Mit einem Druck von 600 Tonnen unter dem Bahndamm hindurch

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Der Abraum aus dem Bohrkopf wurde neben der Baugrube deponiert. Ein mächtiger Autokran hievt die mit Erdreich gefüllte Stahlwanne aus fünf Meter Sohlentiefe von nach oben.

Hainburg - (paw) Eng wie in einer Taucherglocke sitzt Werner Reiniger am Steuerpult eines tonnenschweren Monstrums. Auf seinen Steuerimpuls per Joystick räumt eine Baggerschaufel das Erdreich kreisrund mit einem Durchmesser von etwa zwei Metern weg. +++ Fotostrecke +++

Hinter Reininger treiben zwei mächtige Hydraulikzylinder mit einem Druck von bis zu 600 Tonnen die gesamte Bohrglocke horizontal unter den Bahndamm am Mühlgraben in Hainstadt. „Microtunnelling“ nennt sich das Verfahren, mit dessen Hilfe großdimensionierte Rohre unter der Erde verlegt werden.

Bahndamm in Hainstadt: Etwa 1, 5 Millionen Euro investiert die Gemeinde in das Projekt Mühlgraben-Sammler“.

Wir haben uns für diese Art der Verlegetechnik entschieden, weil sie mit rund 150 000 Euro etwa so viel kostet wie am offenen Graben, aber wesentlich weniger Zeit in Anspruch nimmt“, erläuterte Stefan Herbert vom Ingenieurbüro Schüßler-Plan, der im Auftrag der DB-Netz die Aktion überwacht. Zudem entfallen umständliche Gleisumlegungen oder Ersatzschienenverkehr.
Insgesamt investiert die Gemeinde Hainburg in das Vorhaben „Mühlgraben-Sammler“ etwa 1, 5 Millionen Euro. „Rund 30 Prozent des anfallenden Hainstädter Regenwassers können im Extremfall dort aufgefangen werden. Ein Regenrückhaltebecken in den Mainauen bei Hainstadt mit entsprechender Kapazität wäre die Alternative. Mit der jetzt praktizierten Lösung ist das aber nicht notwendig“, erläutert Gemeindewerke-Leiter Egon Lukas. Die einmalige Art der Bahnunterquerung in einer Sohlentiefe von fünf Metern startete am Samstag gegen 22.50 Uhr, als die letzte Bahn die Strecke in Richtung Seligenstadt passiert hatte. Kurz danach wurden die Ventile für die Hydraulikzylinder zum Vorschub des Bohrkopfs in der Baugrube geöffnet. „Wir haben auf der Baustelle unseren Energiebedarf mit einem 300-kV-Stromaggregat gesichert. Seine Leistung reicht aus um 20 bis 30 Einfamilienhäuser mit Strom zu versorgen“, ist von Johann Bruckbauer zu erfahren. Er ist Polier der Braumann Tiefbau GmbH, die ihren Stammsitz Antiesenhofen (Österreich) hat. In seinen Händen liegt die Verantwortung für die Männer und Maschinen auf der Baustelle. Der Vortrieb von etwa 20 Metern unter das Hainstädter Bahngleis sei eine seiner leichteren Übungen. Er habe schon Rohrleitungen von fast 1 000 Metern in Presstechnik verlegt, sagt er.

Bilder vom Tunnelbau

Mit 600 Tonnen Druck unter dem Bahndamm hindurch

Etwa ein Dutzend Schaulustige wollen sich das nächtliche Spektakel nicht entgehen lassen. Sie beobachten aufmerksam wie die Spezialisten mit ihren Gerätschaften und den Betonrohrsegmenten in der taghell erleuchteten Baugrube hantieren. Spannend wird es bei der Einführung des zweiten von insgesamt sechs, je zehn Tonnen schwer und drei Meter langen Betonrohrelementen. Ein Stahlträger zur Absicherung der seitlichen Spundwand ist zu knapp gesetzt. Das Rohr kann nicht abgesenkt werden. Polier Johann Bruckbauer hat Glück und erreicht einen Statiker in seiner Firma, von dem er sich die Freigabe für die Verschiebung des Querträgers einholt. Das kostet Zeit, die am Ende fehlte: am Sonntagmorgen um 8.20 Uhr fährt die erste Bahn. Bis dahin sollen alle Rohre eingebaut sein. „Leider haben wir das nicht geschafft. Neben dem Problem mit dem Querträger gab es in der Nacht auch einen Schaden am Bohrkopf der Teilschnittmaschine“, sagte Stefan Herbert von Schüßler-Plan. Deshalb kamen nur drei von sechs Rohrstücken unter die Erde. Der Rest wurden in der Nacht auf Montag versenkt. Den Gleiskörper hat das Treiben in der Tiefe nicht beeindruckt. Schienen und Unterbau war nichts anzumerken. Als nächster Schritt folgt die Abmauerungen der Start- und Zielgrube östlich und westlich des Bahndamms. Sie dienen als Verbindungsbauwerke und Anschlüsse an den 500 Meter langen Mühlgraben-Sammler. „Mit dem Bau des Sammlers haben wir im März begonnen. Bis Oktober sollen die Arbeiten fertig sein“, kündigte Michael Völlinger an. Er ist Oberbauleiter der Kropp GmbH aus Großenlüder bei Fulda, die mit der Realisierung des Projektes beauftragt wurde.

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