Ein Straßendorf und seine Namen

Interessanter Vortrag zur Klein-Krotzenburger Ortsgeschichte

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Mit Plätzen ist Klein-Krotzenburg nicht gesegnet. Das Dreieck von Kirchstraße, Südring und Bettenweg nennt sich Platz der Republik.

Die Namen von Straßen, Wegen und Plätzen in Klein-Krotzenburg waren Thema beim Stammtisch des Heimatvereins. Vorsitzender Dieter Distel hatte sich durch Flurbücher, Karten, Ortspläne und Adressbücher gearbeitet, um den Gästen ein umfassendes Bild geben zu können.

Klein-Krotzenburg – Klein-Krotzenburg ist ein Straßendorf; es gibt eine Hauptstraße, an die sich zu beiden Seiten Hofreiten reihen. Im Norden war der Main die natürliche Grenze, im Süden eine Hecke, der Haag – Mauern waren Städten vorbehalten. Er bot keinen Schutz gegen Feinde, nur gegen wilde Tiere. Im Osten und Westen war das Dorf mit einer Pforte gesichert.

Jahrhundertelang gab’s nur kleine Stichstraßen: Erbsengasse, Maingasse, Fahrgasse, Sackgasse. Das reichte bis in die 1840er Jahre, erst da kam es zum Bau einer neuen Straße. Sie erhielt den Namen Neue Straße. Das zeugt nicht von Fantasie, sagt aber das Wesentliche. Danach ging es in kurzen Abständen weiter; bis 1900 hatte sich die Zahl der Ortsstraßen mehr als verdoppelt: Breiter Weg, Grundstraße, Querstraße, Kirchgasse, Canalstraße, Mittelweg.

Die folgenden zwei Jahrzehnte brachten keine neuen Straßen, dafür aber neue Namen und zwei Plätze. Zunächst wurde der Breite Weg zur Kaiserstraße geadelt. Geschuldet war das der Tatsache, dass sich diese Straße in besonderem Maß entwickelt hatte und in ihrer Breite sehr repräsentativ wirkte.

Klein-Krotzenburg: Umbenennungen in der Weimarer Republik

Zu weiteren Umbenennungen kam es in der Weimarer Republik. Die Kaiserstraße sonnte sich nicht länger in monarchischem Glanz, sondern mutierte im Geist der Zeit zur Friedrich-Ebert-Straße. Die Neue Straße wurde zur Erzbergerstraße und die Quer- zur Walter-Rathenau-Straße. Außerdem wurde der Platz der Republik erbaut, und der ehemalige Privatpark des Zigarrenfabrikanten De Bary erhielt auf Anregung des Gesangsvereins Frohsinn den Komponistennamen Richard-Wagner-Platz.

Beim Heimatverein Klein-Krotzenburg lernten interessierte Zuhörer etwas über die Straßennamen im Ort. 

Eine neue Straße gab es, die Schleusenstraße. Zwischen 1915 und 1921 war im Zug der Mainregulierung die Schleuse erbaut, bis in die 1980er Jahre ein Wahrzeichen der Gemeinde.

Den nächsten Schub gab es Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre, als die Nassauische Heimstätte quasi ein neues Viertel schuf. Es war das Areal Goethestraße, Herderstraße, Kappesweg (später Friedrich-Ebert-Straße) und Uferweg. Im Volksmund ist das Gebiet bis heute unter dem Namen Siedlung ein Begriff. Im Zuge dessen wurde die Erbsengasse zur Schillerstraße und der Festplatz zum Schillerplatz.

Die Nationalsozialisten waren nicht mit allem einverstanden. Ein Adressbuch von 1939/40 nennt neue Namen, während alte nicht mehr auftauchen. Die Friedrich-Ebert- heißt Hindenburgstraße, die Erzbergerstraße ist die Adolf-Hitler-Straße, die Walter-Rathenau-Straße wird zur Peter-Gmeinder-Straße, die Ufer- zur Hermann-Göring-Straße, die Herder- zur Jakob-Sprenger-Straße, der Platz der Republik zum Horst-Wessel-Platz und die am Triebweg liegende Feldstraße zur Wilhelm-Gustloff-Straße.

Klein-Krotzenburg: Friedensstraße erste neue Straße nach dem Krieg

Nach Kriegsende machte man diese Umbenennungen rückgängig, nur die vormalige Querstraße wurde zur Kettelerstraße. Die ersten Nachkriegsstraßen wurden nach Widerstandskämpfern wie Wilhelm Leuschner oder den Geschwistern Scholl und den verlorenen Ostgebieten benannt: Pommern-, Schlesien-, Ostpreußen-, Königsberger und Sudetenstraße.

Historischer Boden im alten Ortskern: Fahrstraße/Ecke Krotzenburger Straße

Die erste neue Straße nach dem Krieg war die Friedensstraße parallel zum Bettenweg. Danach ging die Verwaltung andere Wege: Sie verzichtete auf politische Namen und behalf sich mit Benennungen von Pflanzen und Bäumen aus dem Reich der Natur, in den Industriegebieten mit solchen aus Wissenschaft, Forschung, Technik und Kultur.

Erst in der Neuen Mitte kamen verdiente Politiker der Bundesrepublik zu Ehren: Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Theodor Heuss, Kurt Schumacher. Auch Adolf Kolpings, Anne Franks und Edith Steins wurde gedacht. zbo

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