch dank der vielen Freiwilligen. Wir haben uns auch so einen Ausweis geholt, den man an den Checkpoints vorzeigen muss. Plötzlich patrouillierten am Strand schwer bewaffnete Soldaten. Inzwischen hat sich das etwas geregelt, meistens sitzen jetzt Freiwillige aus dem Ort an den Kontrollpunkten, aber im Hintergrund ist immer bewaffnetes Militär und Polizei.

Kein Weg zurück nach Darmstadt: Paar während der Corona-Pandemie auf den Philippinen

Wie ist die Lage für die letzten Touristen im Land?

Die Verwaltung hat alle Ausländer gebeten, sich registrieren zu lassen, damit sie immer aktuell informiert werden können. Ein Freund von uns ist vor sieben Wochen im Norden der Philippinen in den Bergen gestrandet. In der ganzen Provinz sind noch drei Ausländer. Nach zwei Wochen kam ein Vertreter der Tourismusbehörde, um sich nach ihm zu erkundigen und zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Das ist schon erstaunlich, dass so ein armes Land das so gut organisieren kann.

Als Sie am 18. Februar auf den Philippinen ankamen, war das Corona-Virus in Deutschland gefühlt noch unglaublich weit weg. Wie war das dort?

In Asien hat man sehr schnell reagiert. China hat am 31. Dezember die WHO informiert, und am selben Tag hat Taiwan schon Flugzeuge aus China gesperrt. Singapur hat ab 2. Januar nachgezogen. Die Philippinen machten Anfang Februar dicht für Reisende aus Risikogebieten. In Cebu hatten wir Mitte März einen einzigen offiziellen Infizierten, als die Quarantäne losging. Flug- und Seehäfen waren da schon geschlossen.

Urlaub wider Willen: Paar aus Darmstadt in der Corona-Krise auf den Philippinen gestrandet

Wie schätzen Sie die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie für das Land ein?

Wirtschaftlich wird es sehr dramatisch werden, das zeichnet sich bereits jetzt ab. Wir wohnen in einem Ferienort, wo bisher hauptsächlich koreanische, chinesische und europäische Tauchtouristen kamen. Das fällt alles weg. Unsere einheimischen Guides haben null Einkommen, sie werden pro Tauchgang bezahlt. Sie gehen jetzt mit kleinen Kanus aufs Meer hinaus zum Fischen, um die Familie zu ernähren. Tourismus war eine der Haupteinnahmequellen, letztes Jahr kamen acht Millionen Touristen. Das bricht komplett ein, auf nicht absehbare Zeit.

Wenn Sie jetzt einmal auf der Straße unterwegs sind, was hat sich verändert?

Einlass nur mit Maske und Quarantänepass: Der Markt auf Cebu.

Gesichtsmasken gibt es hier schon lange. Das ist ganz selbstverständlich im öffentlichen Raum. Vor jedem Geschäft gibt es auch die Möglichkeit, sich die Hände zu waschen, und ein Guard desinfiziert sie einem. Überall wird nun die Körpertemperatur gemessen, kontaktlos. Das war hier schon immer wieder mal üblich, in Zeiten von Sars und sonstigen Grippen. Vielleicht noch etwas Kurioses: Landesweit haben sie die Produktion von Zigaretten außer für den Export verboten, weil Rauchen nicht gut für die Atemwege ist. Es dauert noch, bis die Bestände aufgebraucht sind, aber man sieht schon viel weniger Raucher.

Während der Corona-Krise auf den Philippinen: Paar aus Darmstadt erzählt

Das klingt ja ziemlich autoritär. Gibt es denn auch Hilfsangebote des Staates?

Es wurden große, Milliarden Pesos umfassende Programme aufgelegt. Niemand weiß allerdings, wie lange die Regierung das durchhalten kann. Es gibt Reislieferungen für alle Familien und so eine Art Katastrophen-Sozialhilfe. Bislang wird versprochen, dass jeder Corona-Kranke umsonst im Krankenhaus behandelt wird.

Wie treffen die Verwerfungen der Weltwirtschaft die Inseln?

Für die Filipinos ist die Situation schlimm. Zehn Prozent der Bevölkerung arbeiten im Ausland, als Haushaltspersonal oder Chauffeure, zum Beispiel in Singapur, Hongkong oder den Emiraten. Mit dem Geld, das sie nach Hause schicken, tragen sie einen großen Teil zum Bruttosozialprodukt bei. Viele sind jetzt arbeitslos, und selbst wenn die Leute noch etwas verdienen, können sie oft nichts überweisen, weil sie nicht auf die Bank gehen dürfen.

Rückholaktion gescheitert: Paar aus Darmstadt sitzt in der Corona-Pandemie auf den Philippinen fest

Ein anderer Beschäftigungszweig ist auch quasi über Nacht zusammengebrochen …

Ganz viele Filipinos arbeiten als Seeleute. Etwa 10 000 sind in den letzten Wochen zurückgekehrt, auch von Kreuzfahrtschiffen. Die waren dort teils schon in Quarantäne, mussten getestet werden und dann an Land nochmals in Quarantäne. Von allen Leuten wurden die Daten registriert. Da muss ich an gute Freunde von uns aus Darmstadt denken, die auf dem Kreuzfahrtschiff Artania unterwegs waren. Dort gab es Corona an Bord, und sie wurden von Sydney nach Frankfurt ausgeflogen. In Australien wurden sie als hoch infektiös behandelt und total abgeschirmt. In Frankfurt wurden weder ihre Daten erfasst, noch Temperatur gemessen. Das konnten sie selbst gar nicht fassen.

Und wann kommen Sie zurück?

Wir rechnen frühestens ab Mitte Juni mit einem Heimflug.

Interview: Andreas Hartmann

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