Freigeist drei Jahre auf der Walz

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Derzeit arbeitet Benjamin Körper noch im Betrieb von Helmut (links) und Frank Euler in Klein-Krotzenburg.

Klein-Krotzenburg - Drei Jahre und ein Tag wird die Reise des Klein-Krotzenburgers Benjamin Körper dauern. In dieser Zeit darf er sich nicht näher als 50 Kilometer seinem Heimatort nähern, sollte tunlichst nur als Wanderer und Tramper sein Ziel erreichen. Von Thomas Hanel

Benjamin Körper, 22-Jähriger Zimmergeselle, wird auf die Walz gehen.  Seit dem Mittelalter existiert die Tradition, vornehmlich von Bauhandwerkern, sich auf die Walz zu begeben. Was früher einmal Voraussetzung war, um den Meisterbrief zu erlangen, lebt heute von der Lust der Wanderhandwerker, etwas Neues zu sehen, sich abzunabeln, Erfahrungen zu sammeln. „In jedem Betrieb, von jedem Chef, kann man etwas lernen, neue Kniffe erfahren“, sagt Benjamin Körper. Er arbeitet derzeit als Zimmergeselle im Klein-Krotzenburger Betrieb von Frank Euler. Noch in diesem Jahr soll es aber losgehen mit der Walz.

„Welchem Schacht werde ich angehören?“

Diese Wanderjahre absolvieren zu dürfen, ist gar nicht einfach. So genannte Schächte, das sind Handwerker-Verbindungen ähnlich den Studentenschaften, kümmern sich um die Wanderhandwerker. So der „Rolandschacht“, der „Fremder Freiheitsschacht“ oder die „Gesellschaft Freier Vogtländer Deutschland“. „Welchem Schacht ich angehören werde, weiß ich noch nicht“, erzählt Körper. Sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zu einem Schacht ist das Tragen der so genannten „Ehrbarkeit“, einem der Farbe des Schachts angepassten Binders, Schwarz, Rot, Blau oder Gold beispielsweise.

Die Wanderjahre sind auch heute noch von den Traditionen der jeweiligen Berufsstände geprägt. „Voraussetzung sind ein Alter unter 30 Jahren, Schuldenfreiheit und Ehelosigkeit für diese Zeit“, berichtet Körper. Die Walz steht übrigens nicht in einer kirchlichen Tradition, „es sind eher Freigeister, die unterwegs sind“, weiß Körpers Chef, Zimmermeister Frank Euler. Er und sein Vater haben übrigens keine Wanderjahre absolviert, haben in ihrem Betrieb aber schon Wandergesellen aufgenommen. „Das gehört zur Ehre unseres Berufsstandes.“ Beide wissen aber viel über die Traditionen des Zimmerer-Berufs. Die Weste eines Zimmerers hat immer acht Knöpfe (steht für acht Stunden Arbeit am Tag), die Jacken haben sechs Knöpfe für sechs Arbeitstage in der Woche.

Zimmerleute trugen zumeist Sandalen

Auch die Schlaghosen haben einen besonderen Hintergrund: „Früher gab es ja noch nicht die heute vorgeschrieben Sicherheitsschuhe. Zumeist trugen die Zimmerleute Sandalen.“ Damit die Sägespäne nicht immer in die offenen Schuhe fielen, schützte der bedeckende Hosen-Schlag. Der Traum von der Walz war für Benjamin Körper mit ausschlaggebend für seine Berufswahl Zimmermann. „Ich war auf einer Waldorfschule, dort wurde immer viel mit Holz gearbeitet.“ Die Liebe zu dem Material aber vor allem die Aussicht, die Welt auf der Walz zu sehen, trugen zu seiner Entscheidung bei.

Was er mitnehmen muss, ist für die kommenden Wanderjahre ebenfalls vorgeschrieben. Eine Wanderkluft, eine Arbeitskluft und wichtiges Werkzeug. Begleitet wird er in der ersten Zeit von einem so genannten „Exportgesellen“, einem Handwerker, der die Walz bereits hinter sich hat. Ein weiteres traditionelles Utensil wird er bei seinem Arbeits-Abenteuer nicht tragen. Den goldenen Ohrring der Zimmerleute. Früher war das die finanzielle Notreserve, wenn etwas während der Wanderzeit passiert. Und wenn ein Wanderbursche sich unehrenhaft verhielt, wurde dieser herausgerissen. Daher stammt übrigens der Ausdruck „Schlitzohr“. Wenn Benjamin Körper jetzt auf die Walz geht, ist er allerdings von seinem Schacht versichert.

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