Auferstanden aus Ruinen

St. Nikolaus: Nach Brand vor 30 Jahren neu errichtet 

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Heute: Die nahezu originalgetreu wiederhergestellte Kirche wirkt, als wäre nichts geschehen.

Es ist jetzt 32 Jahre her: In der Nacht vom 10. auf den 11. März 1988 brannte die Klein-Krotzenburger Pfarrkirche St. Nikolaus bis auf die Grundmauern nieder.

Hainburg – Die Ursache blieb ungeklärt, einen technischen Defekt schlossen Experten des Landeskriminalamts nahezu aus; blieben Fahrlässigkeit oder Brandstiftung. Nach dem zügigen Wiederaufbau jährt sich die Wiedereinweihung am 7. Oktober zum 30. Mal, erinnert der langjährige Pfarrsekretär und Küster Edmund Schwab.

Mehr als 100 Feuerwehrleute aus Hainburg, Seligenstadt und Rödermark kämpften damals stundenlang. Mittel- und Querschiff, bei dem Decke und Orgelempore einstürzten, waren nicht zu retten. Verletzte gab es nicht, der Schaden betrug mindestens 6,5 Millionen Mark.

Das 1755 erbaute Gotteshaus war 1933/35 erweitert worden. Als nach dem Krieg in Kindergärten, Schwesternhaus, Pfarrsaal und andere Infrastruktur investiert wurde, musste die Kirche hintanstehen. In den 50er Jahren bekam sie ein neues Geläut mit einem imposanten Glockenstuhl, das Eichenholz lieferte der Gemeindewald. Renovierungen standen 1975/76 an, darunter Erweiterung der Orgel und Deckenbemalung.

Unersetzbare Kunstschätze waren den Flammen zum Opfer gefallen: Barockaltäre, eine spätgotische Madonna sowie Figuren von St. Nikolaus und Johannes dem Täufer aus dem 15. Jahrhundert. Pfarrer Jakob Strohmayer empfing am Tag danach den Mainzer Bischof Karl Lehmann zum Solidaritätsbesuch.

In Windeseile bauten Experten Stützgerüste auf, um ein Einstürzen zu verhindern. Spendenkonten wurden eingerichtet. Und es gab eine gute Nachricht: Die Feuerwehr verhinderte ein Übergreifen der Flammen auf den Glockenturm, das gotische Chörchen aus dem 14. Jahrhundert und die evakuierten Nachbarhäuser. Matthäus Schwab, Vorsitzender des Kirchenbauvereins und Pfarrgemeinderatsmitglied, rettete das Gnadenbild der Liebfrauenheide von 1620, wofür ihm Bischof Lehmann die Martinus-Medaille verlieh. Pfarrer Strohmayer hatte das Tabernakel mit Hostien und Kelch in Sicherheit gebracht, ehe die Balken ins Schiff stürzten. Dies hatte zur Folge, dass sogar die Wehr keinen sicheren Zugang mehr hatte.

Damals: Bischof Lehmann (vorn), Pfarrer Strohmayer (verdeckt), PGR-Vorsitzender Heinz Brauneis (rechts).

Der Zeitpunkt des Brandes entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Schon vor den 80er Jahren entstand in der Pfarrei der Wunsch, den unvollkommenen Kirchturm zu vollenden. Eine Umfrage ergab dafür eine Zustimmung von mehr als 83 Prozent. Die Baufirma stellte Anfang März 1988 ihre Gerüste auf, die Arbeit sollte just am 11. März beginnen. Gremien und Kirchenbauverein hatten ein hohes Spendenaufkommen generiert – da machte die Katastrophe einen Strich durch diese Planung.

Die Kreuzburghalle diente übergangsweise als Alternative für Fest-, der Pfarrsaal für normale Gottesdienste. Pfarreimitglieder, Organisatoren, Spender auch aus Vereinen und Wirtschaft, Handwerksbetriebe, Künstler, Architekten, Denkmalpfleger, Bistumsmitarbeiter, Planer, Versicherungsfachleute und andere bewirkten, dass nach gut zweieinhalb Jahren ein dem Original nachempfundenes Gebäude geweiht wurde.

Bürgermeister Herbert Wemelka sagte: „Mut, Gemeinschaftssinn und Gottvertrauen waren gefragt, jeder war aufgerufen, damit aus dem Trümmerhaufen schon bald die neue St.-Nikolaus-Kirche entstehen konnte.“ Musiker, Sänger, Fußballer und andere hatten dazu beigtragen. Aus Bistumsbeständen kamen drei Barockaltäre. Verlorene Heiligenfiguren wurden kopiert, da neue schlicht nicht finanzierbar waren.

Die Fertigstellung des Turmes wurde früh umgesetzt. Am 31. Mai 1988 wurde der Stuhl mit vier Glocken im Gesamtgewicht von 21 Tonnen per Autokran hineingehoben. Am Stumpf wurde 24 Meter in die Höhe gemauert und Anfang Juli der Glockenstuhl darauf gehievt. Zum Patronatsfest am 6. Dezember wurde der Turmhelm, die „Zwiebel“, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung aufgesetzt – 16 Tonnen schwer, 17 Meter hoch.

Ein Bild der Verwüstung bot die völlig ausgebrannte Klein-Krotzenburger Kirche St. Nikolaus nach der Unglücksnacht vom 10. auf den 11. März.

Süßer die Glocken nie klangen, als Weihnachten 1988 ein hörbares Zeichen gesetzt wurde, das den Glauben an den Wiederaufbau festigte. Richtfest am 48,5 Meter hohen Turm war im Mai 1989, die Montage des Turmkreuzes wurde von Schaulustigen verfolgt. Nach Abschluss der Malerarbeiten im September 1989 fiel das Gerüst.

Bei der Einweihung am 7. Oktober 1990 erstrahlte die Kirche innen und außen in neuem Glanz. Berechnungen gingen von 7,8 Millionen Mark Gesamtkosten aus. Die neue Orgel, in Qualität und Beschaffenheit am Original orientiert, wurde um Ostern 1991 geliefert. Damit war ein Trauma für viele Krotzenburger überwunden; besonders jene, die dort Taufe, Kommunion, Firmung und Ehe empfangen hatten. Die Anspannung löste sich im Weihegottesdienst nur langsam. Tränen der Erleichterung und ein zartes Lächeln huschten über manche Gesichter.

VON THILO KUHN

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