Millionenprojekt Katzengraben

Nach 20 Jahren Vorbereitung gibt es in Groß-Zimmern bald Renaturierung

Günther Lutz, Teichwart des Angelvereins Groß-Zimmern, steht direkt am Abschlag des Katzengrabens, der hinter ihm von der Gersprenz nach links abbiegt.
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Günther Lutz, Teichwart des Angelvereins Groß-Zimmern, steht direkt am Abschlag des Katzengrabens, der hinter ihm von der Gersprenz nach links abbiegt.

Darauf haben nicht nur Naturschützer lange gewartet: Noch in diesem Jahr sollen rund zwei Millionen Euro in zwei miteinander verbundene ökologische Projekte fließen, den Bau einer Fischaufstiegsanlage an Gersprenz beim Abschlag zum Katzengraben nahe des Klein-Zimmerner Anglerheimes sowie die Renaturierung des Katzengrabens.

Groß-Zimmern – Eigentlich sollte die Wiederherstellung des naturnahen Lebensraumes entlang des Entlastungsgrabens schon lange viel weiter fortgeschritten sein. Doch trotz vielfältiger Vorleistungen der Gemeinde kommt das Öko-Projekt mit EU-Unterstützung und -Förderungen nur schleppend voran. Die Grünen stellten im Mai eine Anfrage zum Ist-Stand. Sie interpretierten – wie andere beobachtende Bürger – vermehrte Aktivitäten von Seiten des Bauhofs rund um das Areal am Klein-Zimmerner Leo-Steg dahingehend, dass dies wohl der Herstellung des Landschafts- und Vogelschutzgebiets in diesem Bereich dient.

Zeit würde es ja, denn die Europäische Wasserrahmenrichtlinie (EU-WRRL) verpflichtete bereits Anfang des Jahrtausends alle Kommunen, ihre Gewässer bis 2015 in einen besseren Zustand zu versetzen und die Durchgängigkeit für die Fischwanderung zu ermöglichen. Mittlerweile befindet sich Europa in der dritten Verlängerung zur Umsetzung der Anordnung, weiß Wasserbauingenieur Jonathan Dörr vom Wasserverband Gersprenzgebiet, der unserer Zeitung vor Ort das Projekt, seine Ziele und Umsetzung erläuterte.

Der Katzengraben wurde vermutlich um 1920 für die Gersprenz als Hochwasserentlastung angelegt. Die Fließstrecke zwischen Abschlagsstelle an der L 3102 bis Wiedereintritt in die Gersprenz kurz vor Dieburg ist vollständig mit sogenannten Wasserbausteinen, großen, unbearbeiteten Bruchsteinen, ausgekleidet. In den Sommermonaten führt er so wenig Wasser, dass eine Fischwanderung zwischen den groben Basaltbrocken nicht möglich ist.

Andererseits ist der Katzengraben aber auch als Umgehungsgraben die einzige Möglichkeit, um die geforderte Fischdurchgängigkeit herzustellen. In der Gersprenz selbst, für die der Katzengraben in Zimmerner Gemarkung praktisch eine Umgehungs-Wasserstraße darstellt, werden Forellen, Rotaugen und andere Süßwasserfische von den Wehranlagen an Ober- und Untermühle seit deren Bestehen ausgebremst. „Durch fehlende Grundstücke im Seitenbereich ist dort auch der Bau einer Fischaufstiegsanlage nicht möglich“, sagt Dörr.

2003 hoben Gemeinde, Kreiswasserbehörde und Regierungspräsidium nach langen Überlegungen die Renaturierungs- und Fischtreppen-Idee aus der Taufe. Fördergelder wurden fortan bei Land, Bund und EU beantragt und die Gemeinde begann vor rund 20 Jahren, vor allem links des Katzengrabens Flächen für das anspruchsvolle Projekt anzukaufen.

Und Wasserverbandsingenieur Jonathan Dörr lobt heute: „Die Gemeinde hat jetzt rund 95 Prozent – etwa 16,3 Hektar – der Anliegerflächen im Eigentum. Das ist einzigartig im Verbandsbereich.“ Nun beginnt für den Wasserverband die Aufgabe, die Renaturierung und Fischdurchgängigkeit umzusetzen. 35 Erlen wurden bereits gefällt, um an das Gewässer zu kommen. Ast- und Kronenholz wurden auf der Wiese entlang des nördlichen Gemarkungsgrenzfeldweges gelagert und eine Benjes-Hecke angelegt (wir berichteten).

Noch immer ist die Renaturierung im Genehmigungsverfahren bei der Unteren Wasserbehörde des Kreises. Und es steht noch ein Okay aus Groß-Umstadt aus, im Auslaufbereich des Projektes befinden sich auf Semder Gemarkung Pappeln, die zwar schon länger gefällt sein sollten, doch noch stehen. „Aber das sind nur Kleinigkeiten“, sagt Dörr. Die Vegetation sei beim angepeilten Vorgehen nun zu beachten. Zunächst könne man wegen der Brut- und Setzzeit nicht in Baum- und Buschbestand bis Oktober eingreifen. Und dann muss bis November viel umgesetzt werden, da dann Laichzeiten zu beachten sind und im Gewässer selbst ökologische Regeln beachtet werden müssen.

Bei den anstehenden Maßnahmen kommen große Maschinen zum Einsatz. Mit Baggern werden etwa die Wasserbausteine linksseitig des Fließgewässers entnommen. Rechts bleiben die schweren Steine liegen, damit sich der Katzengraben nicht in die bebaute Lage entwickelt.

Im Herbst wird Hessen Mobil die Brücke nahe des Katzengraben-Abschlags im Zuge der L3102 sanieren. Zeitgleich soll die Fischaufstiegsanlage gebaut werden, für die 1,4 Millionen Euro veranschlagt sind. „Über 50 Meter lang wird dieses Bauwerk, das 18 bis 19 Becken beinhaltet“, sagt Dörr. 450  000 Euro sind für die reinen Renaturierungsarbeiten veranschlagt.

Nach der Projekt-Umsetzung wird die Gemeinde die Flächen am Katzengraben neu aufteilen, entsprechend des derzeitigen Flächenverhältnisses der derzeitigen Bewirtschafter. Die Flächen sind auch zukünftig ohne Pflanzenschutzmittel und Dünger zu bewirtschaften. Da die Flächen am Katzengraben Vogelschutz- und Landschaftsschutzgebiet sind, wird kein öffentlicher Feldweg mehr am Katzengraben entlang führen.

So werden die Verantwortlichen in der dritten Verlängerung der vor über 20 Jahren europaweit initiierten Wasserrahmenrichtlinie wohl die letzte Zeitfrist, die gesetzt wurde, vorzeitig erfüllen: Bis 2027 muss alles fertig sein. (Von Thomas Meier)

Jonathan Dörr auf dem Leo-Steg über dem Katzengraben ist optimistisch, dass die Renaturierung vorankommt.

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