Symphonie für die Sinne

Groß-Zimmern: Ganze Bandbreite an Kultur rund ums „Glöckelchen“

Hommage an Zimmern: Paul Wucherpfennig (rechts) und Otto Sorrentino spielten zum Auftakt den Kloa-Pariser-Chicago-Mississippi-Blues.
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Hommage an Zimmern: Paul Wucherpfennig (rechts) und Otto Sorrentino spielten zum Auftakt den Kloa-Pariser-Chicago-Mississippi-Blues.

„Groß-Zimmerns Kulturschaffende im Wandel der Zeit“: Ein neues Buch war Anlass für ein Wochenende voll vielfältigem Kunstgenuss am Kulturzentrum Glöckelchen.

Groß-Zimmern – Die Coronaauflagen haben Kunst und Kultur auf ein Abstellgleis gestellt. Seit Ausbruch der Pandemie war auch Veranstaltungen in Groß-Zimmers Kulturzentrum ein Riegel vorgeschoben. Am Wochenende hob sich der Vorhang für gleich 25 Künstler und Kulturschaffende. Zwei Tage lang hielt das „Glöckelchen“, was sein Trägerverein verspricht: Hier eine Bühne für Kultur, Kunst und Heimatgeschichte zu schaffen.

„Groß-Zimmerns Kulturschaffende im Wandel der Zeit“ titelt auch das Buch der Groß-Zimmernerin Martina Emmerich, die erstmals ein Werk speziell zu Groß-Zimmerns Kulturschaffenden publizierte. Außerdem Impulsgeberin der Ausstellung war und gar den Löwenanteil der Organisation stemmte.

„Waiting“ (Warten), so heißt die ausdrucksstarke Tanzperformance des Ensembles von Gardy Pasewald. Die Tänzer eröffneten die Veranstaltung am Samstagmorgen auf dem Straßenpflaster mit einer getanzten Pandemie-Inszenierung, die keiner Erklärung bedurfte: Masken, Abstand, hoffen auf ein Ende des „Social Distancing“. „Eine schwere Zeit liegt hinter uns – das traf und trifft die Kulturschaffenden in besonderem Maße“, begrüßte Bürgermeister Achim Grimm im Namen des Glöckelchenvereins das Publikum der Open-Air-Vernissage.

Eine hatte die Warterei satt: Martina Emmerich begab sich vor über einem Jahr auf Spurensuche. „Als Journalistin habe ich im Lokal-Anzeiger über einige Künstler berichtet und dargestellt, wie es ihnen in dieser schwierigen Zeit geht“, berichtete Emmerich, die ihre Recherche dank eines dreimonatigen Arbeitsstipendiums der Hessischen Kulturstiftung vertiefte. Zutage förderte sie 60 Künstlerinnen und Künstler ihrer Heimatgemeinde, die sie in ihrem Buch „Kulturschaffende im Wandel der Zeit“ aufführt; 44 von ihnen sind detailreich porträtiert.

Noch bevor das Werk in Druck ging, keimte die Idee einer Gemeinschaftsausstellung im „Glöckelchen“. Der Bürgermeister schwankte zwischen Begeisterung und Argwohn: „Wir wagten es trotzdem – und der Plan ging auf.“ Zwei Tage lang wurde das Kulturzentrum an der Angelstraße am Wochenende mit Leben gefüllt: Malerei, Bildhauerei, Schnitzereien, Kunst mit Keramik und Stahl, Tanzchoreographien, Literatur und Musik. Das breite Spektrum spiegelt auch die schöpferische Kraft, die der kleine Ort hervorbringt.

„Isch komm net vom Mississippi, na, von dort, wo die Gerschprenz fließt“: Mit einer musikalischen Hommage an Groß-Zimmern übernahmen die „Drei Friseure“ alias Otto Sorrentino, Otto Herdt und Paul Wucherpfennig, unterstützt von Gerhard Schlepper am Saxophon, das Programm. Zugegeben, der Eröffnungstermin um 10 Uhr am Samstagmorgen war ungewöhnlich früh, doch noch überlagert die Angst vor großen Menschenansammlungen diese Zeit. Zudem gab es die üblichen Snacks zur Vernissage in Brottütchen, und das Desinfektionsmittel beherrschte prominent den Ausstellungsraum. Dennoch wurde in den Veranstaltungssälen dank der Vielzahl Mitwirkender ein ganzes Füllhorn an Eindrücken ausgegossen.

Emmerich war es gelungen, viele ihrer Interviewpartner oder Nachfahren verstorbener Künstler für die Veranstaltung zu begeistern. Heidi List etwa hatte eine Auswahl der Schnitzereien ihres verstorbenen Vaters Georg Fröhlich zusammengetragen. „Früher haben wir das gar nicht als Kunst wahrgenommen“, sagte die Zimmernerin, deren Papa sich, ganz Autodidakt, ebenso an figürliche wie zweidimensionale Werke machte (eines davon hängt dauerhaft im „Glöckelchen“ aus).

Thomas Daub, der Sohn des 2013 verstorbenen Organisten Erich Daub, der jahrzehntelang die Orgel in der evangelischen Kirche spielte, war extra von Berlin angereist.

Die Veranstaltung bot an zwei Tagen eine Symphonie für die Sinne. Nach dem Kultur-Lockdown waren Groß-Zimmerns Kulturschaffende auf der Überholspur: Kleine Konzerte, Lesungen, Ausstellungen und multimediale Beiträge füllten das Premierenprogramm der Kulturveranstaltungen im „Glöckelchen“.

Martina Emmerich hat mit ihrer Publikation eine bleibende Erinnerung an schöpferische Menschen ihrer Heimat geschaffen. „Ich finde es eine lebendige Zeitgeschichte und eine Zeitreise zugleich, die auch den Generationen nach uns einen Einblick in das Kulturleben unserer Heimatgemeinde geben soll“, sagte Verwaltungschef Achim Grimm.

Martina Emmerichs Buch beigefügt ist eine Karte, die die jeweiligen Wirkungsstätten dieser Menschen im Ort markiert. (zah)

Der Mensch im Schraubgewinde? Die Skulpturen von Ingrid Mayer bot Raum für Interpretationen.
Achim Grimm im Portrait: Als Stadtschreiber kommt ihm im Märchen von Tanja Bach besondere Bedeutung zu.
Die Autorin und Initiatorin der Veranstaltung, Martina Emmerich, mit Thomas Daub, der aus Berlin anreiste.
Kulturgenuss mit Abstand: Erstmals seit Pandemieausbruch öffnete das Kulturzentrum Glöckelchen seine Pforten für eine zweitägige Ausstellung mit viel Programm.
Choreografin Gardy Pasewald studierte mit ihrer Formation eine Performance zur aktuellen Pandemie ein: Der Tanz wurde auf dem Glöckelchen-Parkplatz präsentiert.
Aus dem Nachlass von Georg Fröhlich stammen etliche Figuren und Bilder. Der verstorbene Künstler war Autodidakt.

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