Blutiges Ritual

Weibliche Genitalverstümmelung: Grausamer Schmerz, ein Leben lang

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Nach der Beschneidung werden den Mädchen die Beine zusammengebunden, um Nachblutungen zu verhindern. Oftmals wird die Wunde hinterher nicht vernäht. So entstehen Wundheilungsstörungen und Vernarbungen.

Frankfurt/Hainburg - Gynäkologen sind eigentlich für die Gesundheit der Frau zuständig und begleiten Paare in der Schwangerschaft. Doch wenn die äußeren Geschlechtsteile der Patientin in ihrer Kindheit auf furchtbare Weise verstümmelt worden sind, stehen Mediziner in Hessen vor einer besonderen Herausforderung. Von Tamara Schempp

„Es gibt keine Worte, die den Schmerz beschreiben könnten. Es ist, als ob dir jemand ein Stück Fleisch aus dem Oberschenkel reißt oder dir den Arm abschneidet, nur dass es sich dabei um die empfindsamsten Teile deines Körpers handelt.“ Die 53 Jahre alte österreichisch-somalische Menschenrechtsaktivistin Waris Dirie verarbeitet in ihrem Bestseller-Buch „Wüstenblume“ das Trauma ihrer Kindheit. Mit einer zerbrochenen Rasierklinge und stumpfer Klinge, so schreibt sie, schnitt ihr eine fremde Frau als junges Mädchen in Somalia einen Teil der äußeren Schamlippen weg.

Die Menschenrechtsaktivistin Waris Dirie

1998 ist „Wüstenblume“ in der Erstauflage erschienen. Genau 20 Jahre später leben in Hessen Frauen, die als Kind in ihren Heimatländern ein ähnliches Schicksal wie Dirie erlitten haben. Die grausame Praktik der weiblichen Genitalverstümmelung, in Fachkreisen „Female Genital Mutilation“ (FGM) genannt, wird nach Angaben der Frauen-Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes aus religiösen und kulturellen Gründen vorwiegend im westlichen und nordöstlichen Afrika, dem Jemen, Irak, Indonesien und Malaysia vollzogen. Um in die Welt der Erwachsenen aufgenommen zu werden, werden kleinen Mädchen teils die Klitoris, teils auch die kleinen und großen Schamlippen abgeschnitten und so zugenäht, dass nur eine Narbe zurückbleibt. Die Praktik ist oftmals Voraussetzung für eine spätere Heirat. In den schlimmsten Fällen greifen die Beschneider dafür zu stumpfen Küchenmessern, Flaschenscherben oder rostigen Rasierklingen – ohne die Mädchen vorher zu betäuben oder das Geschirr zu desinfizieren.

Die Betroffenen leiden unter den Folgen: Harninkontinenz, Entzündungen, Scham. „Die Frauen sind gegebenenfalls behindert“, sagt die Frankfurter Frauenärztin Petra Tiarks-Jungk. Zwei- bis dreimal die Woche behandelt sie kostenlos und anonym Migranten in unsicheren Lebenslagen. In die Humanitäre Sprechstunde des Frankfurter Gesundheitsamts kommen jährlich rund 600 Patienten. Der Großteil sind Frauen, darunter viele Schwangere ohne Krankenversicherung. Doch kaum eine Frau suche sich explizit wegen ihrer verstümmelten Geschlechtsteile Hilfe, sagt Tiarks-Jungk. Die Ärztin spricht von höchstens zwei bis drei Fällen im Jahr. Oftmals würden ihre Patientinnen nicht verstehen, dass die Verstümmelung ihrer Genitalien aus deutscher Sicht ein Verbrechen ist und gegen Menschenrechte verstößt: „Wenn eine Frau eine halbe Stunde auf der Toilette verbringt, um Wasser zu lassen, fällt das eher anderen auf. Die Betroffene kennt es nicht anders.“

Tiarks-Jungk erzählt von einer jungen Frau aus Eritrea: Anfang 20, Auszubildende und damit krankenversichert. Ihre äußeren Schamlippen sind oberflächlich zusammengewachsen. „Nach der Beschneidung werden die Beine zusammengebunden, um Nachblutungen zu verhindern“, erklärt Tiarks-Jungk. „Die Wunde wird oft nicht vernäht. Dadurch entstehen Wundheilungsstörungen und Vernarbungen.“ Die junge Frau informierte sich über medizinische Möglichkeiten zur Wiederherstellung ihrer Schamlippen.

Das Milliardengeschäft mit dem menschlichen Leid

In den gynäkologischen Abteilungen der hessischen Krankenhäuser, insbesondere den Universitätskliniken in Frankfurt und Gießen, wird die rekonstruktive Operation nach FGM angeboten. Nach Angaben des hessischen Sozialministeriums werden die Kosten dafür nur dann von der Krankenkasse übernommen, wenn die Betroffene eine Asylberechtigung vorweisen kann. Frauen ohne Bleiberecht können sie sich in den meisten Fällen nicht leisten.

Die Gynäkologin Inge Reckel-Botzem aus Hainburg warnt davor, FGM als körperliche Erkrankung anzusehen, die mit den in Deutschland bekannten medizinischen Mitteln „heile gemacht“ werden kann. In ihre Praxis nahm die stellvertretende hessische Vorsitzende des Frauenärzte-Verbands zur Hochzeit des Flüchtlingsstroms – zwischen Ende 2015 und 2016 – besonders viele Geflüchtete auf. Die meisten der in der Kindheit verstümmelten Frauen waren bereits schwanger oder hatten einen Kinderwunsch. Einzelnen Paaren riet sie zu einer rekonstruktiven Operation, um diesen zu realisieren. „Eine ästhetische Rekonstruktion muss immer unvollständig bleiben“, fürchtet jedoch die Medizinerin.

In der Sprechstunde sah sich Reckel-Botzem häufig mit Hindernissen konfrontiert: Sprachprobleme ihrer Patientinnen, Kulturschock, die Angst, ausgewiesen zu werden. Durch Empathie und Verständnis gelang es der Ärztin, einen Zugang zu ihren überwiegend aus Eritrea stammenden Patientinnen zu finden. „Das Schlimmste ist die Kultur, die auf ihnen lastet und die quasi mit beschnittene Seele“, berichtet sie aus den Gesprächen. Reckel-Botzem sieht großen Aufklärungsbedarf in den Herkunftsländern der Frauen. „Es geht um den Schutz der Töchter. Letzteres können wir in Deutschland leisten“, weiß sie. „Aber viel wichtiger ist es, in beispielsweise Afrika selbst die kulturellen Manifestationen aufzubohren. Dort müssen wir zum Umdenken beitragen. Nur dann gibt es Chancen auf dauerhafte Veränderung.“

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Die Frankfurterin Petra Tiarks-Jungk findet, deutsche Ärzte müssen Verständnis für fremde Kulturen aufbringen. Kultursensibilität gehört mittlerweile zur medizinischen Ausbildung dazu. An der Frankfurter Goethe-Universität kommen angehende Mediziner in der Studentischen Poliklinik (StuPoli) mit den Gegebenheiten anderer Länder in Berührung.

Ähnlich wie in der Humanitären Sprechstunde behandeln die Studenten bei diesem Angebot im Städtischen Gesundheitsamt zweimal in der Woche Migranten ohne Krankenversicherung. Tiarks-Jungk ist eine der erfahrenen Ärzte, die dem Nachwuchs bei Fragen zur Seite stehen. In ihrer eigenen Ausbildung habe es solche Angebote nicht gegeben, sagt die 61-Jährige. Das Bewusstsein dafür, fremde Kulturen in der Behandlung zu berücksichtigen, habe sich erst in den letzten zehn Jahren entwickelt. „Als Ärztin finde ich Beschneidung nicht gut“, sagt die Gynäkologin. „Aber die Patientin ist so kulturell verankert. Ich kann ihr nicht sagen: Das ist total falsch.“

50.000 Opfer in Deutschland

Die Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen, im Englischen auch „Female Genital Mutilation“ (FGM) genannt, ist der Eingriff am äußeren Genitalbereich der Frau und erstreckt sich vom Einstechen in die Klitoris bis zur Amputation der äußeren primären Geschlechtsteile, vornehmlich der großen und kleinen Schamlippen. 572 Fälle von Genitalverstümmelung sind im Jahr 2016 in Hessen erfasst worden. Das geht aus einer Antwort des Sozialministeriums auf eine Kleine Anfrage der SPD-Landtagsfraktion hervor. Die Dunkelziffer wird deutlich höher geschätzt. Dem Ministerium zufolge werden in der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen nur Daten der gesetzlich Versicherten erfasst – sofern sie ein Arzt notiert hat. In der polizeilichen Kriminalstatistik werden FGM-Fälle nicht eigens aufgelistet, sie fallen unter den Oberbegriff der Körperverletzung. In ganz Deutschland leben einer Studie des Bundesfamilienministeriums von 2017 zufolge fast 50 000 weibliche Opfer von Genitalverstümmelung. Millionen Frauen weltweit, vorwiegend im westlichen und nordöstlichen Afrika, erleben während der Verstümmelung sowie später bei Geschlechtsverkehr und Geburt schwere Komplikationen und Traumata. (dpa/tas)

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