Kurze Geschichte der jüdischen Gemeinde in Klein-Krotzenburg

Nur wenigen gelang die Flucht

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Die ehemalige Synagoge dient heute als Begegnungsstätte und Veranstaltungsort.

Klein-Krotzenburg – Mit dem Anschlag auf die Synagoge beim Novemberpogrom 1938 ging die kurze Geschichte der jüdischen Gemeinde in Klein-Krotzenburg zu Ende. Sie währte nur 26 Jahre. Von Oliver Signus 

Klein-Krotzenburg – Die jüdische Gemeinde in Klein-Krotzenburg, deren Geschichte mit dem Novemberpogrom 1938 ein gewaltsames Ende fand, bestand zwar lediglich 26 Jahre. Die Anfänge reichen jedoch weit zurück.

Bereits im Jahre 1680 wird ein Jude mit Namen Raphael erwähnt. Wie aus einem Beitrag des ehemaligen Vorsitzenden des Arbeitskreises Synagoge, Erich Weih (gestorben 2017), im Heft „Die ehemaligen Landessynagogen in Großkrotzenburg und Klein-Krotzenburg“ (erschienen 2012) hervorgeht, verkaufte Raphael ein Wiesengrundstück an einen Seligenstädter Bauer. In alten Gemeinderechnungen aus den Jahren 1724 bis 1728 sind Einnahmen anderer Juden aufgeführt. Es waren die Familien Stein und Rosenthal, die somit zu den ersten jüdischen Bürgern gehörten, die sich in Klein-Krotzenburg niederließen. Eine israelitische Gemeinde gründete sich 1871, der Friedhof wurde ein Jahr später eingerichtet.

1880 lebten 37 Juden in Klein-Krotzenburg, sie machten einen Anteil von 2,2 Prozent der insgesamt 1168 Bürger aus. 1912 gründete sich die selbstständige jüdische Gemeinde auf einen Beschluss von 1911. Die Synagoge errichteten die Mitglieder im Jahr darauf in der Kettelerstraße 6. Vorher gab es nur einen Betsaal.

Zu diesem Zeitpunkt machten die rund 30 Mitglieder nur noch einen Anteil von 1,4 Prozent der Bevölkerung in Klein-Krotzenburg aus. Erster Vorsteher der jüdischen Gemeinde war Max Rosenthal. Er hatte zusammen mit seinem älteren Bruder Isac 1891 in Klein-Krotzenburg eine Zigarrenfabrik von der Firma J. M. Kopp übernommen und 1893 ein neues Fabrikgebäude gebaut. Das Unternehmen florierte, die Zahl der Mitarbeiter stieg von drei im Jahre 1891 auf 500 Beschäftigte. Isac Rosenthal starb 1919, danach war Max Rosenthal Firmeninhaber.

Die Krotzenburger Juden waren sehr gläubig, schreibt Erich Weih in seinem Text. Wenn am Freitagabend durch eine Luke in der Wand neben dem Thoraschrein die ersten drei Sterne zu sehen waren, begannen die Sabbat-Feierlichkeiten. Am nächsten Tag, dem Sabbat, begann um 9 Uhr der Gottesdienst unter Leitung eines Vorbeters (einen Rabbi gab es nicht) in der Synagoge, zu der mindestens zehn männliche Juden anwesend sein mussten.

Die sehr aktive Gemeinde lösten die Nationalsozialisten 1938 auf. Die Synagoge wurde bei einem Brandanschlag in der Pogromnacht beschädigt. Auch die Einrichtungsgegenstände verbrannten.

Zur Synagoge gehörte eine Mikwe (Ritualbad). Die Frauen mussten acht Stufen hinabsteigen, um in einen kellerartigen Raum zu gelangen. Das Reinigungswasser, das fließend sein muss, war durch das Grundwasser mit dem Main verbunden. Die Mikwe wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zugeschüttet und ist seither nicht mehr zu sehen. Die Synagoge wurde 1997 renoviert und dient heute dem Arbeitskreis ehemalige Synagoge Klein-Krotzenburg als Begegnungsstätte und Veranstaltungsort. „Sie könnte auch wieder ihrem eigentlichen Zweck dienen,“ schreibt Erich Weih, „doch leider gibt es (Stand 2012) keine Juden in Klein-Krotzenburg.“

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Die meisten Mitglieder der einst aktiven jüdischen Klein-Krotzenburger Gemeinde wurden in Konzentrationslagern des nationalsozialistischen Regimes ermordet, nur wenigen gelang die Flucht ins Ausland. Auch Max Rosenthal überlebte die Gewaltherrschaft nicht, er starb in Auschwitz. Seine Zigarrenfabrik war bereits im Jahr 1934 „arisiert“ worden.

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