Vor 70 Jahren gestorben

Teils erlernt und teils erwandert: Erinnerung an Hainstädter Maler Matern Miltz

Wie ein Stutzer liebte der Künstler sich zu kleiden, ehe er unter die Leute ging; hier am Muttertag 1942.
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Wie ein Stutzer liebte der Künstler sich zu kleiden, ehe er unter die Leute ging; hier am Muttertag 1942.

Vor 70 Jahren starb der Maler Matern Miltz. Bei seiner Kunst spalten sich die Meinungen, für Hainstadt hat sie jedoch großen Wert.

Hainstadt – Für die einen war er ein echter Künstler, für die andern ein Kitschproduzent. Fakt ist: Matern Miltz malte, was seiner Kundschaft gefiel. Es soll eine Zeit gegeben haben, da in jeder Hainstädter Wirtschaft eins seiner Bilder hing. Vor 70 Jahren starb der Maler mit 75 Jahren – Anlass, ihn wieder zu entdecken.

Geboren am 29. April 1875 in Neuendorf nahe Koblenz in eine Rheinschifferfamilie, bezog Miltz am 6. November 1907 das vom Bauunternehmer Funk errichtete Haus Querstraße 13, wo er bis zu seinem Tod am 16. August 1950 im Seligenstädter Kreiskrankenhaus lebte. Mit ihm kamen seine Frau Caroline geborene Bissert (1878-1956), die er am 4. Februar 1903 in Frankfurt geheiratet hatte, und die Kinder Maria (Mariechen, 1903-1989) und Matern (Toni, 1904-1970). Beide traten in Vaters Fußstapfen; die Galerie Blehle in Seligenstadt zeigte erst im Frühjahr eine Ansicht der Einhardstadt von Toni Miltz nach einem alten Stich im Schaufenster.

Weitere fünf Kinder kamen in Hainstadt zur Welt: Elisabeth (Betty, 1908-1982), Johannes Clemens (Hans, 1909-1971), Margaretha (1912, im selben Jahr gestorben), Josef Friedrich (Friedel, 1919-1940, als Erster aus der Gemeinde im Zweiten Weltkrieg gefallen) sowie Josef Theodor (Theo, 1920-2003).

Das erste Bild malte Klein-Matern mit neun Jahren im Schulunterricht. Seine Banknachbarin verpetzte ihn; die Dresche, die ihm das eintrug, vergaß Miltz nie. Nach dem Abitur sollte er katholischer Priester werden, stattdessen ging er auf Studienreisen. Zuvor hatte er bereits Malunterricht genommen und sich in einer Anstalt für Kirchenkunst weitergebildet. Sein Motto entlieh er bei Goethe: „Was ich nicht erlernt habe, das habe ich erwandert.“

So durchstreifte Miltz die Schweiz von Basel bis Montreux. In Frankreich erkundete er Paris und Reims, Lyon und Avignon, wo er die Staffelei arglos im Festungsgebiet aufstellte und prompt als vermeintlicher Spion drei Tage in Haft kam. Stationen in Italien waren Mailand, Genua, Siena, Rom und Neapel. Seinen Lebensunterhalt bestritt Miltz mit Unterricht in allen gymnasialen Fächern.

In Hainstadt verarbeitete der Maler seine Eindrücke zu einer Reihe Landschaften, dazu Porträts und Stillleben. Ölbilder entstanden, Zeichnungen, Aquarelle. Besser als diese Ergebnisse freier Tätigkeit verkauften sich seine Auftragsarbeiten. So schuf er etwa das Abbild eines Kriegsgefallenen mit segnendem Engel. Solche Kunst entspricht nicht mehr dem heutigen Geschmack, war aber das, was die Leute wollten.

Reich ist Miltz damit nicht geworden. Bis heute wird im Ort erzählt, dass Frauen aus der Nachbarschaft seine vielköpfige Familie mit Eiern versorgten, da er sie allein nicht ernähren konnte. Wirtshausrechnungen beglich er oft mit einem Gemälde statt mit Geld. Auch wenn keins mehr am angestammten Ort hängt, hütet der Heimat- und Geschichtsverein eine Auswahl in seinem Domizil. In etlichen Hainstädter Haushalten dürften sich weitere Werke von seiner Hand finden.

Um die Vermarktung kümmerte sich meist Miltz’ Frau Caroline. Er selbst pflegte den Habitus des Künstlers, der für solch banale Aspekte keine Zeit hatte. Gebildet war er, stets gut angezogen, spielte Schach und mehrere Musikinstrumente, beherrschte einige Fremdsprachen. Auch Humor besaß er, wie Anekdoten zeigen. Im Porträt einer Musikkapelle verewigte er den Bürgermeister und andere Lokalprominenz. Dem Löwenwirt malte er ein Schild, auf dem unter dem wasserlöslichen Leu nach kurzer Zeit ein in Öl gepinselter Affe zum Vorschein kam.

Auf Anregung des Vereins trägt eine Straße im Baugebiet Im Löschem den Namen des Malers. Liebend gern hätte das engagierte Vereinsmitglied Ingrid Heinzinger-Miltz (entfernt verschwägert), die viel zu seinem Leben und Werk geforscht hat, mit einer Gedenktafel am Wohn- und Arbeitshaus an ihn erinnert. Es scheiterte am Widerstand des Eigentümers. Dafür hat sie mit Fleiß und Akribie eine Werkliste mit etwa 100 Positionen erstellt und bereitet derzeit eine Veröffentlichung mit Illustrationen vor.

Die einstweilen letzte Würdigung in seiner Wahlheimat erfuhr Matern Miltz 1995. Da organisierten die Kunstfreunde Hainburg eine Jubiläumsausstellung in der Kreuzburghalle, in der ihm eine Ecke gewidmet war. Die nächste Gelegenheit böte sich 2025: Dann jährt sich sein Geburtstag zum 150., sein Todestag zum 75. Mal.

Von Markus Terharn

Wohnhaus von Matern Miltz, Querstraße 13 in Hainstadt: Hinter dem Fenster befand sich sein Atelier.
Stillleben mit Obst von Matern Miltz im Bestand des Hainburger Heimat- und Geschichtsvereins, hier Mitglied Karlheinz Bodensohn

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