Fini Kohl holte zahlreiche Titel über 100 Meter und im Staffellauf

Eine Europameisterin aus Hainstadt

Hainburg - Mit Unterstützung des Heimat- und Geschichtsvereins veröffentlichen wir eine kleine Serie zum Thema „Historisches Hainburg“. Der erste Bericht handelt von der erfolgreichsten Hainstädter Sportlerin, der 100-Meter-Läuferin Fini Kohl.

Fini Kohl, damals noch unter ihrem Mädchennamen, bei einem Staffellauf am 14. Mai 1939 im Trikot von Eintracht Frankfurt. 

Die Liste ihrer Wettkampfteilnahmen füllt eine DIN-A 4-Seite. Deutsche und Europameisterschaften, das Internationale Sportfest in Stuttgart oder das Internationale Frauensportfest in München sind darunter. Einer Europameisterin aus Hainstadt widmet der Heimat- und Geschichtsverein Hainburg in seiner aktuellen Publikation (Heft Nummer 18) zwei Artikel. Den Lebenslauf von Josefine Krüger, geborene Kohl, hat Klaus Pairan zusammengefasst, Stefan Becker beschäftigt sich detailliert mit der sportlichen Laufbahn. Maria Josefine Kohl, genannt Fini, kam am 23. Juni 1921 in der Mühlgasse in Hainstadt zur Welt. Schon in der Volksschule fiel sie durch ihre Schnelligkeit auf. Zusätzlich zum Schulsport trainierte sie bei den Freien Turnen in der Leichtathletik. 1938, mit nur 17 Jahren, war sie eine der erfolgreichsten Sportlerinnen in Deutschland. In diesem Jahr siegte sie bei der Deutschen Jugendmeisterschaft im 100-Meter-Lauf, wurde Europameisterin mit der 4x100-Meter-Frauenstaffel und Dritte über 100 Meter bei den Deutschen Meisterschaften. Ihre Bestzeit lag bei 12,2 Sekunden.

Fini Kohls Jugend fiel in eine Zeit, in der sich Frauen erst allmählich ihre Teilhabe am Sport erkämpften. Beim Deutschen Turnfest 1913 in Leipzig turnten Frauen in knielangen Röcken oder Kleidern, teils mit Strumpfhosen darunter. „Sportliche Höchstleistung war so nicht zu erreichen“, stellt Stefan Becker fest. Zu jener Zeit galten lange, enge Röcke und große Hüte als schick, so dass mancher die Turnkleidung als zu freizügig empfand. Fini Kohl war vier Jahre alt, als ihre Eltern sie 1925 bei den Freien Turnern anmeldeten. Der Verein wurde 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verboten. Eine Mädchenriege wurde vom nationalsozialistischen Bund Deutscher Mädel (BDM) weitergeführt. „Dies war sicherlich nicht im Sinne der Eltern, die schließlich nicht ohne Grund ihr Kind bei einem sozialdemokratisch orientierten Arbeiter-Turnverein angemeldet hatten“, schreibt Becker. Doch ein Austritt aus dem BDM, der später den Charakter eines „Zwangsvereins“ annahm, war nicht denkbar.

Fini Krüger im Alter von 90 Jahren.

Im Mai 1935 startete die 13-Jährige bei einem Sportfest in Hainstadt, dessen Ablauf in den „Offenbacher Nachrichten“ zu lesen ist. Demnach holte der Spielmannszug des Turnvereins „die Volksgenossen“ am Sonntag früh um halb sechs aus den Federn. Um acht Uhr eröffnete Bürgermeister Hofmann den Tag. Die Leichtathleten traten „bei leichtem Dauerregen“ zu den Wettkämpfen an. „In die Augen fiel besonders ein erst 13-jähriges BDM-Mädel, das einen wunderbaren Sprung von 4,40 Metern zeigte und die 75 Meter in 10,6 Sekunden lief.“ Fini Kohl siegte im Dreikampf der Jugendklasse mit weitem Vorsprung vor den Nächstplatzierten. Durch die Vermittlung eines Hainstädters, der bei der Polizei in Frankfurt arbeitete, kam Fini Kohl 1937 zum Polizei-Sportverein Frankfurt, der zu dieser Zeit neben Eintracht Frankfurt das beste Leichtathletik-Team im Rhein-Main-Gebiet hatte. Die Teilnahme an lokalen Turnieren folgte. 1938 sollte das erfolgreichste Jahr in Fini Kohls Karriere werden: Erster Platz mit der 4x100-Meter-Staffel beim Leichtathletischen Wettkampf in Rotterdam, erster Platz mit der Staffel beim Deutschen Frauensportfest in Mannheim, Europameisterin mit der Staffel in Wien sind nur einige Titel aus dieser Zeit.

Die Hefte des Heimat- und Geschichtsvereins sind für drei Euro bei der Bücherstube Klingler, Schulstraße, und bei Klaus Weber, Herderstraße, erhältlich.

Eine Großveranstaltung, bei der Fini Kohl 1938 ebenfalls dabei war: das Deutsche Turn- und Sportfest in Breslau. Die pompöse Inszenierung mit 500.000 Teilnehmern einschließlich Teilen der Wehrmacht trug die Züge der NS-Zeit. Für die Sportler damals war die „überwältigende Kulisse“ wohl ein einprägsames Erlebnis. Neben Fini Kohl aus Hainstadt kamen drei Teilnehmer aus Klein-Krotzenburg und sieben aus Seligenstadt; 200 waren es insgesamt aus dem Kreis Offenbach. Im 100-Meter-Lauf der Frauen, der auch als Deutsche Meisterschaft gewertet wurde, erreichte Fini Kohl mit 12,5 Sekunden Platz drei. Ein Erfolg, der nach ihrer Rückkehr in Hainstadt groß gefeiert wurde. Doch der Höhepunkt sollte noch folgen. Mit dem deutschen Nationalteam durfte die erst 17-Jährige zur Europameisterschaft in Wien reisen und holte dort im Staffellauf die Goldmedaille. 1939 wechselte Fini Kohl zu Eintracht Frankfurt. Im Juli nahm sie an den Olympia-Prüfungskämpfen in Berlin teil. Sie hatte das ehrgeizige Ziel, an den Olympischen Wettkämpfen 1940 in Helsinki teilzunehmen, schied jedoch über 100 Meter als Dritte im Vorlauf aus. In der Staffel durfte sie nur noch in der B-Nationalmannschaft teilnehmen. Die Olympischen Spiele wurden als Folge des Kriegsbeginns abgesagt. Die Sportlerinnen trainierten zwar weiter, die Berichterstattung zu leichtathletischen Wettkämpfen wird jedoch in den Zeitungen immer spärlicher.

Ovtcharov bucht in Baku Rio-Ticket mit Gold

Während des Zweiten Weltkriegs lernte Fini Kohl ihren späteren Ehemann Walter Krüger kennen. Er stammte aus Bremen und war in der Pionierkaserne in Hanau stationiert. Am 26. September 1942 heiratete das Paar in der Kirche in Hainstadt. Die Familie zog nach Bremen, wo Fini Krüger zwischen 1947 und 1957 bei Werder Bremen aktiv war. Größter Erfolg in dieser Zeit war 1947 die Deutsche Meisterschaft mit der 4x100-Meter-Staffel. Die Krankheit der Mutter ließ die Familie mit vier kleinen Kindern 1957 nach Hainstadt zurückkehren. Der Ehemann starb früh. Um sich und ihre Kinder zu versorgen, trug sie frühmorgens vor der Arbeit Zeitungen in Hainstadt aus. Zuletzt lebte sie im Simeonstift, wo sie 2011 ihren 90. Geburtstag feierte. Am 27. April 2012 starb die schnellste Hainstädterin. Wenn nicht der Krieg dazwischen gekommen wäre, hätte sich die Liste ihrer Titel sicher noch verlängert, vermutet Stefan Becker. „Die erfolgreichste Hainstädter Sportlerin ist sie aber dennoch geworden.“

kd

Rubriklistenbild: © Privat

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare