Des Kaplans erste Liebe

Ende der 70er Jahre Kaplan in Klein-Krotzenburg, heute Vorsitzender der Glaubenskongregation im Vatikan: Dr. Gerhard Müller.

Klein-Krotzenburg - Ein Sturm fegte über die Zeltstadt des Zeltlagers der Pfarrei St. Nikolaus Klein-Krotzenburg, rüttelte an den Zelten der Jugendlichen und Erwachsenen. „Peitschender Regen, Blitze, Donner Schlag auf Schlag. Von Thomas Hanel

Küchenfrauen saßen im Pfarrbus und beteten hilferufend den Rosenkranz.“

So beschreibt Edmund Schwab, Pfarrsekretär in St. Nikolaus, das Geschehen im Zeltlager an der Unterneudorfer Mühle im Jahr 1978. Eigentlich nichts Besonderes, verletzt wurde niemand. Nach den ersten Unwetter-Aufräumarbeiten wurde im Lager allerdings ein Zelt-Knäuel entdeckt, aus dem eine hilferufende Stimme erklang: „Das Knäuel bewegte sich. Jemand rief ,Ich komme nicht mehr raus‘“, schreibt Schwab in seinen Notizen über das Zeltlager in den 70er Jahren. Derjenige, der sich mit Feldbett und Zelt völlig verheddert hatte, war der damalige Klein-Krotzenburger Kaplan Gerhard Müller. Heute, seit Juli 2012, ist er der Nachfolger von Papst Benedikt XVI als Vorsitzender der Glaubenskongregation im Vatikan. Von 1978 bis 1979 wirkte er als Kaplan in Klein-Krotzenburg.

Pfarrsekretär Edmund Schwab erinnert sich gut. „Kaplan Müller war zweimal im Zeltlager mit uns.“ Er habe den 1947 in Mainz geborenen Theologen als sehr umgänglichen Menschen kennengelernt. Müller, Sohn eines Arbeiters, betrieb neben seiner seelsorgerischen Tätigkeit intensiv seine theologischen Studien, promovierte mit zwei Doktor-Titeln und habilitierte bei Karl Lehmann in Mainz. Noch heute wirkt er als Honorarprofessor an der Universität München. Nach der Kaplan-Zeit in Klein-Krotzenburg war Müller in Pfarreien in Bürstadt und Offenbach tätig. Im Jahr 2002 berief ihn der Papst zum Bischof von Regensburg. Klein-Krotzenburg war seine erste Kaplanstelle - zugleich war Müller auch der letzte Kaplan der Pfarrgemeinde St. Nikolaus. Die Stelle ist seit Ende der 70er Jahre gestrichen. „Dr. Müllers nach wie vor enge Verbindung zur Pfarrei St. Nikolaus hat sicherlich auch mit dem unter Theologen geflügelten Wort von der ,Ersten Liebe‘ zu tun“, erzählt Edmund Schwab. Damit bezeichnen Priester ihr Wirken in ihrer ersten Pfarrgemeinde nach der Weihe.

Müller gilt innerhalb der katholischen Kirche als Verfechter konservativer Glaubenslehre und ist nicht unumstritten, unter anderem wegen seiner Haltung zur Schwangerschaftsberatung. Kritik musste er sich auch in seinem Umgang mit Missbrauchsfällen durch katholische Priester gefallen lassen. Andererseits äußerte er sich bei vielen Reisen positiv zu Thesen der südamerikanischen Befreiungstheologie und tritt entschieden als Gegner rechtsradikaler Ideologie auf. So erteilte er dem Holocaustleugner Richard Williamson, Bischof der Piusbruderschaft (eine Vereinigung katholischer Traditionalisten), Hausverbot für sämtliche Kirchen seiner damaligen Diözese Regensburg. Müller setzt sich zudem für ein Verbot der rechtsradikalen Partei NPD ein. Ein streitbarer Katholik. Edmund Schwab: „1978 und 1979 in Klein-Krotzenburg war der Weg Müllers noch nicht vorhersehbar.“ Müller habe damals, nach dem überraschenden Tod des 26 Jahre lange in Klein-Krotzenburg wirkenden Pfarrers Jakob Georgen die Amtsgeschäfte schnell übernehmen müssen. „Da musste er ran“, so Schwab. Und Müller bewältigte die Aufgabe. Müller und er hätten damals ein sehr enges Vertrauensverhältnis entwickelt. Zeigt sich auch darin, dass Edmund Schwab „seinen“ ehemaligen Kaplan dreimal in Regensburg, damals bereits Bischof, besuchte. „Da rufe ich an und frage, ob er Zeit habe. Dann treffen wir uns zum Mittagessen“, so der 77-jährige Schwab.

Und im kommenden Jahr wird Schwab den ehemaligen Kaplan von St. Nikolaus Klein-Krotzenburg wahrscheinlich im Kardinalsgewand als Vorsitzenden der Glaubenskongregation treffen. Eine Wallfahrt an den Sitz des Papstes planen die katholischen Gläubigen der Pfarrei bereits.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare