Wegen gesundheitsschädlicher Stoffe

Gutenberg-Schule: Unterricht im Freien

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Die Klasse 1/2 g von Angelika Heurich hat den Unterricht ins Freie verlegt – aus Angst vor möglicherweise gesundheitsschädlichen Schadstoffen in den Räumen.

Hainstadt - Eine Schulstunde im Freien? Klingt nach einer interessanten Abwechslung. Es war aber keineswegs eine neue Unterrichtsform, die Lehrer und Schüler gestern Morgen an der Johannes-Gutenberg-Schule in Hainstadt ausprobiert haben. Von Katrin Stassig

Weil ein Gutachten potenziell gesundheitsschädliche Stoffe in den Räumen nachgewiesen hat, sind die Klassen nach draußen ausgewichen. Lehrer und Eltern sind beunruhigt. Unter anderem Phthalate sind in Klassenräumen an der Stammschule gemessen worden. Diese Weichmacher, die für Kunststoffe verwendet werden, stehen im Verdacht, den Hormonhaushalt zu beeinflussen und zu Unfruchtbarkeit zu führen; bei Schwangeren gelten sie als Risikofaktor für Frühgeburten. Empört sind die Eltern darüber, dass das Gutachten zwar schon im Frühjahr erstellt worden sei, der Kreis die Ergebnisse aber erst vergangene Woche an die Schule übermittelt hat.

13 Grad zeigt das Thermometer um 7.30 Uhr an diesem Dienstag an. Eltern und Lehrer tragen Tische und Bänke in den Hof, die Kinder ihre Hefte. Ein Mädchen hat sich eine Decke mitgebracht. Die Wolken hängen tief, eine halbe Stunde später fängt es an zu regnen. Bei diesem Wetter ist draußen sitzen kein Spaß. Genauso wenig wie Unterricht bei geöffneten Fenstern, wie er in der Schule seit einigen Tagen Realität ist. Anders wissen die Lehrer sich nicht zu helfen. Besser frieren als potenziell giftige Stoffe einatmen. „Die Kinder sitzen in Jacken und Mützen in den Klassen“, erzählt Corinna Cosic. Die Elternbeiratsvorsitzende hat sich an unsere Zeitung gewandt, um die Geschichte öffentlich zu machen. Am Montagabend hat sie außerdem die Eltern informiert; mindestens 50 Mütter und Väter sind gestern Morgen gekommen, um sich ein Bild zu machen.

Keine gesetzlichen Grenzwerte für Schulräume

Das Gutachten sei offiziell seit März ausgewertet, so die Information von Cosic. Aber erst seit Donnerstag liegt es der Schule vor – nachdem die Schulleitung immer und immer wieder beim Kreis nachgefragt habe. Eine Einschätzung des Gesundheitsrisikos steht noch aus. Die Schulleitung hat sich diesbezüglich an die Unfallkasse Hessen als zuständige Berufsgenossenschaft und den Medical Airport Service, zuständiger Dienstleister für Arbeits- und Gesundheitsschutz, gewandt.

Für Schulräume gibt es, anders als zum Beispiel an Arbeitsplätzen in der chemischen Industrie, keine gesetzlichen Grenzwerte für Schadstoffe. Auf die Gesetzeslage bezieht sich auch der Kreis Offenbach, der auf die Anfrage unserer Zeitung hin eine umfangreiche Pressemitteilung herausgibt. „Der Kreis Offenbach legt nicht nur Wert auf sanierte moderne Schulen, selbstverständlich soll auch die Gesundheit der Kinder keinen Schaden nehmen“, heißt es darin. „Darum werden die zuständigen Fachdienste des Kreises immer aktiv, wenn Lehrer oder Schüler Beeinträchtigungen melden, die möglicherweise mit der baulichen Beschaffenheit in Verbindung zu bringen sind.“

Rektorin Susanne Heintz hatte seit mehreren Jahren ein erneutes Gutachten angemahnt. Nachdem die Firma Hochtief im Zuge der Schulpartnerschaften das Gebäude übernommen hatte, wurde der Schultrakt teilsaniert. Nach Information der Rektorin ist das verwendete Material schadstoffgeprüft. Die Fußböden sind allerdings noch die alten. Üblicherweise soll ein Jahr nach der Sanierung eine Nachmessung auf Schadstoffe erfolgen.

Kreis bedauert Informationspolitik

Eine Raumluft- und Materialuntersuchung mit dem Schwerpunkt Hausstaub war dann im Frühjahr in Auftrag gegeben worden. Wie der Kreis gestern mitteilte, sei das Gutachten zu dem Ergebnis gekommen, „dass keine Schadstoffbelastung nachzuweisen ist“. Für die Kinder bestehe keine Gefährdung. „Der Kreis bedauert, dass diese Ergebnisse erst relativ spät an die Schule weitergegeben wurden.“

Bestandteil des Gutachtens seien auch Messwerte für zwei Weichmacher, DEHP und TBEP. „Dazu ist festzustellen, dass diese Weichmacher in vielen Produkten des täglichen Bedarfs vorkommen, beispielsweise in Verpackungen, Brotboxen, Kindernahrung, Frischhaltefolie oder Kleidung.“ Derzeit gebe es auf EU-Ebene keine Richt- beziehungsweise Grenzwerte, bei denen eine tatsächliche Schadstoffbelastung festgestellt werden könne, anders als beispielsweise bei Asbest oder PCB. „Dennoch ist der Kreis im Austausch mit dem Institut für Hygiene und Umweltmedizin an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, weil die Höhe der gemessenen Werte für DEHP und TBEP einer wissenschaftlichen Analyse bedarf.“

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Außerdem habe der Kreis in Absprache mit dem privaten Partner Hochtief die Reinigungsmittel gewechselt, um eine der erkennbaren Quellen für die gemessenen Werte zu beseitigen. In den Sommerferien seien außerdem die Rückstände des bisherigen Putzmittels vom Boden entfernt worden. „Mit einer weiteren Messung soll in den kommenden Wochen geprüft werden, ob die Werte zurückgegangen sind. “

Am 15. Oktober hat die Schulleitung einen Termin beim zuständigen Fachdienst Gebäudewirtschaft des Kreises, um die Ergebnisse des Gutachtens genauer zu erörtern. „Sollen unsere Kinder bis dahin weiter draußen oder bei offenem Fenster unterrichtet werden?“, fragte gestern eine Mutter. Darüber entscheidet letztlich der jeweilige Lehrer.

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