„Größte Krise aller Zeiten“

Wie Kinos in Offenbach und der Region ums Überleben kämpfen

Hat trotz leerer Reihen den Optimismus nicht verloren: Max Keck, Betreiber der Rodgauer „Kronen Lichtspiele“, glaubt trotz Corona und Streaming an die Zukunft des Kinos.
+
Hat trotz leerer Reihen den Optimismus nicht verloren: Max Keck, Betreiber der Rodgauer „Kronen Lichtspiele“, glaubt trotz Corona und Streaming an die Zukunft des Kinos.

Offenbach – Raschelnde Popcorntüten, Getuschel aus den hinteren Reihen, hallende Lacher zu unpassenden Stellen – die sonst eher nervige Nebengeräuschkulisse wird derzeit in den Kinos schmerzlich vermisst. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie bleiben viele Reihen in den Sälen leer – wegen des Abstandsgebots, aber auch, weil viele Menschen sehr vorsichtig sind und zum Beispiel Filme lieber zuhause streamen.

Der Hauptverband Deutscher Filmtheater, HDF Kino, der die Interessen von mehr als 600 deutschen Kino-Unternehmen vertritt, rechnet in diesem Jahr mit etwa 70 Prozent weniger Zuschauern und dementsprechend geringeren Einspielergebnissen als im Vergleichszeitraum 2019. Noch halten sich die Kinos in der Region trotz allem wacker. Aber wie lange noch? Müssen wir uns Sorgen um den Fortbestand einer über hundert Jahre alten Tradition der Lichtspieltheater machen?

Nur 30 bis 50 Prozent der Plätze im Kinosaal belegt

„Wir hatten so wenige Besucher wie noch nie zuvor“, sagt Bettina Herzing-Müller von den „Kaisersaal-Lichtspielen“ in Münster. Seit dem 22. Mai ist das Kino wieder geöffnet, „der große Run“, auf den sie und ihr Mann Dieter Müller gehofft hatten, blieb aber aus. Von den 194 Plätzen sind bei „günstiger Gruppenbildung“ der Besucher maximal 50 Plätze besetzt. Die Einbußen seien „kolossal“, aber noch nicht bezifferbar, sagt Herzing-Müller.

Wie den Müllers geht es den meisten Kinobetreibern der Region, mit denen diese Zeitung gesprochen hat. Wegen der Vorgaben zur Eindämmung der Pandemie können die Filmtheater gerade mal 30 bis 50 Prozent ihrer Platzkapazitäten nutzen. Harald Göbel von den „Saalbau Lichtspielen“ in Rodgau schätzt, dass er durch die Pandemie einen Umsatzverlust von bis zu 80 Prozent im Vergleich zum vergangenen Jahr verzeichnen wird.

Dass jetzt auch noch die herbeigesehnten Blockbuster, allen voran der neue „James Bond“-Film, verschoben werden, trifft die Betreiber hart. Der Kassenschlager hätte zumindest einige der bisher weitgehend ausbleibenden Zuschauer zurück in die Säle bringen sollen.

„Es ist ein Stück Kultur, das auf dem Spiel steht!“

In den Film hatte auch Stefan Burger, der das „Lichtburg-Kino“ in Langen betreibt, große Hoffnungen gesetzt, wie er unserer Zeitung jüngst sagte. Die Verschiebung habe ihn „natürlich geärgert“. „Das Verhalten der Großkonzerne ist erschreckend“, kritisiert Dieter Müller aus Münster mit Blick auf die vielen abgesagten Filmstarts. „Gerade jetzt, wo es die Kinos am nötigsten hätten. Es ist ein Stück Kultur, das auf dem Spiel steht!“

Um den Kinos aus der Patsche zu helfen, hat Constantin Film aus München kurzerhand drei für ein späteres Datum geplante Filme noch auf dieses Jahr vorgezogen, darunter der „bayrische James Bond“ Franz Eberhofer im „Kaiserschmarrndrama“. Das ist aber längst nicht genug, findet Kinobesitzer Müller.

Um Publikum anzulocken, haben sich die Betreiber der kleineren, inhabergeführten Kinos ohnehin schon seit Jahren einiges einfallen lassen. Viele der Kinos sind wichtige Kulturakteure vor Ort, und sie bieten teils schon seit Langem spezielle Filmvorführungen für lokale Zielgruppen und ihr Stammpublikum an; für Frauen, für Männer, für Kinder, für Senioren, für Familien. Oftmals kann das Publikum auch selbst Filme auswählen, oder es gibt Sonderveranstaltungen mit Liveauftritten. In den „Kaisersaal-Lichtspielen“ in Münster, wo die Müllers neben dem Kino auch ein Restaurant betreiben und Gästezimmer anbieten, wird seit Kurzem sogar ein Drei-Gänge-Menü in den Kinosesseln serviert. Nur bleibt trotz aller Bemühungen dennoch ein Großteil des Stammpublikums der regionalen Kinos zuhause.

Die großen Multiplex-Kinos haben es noch schwerer

Aber es ist nicht alles schwarz: Die Soforthilfen des Landes haben vielen Filmtheatern zumindest ein klein wenig über den Lockdown geholfen, und einige regionale Kinos investieren sogar wieder mithilfe von Förderprogrammen. In den Rodgauer „Saalbau Lichtspielen“ wird eine neue Bestuhlung angeschafft, im Seligenstädter „Turmpalast Kino“ kontaktlose Pissoirs auf den Herrentoiletten und Lichttechnik vor allem im Außenbereich, wie Inhaber Peter Schlosser berichtet. Auch ein neues Reservierungssystem sei geplant – „aber die alten Rollenkarten bleiben. Das gehört zum Charme unseres Kinos“.

Im Vergleich zu den großen Multiplex-Kinos haben die inhabergeführten, oft alteingesessenen Filmtheater in diesen Zeiten einen entscheidendenden Vorteil: Sie müssen keinen Riesenbetrieb mit horrenden Betriebskosten und vielen Mitarbeitern über die Krise bringen. Bei einem Traditionskino wie den „Saalbau Lichtspielen“ in Rodgau zum Beispiel, befindet sich das Gebäude sowieso in Familienbesitz.

Finanziell gesehen ist die Lage der großen Kino-Unternehmen problematischer. Wegen der laufenden Kosten wie etwa der Miete führe die Kinopolis-Gruppe momentan Gespräche mit den Anbietern und Vermietern, sagt Kurt Schalk, Head of Marketing und Content. Kinopolis betreibt Häuser an 17 Standorten in Deutschland, auch in Hanau, Aschaffenburg und Darmstadt. Eine massenhafte Schließung großer Kinos wegen der Corona-Krise wie in den USA und in England kann sich Schalk in Deutschland nicht vorstellen. Aber: „Durch die sehr strengen Restriktionen seitens der Regierung ist es uns aktuell nicht möglich, unsere Kinos wirtschaftlich zu betreiben“, so Schalk. Auch das Großunternehmen Cinemaxx, das ein Kino in Offenbach betreibt, leidet unter den Vorgaben: „Die aktuellen Restriktionen schränken den Kinobetrieb massiv ein, da nur maximal 30 Prozent der Sitzplätze zur Verfügung stehen“, teilt eine Sprecherin mit.

Die Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus hält viele Besucherinnen und Besucher ab

Der HDF Kino fordert deshalb seit Wochen, dass die Abstandsregeln für Kinos aufgeweicht werden, um wieder mehr Publikum in die Säle zu lassen. Harald Göbel von den „Saalbau Lichtspielen“ zweifelt aber daran, dass das funktionieren würde: „Die Zuschauer sind sehr verhalten und vorsichtig, sie haben großen Respekt“, sagt er. Das erlebe er so in seinem Kino, obwohl es einen für diese Zeiten entscheidenden Vorteil besitzt. „Wir waren eines der letzten Raucherkinos in Hessen, deshalb wird bei uns die Luft nicht nur umgewälzt, sondern durch Zuluftkanäle vorne und seitlich von unten in den Saal geleitet und hinten nach oben wieder abgesaugt.“ Aber selbst das sei kein Argument für die Leute, ins Kino zu kommen. Auch im „Turmpalast Kino“ hat Peter Schlosser diese Beobachtung gemacht: „Wir haben sehr hohe Decken und genügend Frischluftzufuhr, da gibt es eigentlich keine Bedenken.“ Die Kundschaft bleibe dennoch aus.

Die Angst der Zuschauer vor einer Ansteckung – das ist in Coronazeiten das eigentliche Problem der Betreiber: Die einstigen Cineasten bleiben nun lieber zuhause und nutzen Streamingdienste. Die waren auch schon vor Corona die größte Konkurrenz der Kinos. Jetzt scheint sich ihr Vorsprung auszubauen. Jüngste Versuche großer Filmproduzenten wie Disney und Pixar, Filme direkt zum Streamen anzubieten, seien aber gefloppt und keine Zukunftsperspektive, findet Harald Göbel. Durch das Streamen lasse sich nicht genug verdienen, und die großen Produktionen müssten schließlich ihre hohen Investitionen einspielen. Stars bräuchten außerdem einen Roten Teppich, eine Bühne, um sich zu präsentieren, glaubt Peter Schlosser. „In den 80ern wurde das Kino schon totgeschrieben; erst kam das Video, dann DVD, dann Internet, dann das Streaming. Dass das auch nicht das Gelbe vom Ei ist, hat man bei ,Mulan‘ gesehen.“

Max Keck, mit 28 Jahren eigentlich selbst zur Generation Netflix gehörend, hat vor fast zwei Jahren die „Kronen Lichtspiele“ in Rodgau von seinen Großeltern übernommen. Er findet: „Zu zweit auf der Couch sitzen, ersetzt auf keinen Fall das Erlebnis im Kinosessel.“ Der Student schaut optimistisch auf die nächsten Wochen und Monate – trotz Corona. „Ich denke, dass die Zukunft in den lokalen Kinos liegt, denn sie sind klein und gemütlich, und es sind nicht so viele Leute da wie in den großen.“ Auch Kurt Schalk vom Kinopolis gibt sich kämpferisch: „Die Filmbranche befindet sich in der größten Krise aller Zeiten, aber Kino ist und bleibt Kultur, und Kultur ist systemrelevant und förderungswürdig. Das Kino wird nie aussterben.“

(Lisa Berins)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare