Aus der Kläranlage nach Tokio?

Groß-Zimmerner Radrennfahrer hofft auf Wildcard für Olympiade

Der Groß-Zimmerner Andrej Petrovski ist frisch gebackener Nordmazedonischer Meister im Zeitfahren. Via „Wildcard“ hofft er auf Olympia-Teilnahme.
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Der Groß-Zimmerner Andrej Petrovski ist frisch gebackener Nordmazedonischer Meister im Zeitfahren. Via „Wildcard“ hofft er auf Olympia-Teilnahme.

Der Groß-Zimmerner Radrennfahrer Andrej Petrovski ist Nordmazedonischer Meister im Zeitfahren geworden und hofft auf die Wildcard für die Olympischen Spiele. Im September Start bei der EM.

Groß-Zimmern – Der 25-jährige Andrej Petrovski, der aus Nordmazedonien stammt und in Groß-Zimmern wohnt und arbeitet, ist ein ambitionierter Radrennfahrer. Dies stellte er jetzt bei den nationalen Meisterschaften seines Herkunftslands unter Beweis: Im Zeitfahren wurde er Nordmazedonischer Meister. Dies hat noch einmal die Hoffnung auf die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio genährt, die am 23. Juli in Tokio beginnen. Die nächsten Tage entscheiden.

Der Landestitel im Balkanstaat, der früher Mazedonien hieß, zieht für Petrovski zwar keine automatische Olympia-Qualifikation nach sich. Allerdings fuhr der Groß-Zimmerner auf den letzten Drücker noch einmal ins Rampenlicht – so weit das in einer kleinen, oft unter dem Radar fliegenden Radsport-Nation wie Nordmazedonien möglich ist. Das Kalkül des U23-Hessenmeisters von 2018: die Nominierung per „Wildcard“ - eine Olympia-Startberechtigung, die nur bedingt an Vorleistungen geknüpft ist.

Auf regulärem Weg war es für Petrovski, der 20 Minuten lang 330 Watt treten kann, praktisch unmöglich, sich für das größte Sportereignis der Erde zu qualifizieren. Für das Straßenrennen der Männer in Tokio qualifizierten sich Fahrer aus den 50 besten Ländern der UCI-Nationenwertung, einer bis fünf pro Land. Deutschland (Platz acht) darf ins olympische Straßenrennen der Männer zum Beispiel vier Fahrer schicken. Die besten Leute der vier Dutzend anderen Nationen haben ebenfalls Plätze sicher. Nordmazedonien hingegen ist nicht unter den Top 50.

Dass der Groß-Zimmerner, der hierzulande beim RSC Reinheim einstieg und seit 2020 dem Radsport-Team Möbel Ehrmann angehört, in seinem Herkunftsland gerade im Zeitfahren das Nonplusultra ist (das 24-Kilometer-Rennen gewann er vor mehreren Tagen mit zweieinhalb Minuten Vorsprung auf den Vizemeister) nutzt ihm dabei wenig. Zumal fürs Einzelzeitfahren in Tokio lediglich 30 Plätze über die Wertung des Radsport-Dachverbands UCI (Union Cycliste International) und zehn über die WM 2019 vergeben wurden.

Doch die UCI will auch Fahrern aus Ländern, die nicht unter den Top-Nationen sind, den Olympia-Traum ermöglichen. Schließlich gehören ihr 179 nationale Radsport-Verbände an, auch der nordmazedonische. Zur UCI und zum nationalen Olympischen Komitee Nordmazedoniens hält vor allem Alexander Petrovski, Andrejs Vater und Trainer, den Kontakt. „In den nächsten Tagen fällt die Entscheidung, ob Andrej noch zu den Olympischen Spielen darf“, blickt er voraus. Die Kriterien, nach denen die letzten Wildcards vergeben würden, seien recht intransparent, sagt er: „Leider ist der Kontakt zwischen unserem nationalen Komitee, der UCI und dem IOC nicht so gut. Da spielt auf dem Balkan immer auch Politik mit rein.“ Weshalb Sohn Andrej noch bis zur Entscheidung Anfang Juli ein Spielball der Mächte in den Sportverbänden und Olympia-Komitees bleibt.

Mit seiner Leistung vor ein paar Tagen hat er sportlich zumindest geliefert. Direkt nach seiner Rückkehr nach Deutschland war übrigens wieder Alltag angesagt: Am Dienstagabend traf Andrej Petrovski per Flugzeug ein, am Mittwochmorgen saß er schon wieder in der Berufsschule. Nachdem er sich sechs Jahre lang ausschließlich auf den Sport konzentriert hatte und 2018 für ein Team aus Monaco gefahren war, absolviert er seit Sommer 2020 eine Ausbildung zum Abwassertechniker in der Groß-Zimmerner Kläranlage. Auf dem Rad sitzt er trotzdem weiter fast täglich, hat wegen der Fokussierung aufs Zeitfahren aber die Umfänge reduziert. Sollte es mit den Olympischen Spielen nicht klappen, ist mit der EM im September in Italien der nächste Höhepunkt nicht weit. Dort will er sowohl im Zeitfahren als auch im Straßenrennen starten. (Von Jens Dörr )

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