„Befinden uns im freien Fall“

Tatüt-Theater seit mehr als einem Monat ohne Auftritt: Ratte philosophiert online

Auch das Tatüt-Ensemble Yvonne Vogel und Jens Horn ist wegen der Corona-Krise gezwungen, seine Aufführungen abzusagen. Seit dem 11. März sind alle Termine abgesagt.
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Auch das Tatüt-Ensemble Yvonne Vogel und Jens Horn ist wegen der Corona-Krise gezwungen, seine Aufführungen abzusagen. Seit dem 11. März sind alle Termine abgesagt.

Das H in der Suppe, der Glückspilz oder Mut tut gut – vielen Familien ist er gut bekannt, der Spielplan des Tatüt-Theaters. Doch der Vorhang in der Zimmerner Spielstätte ist vorerst gefallen.

Groß-Zimmern – Auch das populäre Ensemble aus dem Odenwald, das seinen Hauptsitz im Kulturzentrum Glöckelchen hat, und hier regelmäßig sonntagmorgens seine pfiffigen Inszenierungen spielt, leidet massiv unter der Corona-Krise. Das Tatüt-Theater, das seine munteren und pädagogisch wertvollen Stücke selbst schreibt, muss sich jetzt selbst Mut machen, um zu überleben. Denn Kultur und Corona gehen zumindest physisch nicht zusammen.

Schauspielerin Yvonne Vogel bedauert: „Seit 11. März haben wir alle Auftritte abgesagt – und inzwischen haben wir schon den Lagerkoller.“ Tatüt, das sind neben Vogel auch Jens Horn und bisweilen Gastmusiker Holger Fehr. Kreativer Kopf der Truppe ist Yvonne Vogel, die Stücke schreibt, Masken und Outfits herstellt, Puppen baut und vieles mehr. Seit sich die Tatüte des Kindertheaters im Januar 2004 erstmals öffnete, sind Horn und Vogel ein bewährtes Theaterduo. Ihr Publikum reicht von drei Jahren bis ins Seniorenalter. Mit viel Sprachwitz wird in die kindgerechten Produktionen auch Humorvolles für Ältere eingebaut. Das mobile Kindertheater tourt durch den südhessischen Raum, 60 Mal im Vorjahr. Schulen und Kindergärten buchen das Ensemble ebenso wie Vereine und Kommune, das mit seinen „starken Stücken“ auch die Themen Gewalt, kindliche Ängste aufgreift und Selbstbewusstsein vermitteln möchte.

„Jetzt befinden wir uns selbst im freien Fall“, sagt Yvonne Vogel, die auch mit ihren weiteren beruflichen Einsätzen, etwa der Sprachförderung in Kindergärten oder der musikalischen Kleinkunsttruppe „Cabaret Paris“ kein Land sieht. Das 1993 gegründete Kabarett- und Musiktheater, in dem Vogel als frech-frivole Chansonnette agiert und Horn Gitarre spielt, wird von der Virus-Pandemie ausgebremst – ist aber nicht sprachlos.

Im Kulturzentrum Glöckelchen hat das Odenwälder Ensemble seine Heimatbühne.

Denn weil ihr Publikum, zumindest physisch, verschwunden ist, wählt Yvonne Vogel den Weg in ein neues Medium: das Internet. Hier meldet sich eine Ratte aus dem Kleiderschrank und philosophiert über die neue „Isoration“ und ein rosa Plüschkaninchen debattiert mit dem Bücherwurm, dessen Rumpf noch in der Lieblingslektüre steckt. Die Tatüte geht auf – aber am Monitor. „Das Internet erstickt in Wohnzimmervideos von einkommenslosen Schauspielern, Sängern, Musikern und Kabarettisten“, knoddert der graue Nager im Rattenvideo.

Trotzdem, Ivonne Vogel, kreativer Tausendsassa und bereits in der Schulzeit parallel mit einer Schauspielausbildung zugange, hat die virtuelle Tatüte für sich entdeckt. Damit spielen sich die Schauspieler und Musiker des Familientheaters mit kleinen Episoden zurück in die Herzen ihrer Fans. Und irgendwann, nach der Corona-Krise, rollt die muntere Tatüt-Kulturwelle zurück ins Glöckelchen. Hier ist das Theater zuhause, nachdem der erste Sitz der Tatüte in Reinheim schloss. „Der Glöckelchenverein war unser großer Retter“, erinnert sich das Ensemble, das seither in Zimmern einmal im Monat spielt. „Danke an den Verein und die Gemeinde, wir sind inzwischen Freunde geworden und die Zusammenarbeit läuft sehr unkonventionell“, erklären Horn und Vogel, „wir fühlen uns mehr als wertgeschätzt und verwöhnt.“ Jetzt hoffen sie auf ein zeitnahes Comeback.

zah

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