Reisen, um den Horizont zu erweitern

Europäischer Freundeskreis: Partnerschaftsidee braucht neue Impulse

Blick zurück in die Anfänge der Partnerschaft mit der französischen Stadt Vernouillet.
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Blick zurück in die Anfänge der Partnerschaft mit der französischen Stadt Vernouillet.

„Nicht nur Besuche von Bürgermeister und Gemeinderäten!“, lautet der Appell von Karin Steinkamp. „Es ist besser, in Familien zu wohnen, so lernt man Land und Leute kennen.“ Und die Ehrenvorsitzende des Europäischen Freundeskreises Hainburg (EFH) muss es wissen. Jahrzehntelang hat sie Kontakte zu Menschen in den Partnerstädten geknüpft, bis heute pflegt sie Freundschaften.

Hainburg – Allein, die nächste Generation lässt sich kaum noch für die Partnerschaftsidee gewinnen. „Vor 50 Jahren war es der Höhepunkt im Jahr, nach Österreich oder Frankreich zu reisen“, sagt die überzeugte Europäerin. „Heute fliegen die Kinder zweimal im Jahr nach Malle.“ Klar, die Gesellschaft hat sich gewandelt, Corona hat ein Übriges beigetragen. „Alle Vereine leiden“, bringt es EFH-Vorsitzende Heidemarie Rackensperger auf den Punkt, das Angebot des Freundeskreises scheint obendrein ein wenig aus der Mode gekommen sein.

Der EFH wurde 1984 mit Schützenhilfe aus Seligenstadt aus der Taufe gehoben. Die Nachbarn hatten ihre Gemeinschaft gerade drei Jahre zuvor gegründet. Zu Pfingsten 1962 besiegelten die Hainstädter Gemeindeoberen die Verbindung mit Vernouillet bei Versailles, 30 Kilometer von Paris entfernt. Im Kreis Offenbach, vielleicht landesweit, waren sie damals die ersten mit einer französischen Partnerstadt. Die zählte seinerzeit 3 500 Einwohner, Hainstadt schon 5 000. Heute leben in Vernouillet 13 000 Menschen.

Altbürgermeister Josef Böhn kannte damals den Kollegen dort, berichten die Vereinsfrauen von den Anfängen. „Sein ältester Sohn Peter heiratete sogar eine Französin von dort.“ Zwischen dem Ort und Alberndorf in Österreich, damals kaum 600 Bürger groß, bestand bereits eine Städtepartnerschaft. Die erweiterte Rathauschef Böhn mit dem Touristenziel im Weinviertel an der Grenze zur Tschechischen Republik.

Er saß zufällig im Weinkeller des Bruders von Bürgermeister Friedrich Zottl, „auch ein eingefleischter Europäer“, erinnern sich die Damen ganz genau. Als erste fuhren die Sänger der Harmonie 1965 nach Alberndorf, genossen die Gastfreundschaft. Es folgten jährlich Vereinsbesuche und nach Ostern 1972 die offizielle Verschwisterung mit der ersten Gemeinde in Österreich, der die Europafahne verliehen wurde.

Ein Jahr später sollten sich im Alpenland unterschiedlich strukturierte Orte verbinden, so fanden Alberndorf und Trumau, 20 Kilometer vor den Toren Wiens, zusammen. „Am nächsten Tag gab´s kein Benzin mehr wegen der Ölkrise“, ordnet Heidemare Rackensperger ihre Reise nach Österreich ein. 1975 verbrüderte sich auch Trumau mit Hainstadt.

Und weil Böhn mit seinem Klein-Krotzenburger Amtskollegen Herbert Wemelka schon vor der Zusammenlegung im engen Austausch stand, verlobte sich der heutige Ortsteil 1973 mit dem nur 15 Kilometer von Alberndorf liegenden Retz. „Wir hätten auch gerne eine Verknüpfung mit Yarm in Nordengland geknüpft“, trauert EFH-Vorsitzende Rackensperger einer verpassten Chance hinterher. Das historische Kleinod liegt bei Yorkshire, mit dem wiederum Vernouillet enge Kontakte unterhält.

Corona-Alternativprogramm: EFH-Planwagenfahrt in den Odenwald mit Ehrenvorsitzender Karin Steinkamp (ganz rechts), und Vorsitzender Heidemarie Rackensperger (daneben).

Hainburger Schulen profitierten jahrelang von einem regen Schüleraustausch, argumentieren die Vorstandsleute. „Die Engländer haben von Anbeginn eine Verschwisterung angestrebt“, aber das wollten die Gemeindevertreter nicht. Ein Beschluss fordert, erst eine Partnerschaft mit einer osteuropäischer Kommune einzugehen. Yarm ist jetzt mit Schwalbach am Taunus verbunden, „aber wir haben immer noch private Kontakte“, sagt Karin Steinkamp.

Bis vor der Pandemie trafen sich in Trumau alljährlich Vereine aus allen Partnerkommunen zum Euro-Quiz. „Aus Vernouillet kamen sie über das Fastnachts-Wochenende“, berichtet die Sprecherin, waren begeistert von den Umzügen. Die Reisenden erhielten Zuschüsse, „die ersten in ECU“, lacht sie. Die Banken wollten den Scheck in der virtuellen Vor-Euro-Währung nicht einlösen. Schüler aus Frankreich und Hessen verglichen Wasserproben, begaben sich „auf die Spuren der Jeanne d´Arc“, Erwachsene nahmen an der Einweihung von Straßen mit Namen der Partnerstädte teil.

Bis heute pflegt die Feuerwehr enge Verbindungen mit den Kameraden in Alberndorf, auch der Gesangverein Germania trifft sich noch mit Gleichgesinnten. Lange maßen sich Tennis- und Tischtennis-Teams, „fast alle Vereine hatten sich mal an einem Austausch beteiligt“. Ein Auswahlverfahren musste entscheiden, welche zehn Schüler mit zwei Betreuern am internationalen Treffen teilnehmen durften.

140 Mitglieder umfasst der Freundeskreis bis heute. Viele Eltern von Austauschkindern sind dabei geblieben. Zehn Euro kostet die Mitgliedschaft im Jahr, für Familien 20. Doch die meisten Europa-Freunde sind mittlerweile zwischen 60 und über 80 Jahre alt, und die Suche des Vereins nach eigenen Räumlichkeiten sind bislang erfolglos. Vielleicht fahren sie mal wieder mit Jugendlichen zur Weinlese nach Alberndorf oder zum Quiz nach Trumau.

„Ich bin schon immer gern in andere Länder gereist“, plaudert Karin Steinkamp aus ihrer Jugendzeit. „Ich fand das sehr wichtig, dass meine eigenen Kinder mit zehn Jahren in Familien in den Partnerstädten Erfahrungen sammeln“. Auch wenn die Interessen sich gewandelt haben: „Man muss sich den Wind um die Nase wehen lassen, um andere Ansichten zu gewinnen und den Horizont zu erweitern. Dafür haben wir uns immer eingesetzt.“ Solange Corona das verhindert, unternimmt der EFH Ausflüge wie jüngst eine Planwagenfahrt in den Odenwald. Mitglieder und Anhänger des Europagedankens treffen sich an jedem ersten Donnerstag im Monat von 16 bis 18 Uhr im Pfarrsaal St. Nikolaus. (Michael Prochnow)

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