Yusuf Güvercin ist leidenschaftlicher Musiker und Instrumentenbauer

Traditionelle Musik für alle Lebenslagen

Yusuf Güvercin fertigt und repariert in liebevoller Handarbeit Baglamas.
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Yusuf Güvercin fertigt und repariert in liebevoller Handarbeit Baglamas.

Groß-Zimmern – „Wo es Musik und Baglama gibt, verliert Angst und Negatives seinen Schrecken“ – das ist eine Art Lebensmotto des Groß-Zimmerner Musikers und Instrumentenbauers Yusuf Güvercin.

Geboren ist er im September 1956 im ostanatolischen Malatya, aufgewachsen und zur Schule gegangen in Ankara; 1970 kam der engagierte Künstler in die Gersprenzgemeinde. „Mein Vater war Gastarbeiter und anfangs alleine hier, bis er dann nach einigen Jahren seine Familie nachholte“, blickt der fingerfertige Musiker zurück. Er wiederholte hier noch einmal die zehnte Klasse und machte seinen Realschulabschluss, um anschließend auf die Berufsfachschule nach Dieburg zu wechseln und die Fachhochschule zu besuchen. Musik spielte schon in seiner Kindheit eine wichtige Rolle. Schon damals faszinierte den heute 64-Jährigen das Spiel auf der türkischen Langhalslaute Baglama. Das künstlerische Talent ist Güvercin sozusagen in die Wiege gelegt worden. „Mein Opa war in der Türkei ein berühmter Dichter und mein Vater ein bekannter Musiker und Schreiner“, berichtet er, der selbst seit seinem fünften Lebensjahr auf der Bühne stand und Baglama spielte. Die Langhalslaute gilt als eines der ältesten türkischen Musikinstrumente. Sie zählt zu der Gruppe der „Saz“-Saiteninstrumente, und es gibt sie in fünf Größen sowie 15 Ausführungen.

Güvercin lebt für dieses traditionelle Musikinstrument, das für seine stimmungsvollen folkloristischen Klänge bekannt ist. Er hat sich nicht nur als Musiker hierzulande und in der Türkei einen Namen gemacht, sondern ist auch als Instrumentenbauer ein Experte seines Faches. 1974 entwickelte er mit Shadow Electronics einen neuen Tonabnehmer und verbaute verschiedene Holzarten wie etwa kanadische rote Zeder, Mahagoni, Ebenholz und Merbau in seinen Baglamas. „Das war damals eine Revolution“, erzählt der handwerklich und musisch Begabte, der von 1974 bis 1979 noch beim Automobilkonzern Opel arbeitete, bevor er sich im Alter von 23 Jahren als Musiker und Instrumentenbauer selbstständig machte. Mit seiner Musikgruppe „Güvercinler“ konnte der Zimmerner schon bald über die Region hinaus erste Erfolge feiern und sich mit Auftritten bei Hochzeiten und Festivals in Deutschland, Frankreich, Belgien, in den Niederlanden sowie in der Schweiz einen Namen machen. Privat lernte der junge Musiker bei einem Besuch in der Türkei seine spätere Frau kennen, die zum damaligen Zeitpunkt studierte. Die beiden heirateten, bauten in Groß-Zimmern als erste Türken ein eigenes Haus und wurden Eltern von drei Töchtern. Damals wie heute hält der Künstler, der der in der Türkei unterdrückten Glaubensrichtung der Aleviten angehört, stets engen Kontakt mit Musikkollegen. Das ist ihm gerade in der jetzigen Corona-Pandemie sehr wichtig, denn die aktuelle Situation, der Stillstand in fast jedem kulturellen Bereich, ist für ihn ein harter Schlag: „Ich war oft mit Musikerkollegen zu Auftritten unterwegs. Diese sowie der direkte Austausch fehlen mir sehr. Vor allem weiß ich nicht, wie es weitergehen soll“, gesteht der 64-Jährige, der nach dem Motto lebt, dass man nicht zurückschauen soll, sondern akzeptieren müsse, was das Leben bringt. Das bedeutet für ihn auch, Corona mit all seinen Einschränkungen anzunehmen.

Ein Ausweg aus der Krise sieht Güvercin für sich darin, das zu machen, wofür er mit Leidenschaft brennt: „Ich habe in den vergangenen Monaten viel Zeit in meinem Atelier verbracht, Baglama gespielt, Instrumente repariert und überdies neue gebaut. Ich brauche das tägliche Spiel – egal, ob ich glücklich oder traurig bin.“ Er ist sich sicher ist, dass die Musik ihm hilft, durch diese schwierige Zeit zu kommen. In seinem Atelier entstehen Baglamas in fünf verschiedenen Größen, wobei die Divan das größte Modell ist und einem Bass gleicht, während die Kurzhals-Baglama sowie Cura zu den kleineren Varianten gehören. „Heutzutage gehen viele Interessierte zu Kursen und wollen größtenteils die Kurzhals-Baglama spielen lernen. Daher baue ich in meinem Atelier überwiegend diese Modelle“, erklärt der Vollblutmusiker, der selbst eine Diede Baglama spielt, die aus drei Saiten besteht und ein gutes Begleitinstrument zum Gesang ist. Zeit, viel Liebe zum Detail und eine gewisse Fingerfertigkeit sind für den Baglama-Bau notwendig. Manchen haben eine reine Bauzeit von 20 Stunden, für andere werden über 80 Stunden benötigt. „Die einzelnen Arbeitsschritte sind sehr aufwendig. Baglamas sind empfindliche Instrumente, die mit viel Liebe hergestellt werden müssen, denn dies hat später Auswirkung auf den Klang“, weiß der Experte.

Tiefe Gefühle aber auch Kritisches bringt Güvercin in seinen Liedern zum Ausdruck; dafür vertont er seine selbst verfassten Gedichte. Zudem interpretiert er traditionelle Stücke mit persischen und kurdischen Elementen. Trotz seiner Erfolge als Musiker hat Güvercin bis jetzt noch keine CD aufgenommen oder ein Buch mit seinen eigenen Gedichten herausgegeben. „Wer weiß, vielleicht ist jetzt die Zeit dafür“, schmunzelt der Familienvater, der Musikaufnahmen machen und seine Biografie verfassen will. Allerdings wäre es ihm lieber, wenn er bald wieder vor Publikum auftreten und mit seiner Musik positive Akzente in der Musik- und Kulturbranche setzen könnte. Schließlich sind für ihn der Applaus, die Achtung seines Berufes sowie die Mundpropaganda die größte Belohnung für sein Wirken.

Von Martina Emmerich

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