Nach Auschwitz oder auch Theresienstadt deportiert

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An die Opfer des Nationalsozialismus erinnerte der Arbeitskreis „Ehemalige Synagoge“ im früheren Gotteshaus.

Klein-Krotzenburg ‐ Nach der Brandsetzung und Zerstörung der Klein-Krotzenburger Synagoge am 10. November 1938, der Verbrennung der Thorarollen vor den damals noch elf jüdischen Bürgern und der Zerstörung ihres Ladeninventars blieb wenig Hoffnung für den weiteren Aufenthalt und das Zusammenleben in der Gemeinde. Von Michael Hoffmann

So zogen die Steins aus der Kettelerstraße 3 sowie die Vyths und Hirschmanns aus der Erzbergerstraße 26 am 13. Juli nach Frankfurt, am 9. August die Rosenthals aus der Friedrich-Ebert-Straße 26 nach Karlsruhe, und am 27. Dezember verließ die Familie des Metzgers Julius Stein die Krotzenburger Straße in Richtung Argentinien. An die Opfer des Nationalsozialismus erinnerte der Arbeitskreis „Ehemalige Synagoge“ am Mittwoch im früheren Gotteshaus an der Kettelerstraße.

Nach Beginn des Krieges hatten Soldaten ihre Munitionswagen im Hof der Steins abgestellt, und ihre Bewachung schützte auch die Familie vor weiteren Belästigungen und Übergriffen. Die Synagoge war bereits am 20. Juli 1938, vier Monate vor ihrer Brandsetzung, an den Landesverband verkauft und die jüdische Gemeinde aufgelöst worden. Die Verordnung zur Durchführung der Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben traf am 15. Dezember 1938 in der Bürgermeisterei Klein-Krotzenburg ein und wurde mit dem Wort „Fehlanzeige“ vom Bürgermeister oder einem Gemeindebediensteten kommentiert.

Anti-Semitismus war 1933 Regierungspolitik geworden

Wie konnte es dazu kommen, dass ein Zusammenleben unmöglich geworden war? Anti-Semitismus war 1933 Regierungspolitik geworden. Rassengesetze und diskriminierende Verordnungen sollten Deutschland „judenfrei“ machen, und als die Entwürdigung und Entrechtung noch immer nicht den Exodus aller Juden bewirkt hatte, wurde deren Vernichtung geplant und vollzogen. In einem Brief (Oktober 1936) schreibt der Leiter des NSDAP-Stützpunkts Klein-Krotzenburg an den Frisör Georg Pietz: „Es wurde festgestellt, dass sie in ihrem Frisörgeschäft Juden bedienen. Unverständlich ist es, dass ein Mitglied des Opferrings noch nicht begriffen hat, dass der Jude der Weltfeind, die Stütze des Bolschevismuses ist (...) Sie sind hiermit aus dem Opferring ausgeschlossen.“

Das Unfassbare, die Ermordung von sechs Millionen Juden und die Vernichtung Andersdenkender wurden während des Zweiten Weltkrieges systematisch betrieben.

„Ihr seid die Zeitzeugen“

Ihr seid die Zeitzeugen“, sagte die 88-jährige Margot Friedlander dieser Tage in der Kreuzburgschule zu Schülern der Realschulklassen. „Ihr seid es, die davon wissen müssen und dafür sorgen können, dass so etwas nie mehr geschehen kann.“

Nach den Aufzeichnungen des Einwohnermeldeamtes wohnten am 10. November 1938 noch elf jüdische Bürger in Klein-Krotzenburg:

Metzger Max Rosenthal, seine Ehefrau Johanna und Sohn Siegfried, die am 9. August 1939 nach Karlsruhe zogen, später nach Auschwitz deportiert wurden und als verschollen gelten; Regina Hirschmann, die am 14. Juli 1939 nach Frankfurt zog (und dort am 22. April 1942 starb); Liny Vyth, geborene Hirschmann, die auch nach Frankfurt zog, am 1. September 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde und als verschollen gilt; Vorbeter Herz Stein und dessen Schwestern Hannchen und Hilde, die in Treblinka oder einem unbekannten Ort als verschollen gelten.

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