„Genieße Geruch vom Wurststand“

Amateurfußball nach Zwangspause zurück

Nach dem Freundschaftskick schauten Zuschauer und Mannschaften auf der Viktoria-Terrasse gemeinsam das EM-Spiel zwischen Deutschland und Portugal.
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Nach dem Freundschaftskick schauten Zuschauer und Mannschaften auf der Viktoria-Terrasse gemeinsam das EM-Spiel zwischen Deutschland und Portugal.

Mit dem Freundschaftskick zwischen Klein-Zimmern und Altheim ist der Amateur-Fußball am Samstag nach acht Monaten Pause in die Region zurückgekehrt.

Klein-Zimmern - Nach 70 Minuten heißt es für Marius Brand: Nichts geht mehr! An der eigenen Toraus-Linie sinkt der Spieler des SV Viktoria Klein-Zimmern zu Boden, von Krämpfen geplagt. Schnell eilt ihm Viktoria-Keeper Fabian Müller, für den es zugleich die Abschiedspartie beim Kreisoberligisten ist (er wechselt zum Gruppenligisten TSV Lengfeld), zur Hilfe. Noch leichten Fußes eilt auch Schiedsrichter Emre Can (FSV Spachbrücken) herbei, der Einzige auf dem Platz, der keine acht Monate Corona-Zwangspause hinter sich hat. Bei tropischer Hitze ist für Brand wenig später Schluss, erschöpft und glücklich. Mit dem Freundschaftskick zwischen Klein-Zimmern und dem TSV Altheim ist am Samstagder Amateur-Fußball in die Region zurückgekehrt. Was die Anwesenden gebührend zelebrierten.

Am nüchternsten resümierte die 90 Minuten, die A-Ligist Altheim mit 3:2 für sich entschied (Tore für Altheim: Pasquale Lauria, Görkem Barak, Stanislaw Haensch; für Klein-Zimmern trafen Marius Brand und Foto Tchikahane), der Unparteiische: „Das Spiel war etwas langsamer als sonst“, meinte Emre Can. Der 20-Jährige hatte auch deshalb wenig Mühe, dem Geschehen zu folgen, weil er als Teil einer jungen, ambitionierten Schiedsrichterriege in diesem Jahr schon ein paar Begegnungen pfeifen durfte: Testspiele der Junioren des SV Darmstadt 98 im Nachwuchs-Leistungszentrum in Kranichstein – die dortigen Teams durften solche Partien mitunter auch im Lockdown bestreiten, weil sie dem Leistungssport zugeordnet worden waren. „Zudem habe ich mich mit Joggen und Krafttraining fit gehalten.“

In die Laufschuhe hatte während des schier endlosen Fußball-Verbots auch die Klein-Zimmerner Viktoria ihre Spieler beordert. „Zweimal pro Woche sollten unsere Leute mindestens sechs Kilometer laufen, was wir per App kontrolliert haben“, sagte Martyn Turkowicz, der den Kreisoberligisten zusammen mit Vincenzo D’Orsi coacht. Seit rund drei Wochen steht nun wieder Mannschaftstraining auf dem Programm, auch wenn man es locker – vor allem mit kleinen Turnieren – angehen lasse. Im Juli soll dann der ernsthafte Teil der Vorbereitung beginnen. Als einer von zwölf Vereinen im Kreis Dieburg hat Klein-Zimmern für den Kreispokal gemeldet, der in den letzten beiden Juli-Wochen absolviert werden soll. Die Punktrunde soll in Hessen am 15. August beginnen.

In zwei Monaten dürfte der Ball also wieder allerorten rollen. Am Samstag hatten Klein-Zimmern und Altheim in der Region noch ein Alleinstellungsmerkmal: Ihr Duell war – bezogen auf die Fußball-Kreise Dieburg und Darmstadt – das erste, seit die staatlichen Corona-Vorgaben derlei wieder erlauben. Am Sonntag zogen Groß-Zimmern und Kleestadt (Kreis Dieburg) ebenso nach wie im Nachbarkreis Germania Pfungstadt und Rot-Weiß Darmstadt.

Für Olaf Herd, Vorsitzender des TSV Altheim, war der Vergleich trotz der grenzwertigen Temperaturen eine runde Sache: „Das Spiel ist geglückt, auch wenn das Wetter es ausgebremst hat.“ Besonders in der ersten Hälfte war aber durchaus Tempo drin, was auch Turkowicz so sah: „Da haben wir viele Ballstafetten und Schnittstellen-Pässe gesehen.“ Dass gerade im zweiten Abschnitt manch technischer Fehler und Ball ins Nichts zu sehen war – geschenkt! Viel wichtiger waren am Samstag schließlich die „weichen“ Faktoren.

„Wir wollten mal wieder das Gemeinschaftsgefühl stärken. Das Zusammensitzen und das Gelaber hat uns gefehlt“, meinte Turkowicz augenzwinkernd. Die Altheimer trugen ihren Teil zur Geselligkeit bei, hatten im Anschluss fürs gemeinsame EM-Gucken der Partie Deutschland gegen Portugal zwei Tische auf der Viktoria-Terrasse reserviert. Schon vorher war der Wunsch von Klein-Zimmerns Vorstandssprecher Erhard Höptner, der mit dem Freundschaftskick „endlich mal wieder Leute auf dem Sportplatz sehen“ wollte, erfüllt worden: Rund 80 Zuschauer suchten sich ein möglichst schattiges Plätzchen.

Einer von ihnen war Muharrem Türkgülsün. Der 32-Jährige war aus Ueberau gekommen, in doppelter Mission. Türkgülsün ist Trainer von Altheims A-Liga-Konkurrent PSV Groß-Umstadt und schaute sich schon mal den Gegner (und Mitfavoriten auf die Meisterschaft) an. Vor allem aber sog er die Atmosphäre auf: „Ich kann nicht ohne Fußball, man vermisst das in der langen Pause. Deshalb wollte ich heute mal wieder das Feeling haben, den Rasen zu riechen und gute Spieler zu sehen. Da gibt es in dieser Saison bei mehreren A-Liga-Vereinen - wie Altheim - viele von.“

Für den Anfang nach so langer Pause sei der Auftritt beider Teams am Samstag ein „richtig guter“ gewesen, „auch läuferisch“. Deshalb: „Respekt an beide Teams!“ Dann schloss Türkgülsün sein Statement mit dem Inbegriff der wieder erwachten Sportplatz-Romantik: „Ich genieße heute mal wieder so richtig den Geruch vom Bratwurststand!“ (Von Jens Dörr)

Jeder Schritt tut weh, vor allem in der zweiten Halbzeit: Der Altheimer Mert Barak (weiß) treibt den Ball, verfolgt vom Klein-Zimmerner Alexander Glenz (links).

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