Christa Berz findet neue Wege der Kunstpräsentation

„Kunst braucht Öffentlichkeit“

Christa Berz arbeitet mit Porzellan und thematisiert dabei die fragile Papierwelt.
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Christa Berz arbeitet mit Porzellan und thematisiert dabei die fragile Papierwelt.

Groß-Zimmern – Gemäß dem Motto „Kreativität sucht sich ihre Wege“ begegnet Christa Berz mittlerweile der Corona-Pandemie. Wirkte die erste Corona-Welle samt Lockdown im Frühjahr 2020 zunächst fast wie eine Vollbremsung auf die Porzellan-Künstlerin, lässt sie sich durch die anhaltenden Einschränkungen und negativen Auswirkungen der momentanen Krise nicht unterkriegen. Sie arbeitet vielmehr an neuen Projekten.

Nachdem zur großen Enttäuschung der 74-Jährigen eine von ihr initiierte und zwei Jahre vorbereitete Ausstellung mit drei weiteren Künstlerinnen aus Japan, Norddeutschland und Österreich erst von 2020 auf 2021 verschoben und dann ganz abgesagt wurde, entschied sie sich, ihre Kunst auf neuen Wegen sichtbar zu machen: Sie hatte die Kaisersaal-Lichtspiele in Münster dafür gewonnen, unter dem Titel „Kunst im Kino“ in ihrem Vorprogramm eine Präsentation mit Fotos von ihren Werken sowie denen von Lucie Heirich (Fotografie) und Inge Rick (Malerei) zu zeigen. Die im Spätherbst gestartete Aktion erhielt eine durchweg positive Resonanz. Berz soll nun mit der bevorstehenden Öffnung der Kinos in Münster und darüber hinaus in den Darmstädter Kinos fortgesetzt werden. Mit Porzellanarbeiten beschäftigt sich die in Dieburg Geborene und Aufgewachsene mittlerweile seit 45 Jahren. Berz besuchte zunächst von 1976 bis 1978 die Werkstatt von Klaus Lehmann und Nora Leo und nahm dort Privatunterricht in Aufbaukeramik. Als freischaffende Künstlerin erhielt sie 1982 den Sonderpreis für Plastik und künstlerische Keramik im Rahmen eines Wettbewerbes auf Schloss Lichtenberg und war 1985 für den Hessischen Staatspreis nominiert. Beim Kitz Award 2018 des Kunstvereins Kitzbühel/Österreich kam sie in die Gruppe der 20 Besten aus 300 Bewerbungen.

Das erworbene Wissen und ihre Fertigkeiten gab Berz als Dozentin für den Fachbereich Keramik an der Freien Kunstschule Dieburg sowie in Werkstattkursen für Kinder und Erwachsene weiter. „1986 gründete ich mein neues Atelier in Dieburg und hielt für die Volkshochschule Keramikkurse in Reinheim“, schildert die Literaturbegeisterte, die vor 21 Jahren nach Groß-Zimmern zog und mit ihrem Werkstatt-Atelier eine neue Heimat fand. Ursprünglich eine Quereinsteigerin in Sachen Keramik, konnte sie in den vergangenen Jahren mit internationalen Ausstellungen ihrer Werke Erfolge feiern. „Ich habe 2007 eine japanische Galeristin kennengelernt, die mich zu einer Ausstellung nach Japan einlud. Zwei Jahre später wurde ich in die USA und 2014 für eine weitere Ausstellung nach Japan eingeladen“, berichtet Berz, die zunächst mit Ton gearbeitet hatte, aber schon früh auf der Suche nach feinerem Material war. „So kam ich bereits in den 1980ern zum Porzellan und entwickelte eine ganz eigene Technik, um dieses schwierige Material papierdünn verarbeiten zu können“, erzählt die Künstlerin, die von der Fragilität von Papier fasziniert war und dies mit ihren Werken darstellen wollte. Mit diesen hauchdünnen Porzellanarbeiten machte sie bereits in ihrer künstlerischen Anfangszeit auf sich aufmerksam und genoss große Anerkennung bei zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland. Aufgrund der Einzigartigkeit ihrer Werke und ihrer besonderen Technik wurde sie in den Bund Hessischer Kunsthandwerker aufgenommen. Ermuntert durch die Darmstädter Galeristin Charlotte Hennig kam es 1985 zur ersten Ausstellung ihrer Werke auf der Frankfurter Frühjahrs- und Herbstmesse. Entstanden in den Anfangsjahren hauptsächlich Vasen und Schalen, die Berz mit Asche- und Gesteinsmehlglasuren aus eigener Herstellung überzog, folgten im Laufe ihres künstlerischen Wirkens freie Objekte, die an aufgeschlagene Bücher oder zerknülltes, angebranntes Papier erinnern.

Diese „Knitterling“-Objekte stehen dem großen, freistehenden Objekt „Momentum“ aus 2018 gegenüber: „Hierbei ist der Augenblick kurz vor der Bewegung festgehalten, während bei anderen Arbeiten die Bewegungsabläufe bereits im Gange zu sein scheinen“, beschreibt die 74-Jährige ihre neueren Werke. Seit 2007 beschäftigt sie sich auch mit den Ausdrucksmöglichkeiten des Reliefs, indem sie das Wechselspiel von Licht und Schatten nutzt, das durch die unterschiedliche Struktur und Reihung schmaler Porzellanstreifen entsteht. Auch hinsichtlich der Farbgestaltung ihrer Porzellanobjekte entwickelte sich die Künstlerin immer weiter. War die Ausstellung zum Thema „Die Farbe Weiß“ im Darmstädter Atelierhaus 2016 noch mit Werken aus der leicht gräulichen Hutschenreuther-Masse gestaltet, arbeitet die Künstlerin heute mit einer sehr weißen, englischen Porzellanmasse. Glasuren verwendet sie nicht mehr. Soll Farbe in ihre Arbeiten kommen, dann nur durch einen roten Ton, den sie dem Weiß des Porzellans gegenüberstellt. „Ich habe sechs bis sieben verschiedene Tonmassen ausprobiert, um das perfekte Material für meine Arbeiten zu finden“, erzählt die Groß-Zimmernerin, die sich von der reinen Kunsthandwerkerschiene weg, hin zur freien Kunst entwickelte. „Meine Inspiration schöpfe ich nach wie vor aus der unendlichen Formenvielfalt des Papiers und erzeuge aus Porzellan eine Illusion fragiler Vergänglichkeit, die ich mit Hilfe des Feuers in harte, dauerhafte Materie verwandele“, erklärt die Künstlerin, die sich sicher ist, dass Kunst aktuell mehr denn je Öffentlichkeit braucht. Sie hofft, auch bald wieder mit ihren Werken in der Gersprenzgemeinde präsent sein und beispielsweise die Ausstellungsreihe „Zimmern Art“ mit ihren Groß-Zimmerner Kolleginnen fortsetzen zu können.

Von Martina Emmerich

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