Dreißigjähriger Krieg bedeutet für Klein-Krotzenburg fast Untergang

Pest rafft ganze Familien dahin

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Zeitgenössische Darstellung der Schlacht bei Höchst aus dem Jahr 1622.

Klein-Krotzenburg - Der Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges jährt sich 2018 zum 400.  Mal. Auch die Pest riss Anfang des 17. Jahrhunderts große Lücken in die Bevölkerung.

Welches Schicksal dem Dorf Klein-Krotzenburg in dieser Zeit beschieden war, lässt sich mithilfe von Kirchenbüchern anschaulich rekonstruieren. Gut 40 interessierte Zuhörer waren der Einladung des Heimatvereins gefolgt und lauschten den Ausführungen des Vorsitzenden Dieter Distel, der zu diesem Thema in den Archiven recherchiert hat. Im Jahr 1622 kommt der Krieg in der Region an. In der Schlacht bei Wimpfen am Neckar werden die protestantischen Truppen von einer spanischen Armee besiegt. Am 20. Juni kommt es zur Schlacht bei Höchst am Main. Dort werden die protestantischen Truppen vom Heer der kaiserlichen Liga unter Feldmarschall Tilly geschlagen. Diese Verbände ziehen durch die hiesige Gegend, als Tilly die Mainlinie von Frankfurt bis Seligenstadt besetzt. Vom 24. bis 29. Juni hat der Feldmarschall sein Hauptquartier im Kloster in Seligenstadt.

Rund 40 interessierte Zuhörer lauschen im Domizil des Klein-Krotzenburger Heimatvereins den Ausführungen über das Schicksal des Ortes im Dreißigjährigen Krieg.

Durch die Soldaten kommt auch die Pest nach Klein-Krotzenburg. Gerade für das Jahr 1622 existieren verlässliche Quellen. Aus dieser Zeit stammt das älteste Klein-Krotzenburger Kirchenbuch. Dort sind alle Taufen, Hochzeiten und Sterbefälle der Jahre 1605 bis 1714 verzeichnet. Der Krotzenburger Pfarrer Petrus Krais führt akribisch Buch. So lässt sich auch bei den Verstorbenen genau nachvollziehen, ob sie eines normalen Todes starben oder ob sie Opfer einer Seuche wurden. Pfarrer Krais vermerkt dies durch ein „P“ wie Pestilenz hinter dem Eintrag. Außerdem befindet sich im Archiv der Gemeinde eine Dorfrechnung aus dem Jahr 1622. Die Eintragungen sind zwar ohne Datum, doch die Daten der Sterbefälle sind bekannt. So werden im Laufe des Jahres 1622 mehrere tote Soldaten in der Klein-Krotzenburger Gemarkung gefunden und begraben.

Die ersten Opfer der Seuche sind ab Juli verzeichnet. Bis zum Jahresende sind 20 Tote zu beklagen. Schlachten finden zwar in den nächsten Jahren in der näheren Umgebung nicht mehr statt, doch es kommt immer wieder zu Truppendurchzügen und Einquartierungen. 1625 kommt die Seuche noch einmal zurück. Diesmal sterben 31 Menschen. „Wenn man bedenkt, dass Klein-Krotzenburg vor dem Krieg ungefähr 35 Haushalte umfasste und ein Haushalt damals aus durchschnittlich fünf Personen bestand, kann man ermessen, wie schlimm die Verluste an Menschenleben unseren kleinen Ort trafen“, führt Dieter Distel aus. Allerdings ist nach größeren Verlusten immer auch ein Geburtenanstieg zu beobachten. 1621 wurden 20, 1622 dann 24 Kinder geboren. Nach einem Tiefststand von elf Geburten 1623 stieg die Rate bis 1627 wieder auf 18.

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Dann bringt der Schwedische Krieg (ab 1630) für Klein-Krotzenburg und die anderen Dörfer der Zent Seligenstadt fast den Untergang. Mit den Schweden sucht die Pest den Ort 1632 ein drittes Mal heim. Zuerst bricht sie im Haus des Dorfschmiedes Hermann Schmiedschneider aus. Am 29. Februar 1632 sind bei ihm gleich zwei Sterbefälle verzeichnet. Sein Sohn Wendel und seine Tochter Maria erliegen der Seuche. Knapp drei Wochen später stirbt der Schmied selbst, kurz darauf seine Frau und seine Tochter Margaretha.

So geht es weiter bis Ende Juli, dann ist die Seuche vorüber. Sie fordert 92 Todesopfer. Der Rest der Bevölkerung begibt sich danach in den Schutz der Mauern von Seligenstadt und bleibt dort bis zum Ende des Krieges. Erst 1650 kehren die Überlebenden zurück. Aus einer Mainzer Güterbeschreibung vom 26. August 1650 ist bekannt, dass in Klein-Krotzenburg neben dem Pfarrhaus noch acht Häuser standen. Der Rest war von den schwedischen Horden niedergebrannt worden. Acht Haushaltsvorstände und zwei Witwen kehrten in den Ort zurück und besiedelten in neu. Durch die Ansiedlung von Wallonen und Tirolern wurden die Verluste ein wenig gemildert. Man geht heute davon aus, dass in der Region bis zu 80 Prozent der Bevölkerung den Krieg nicht überlebten. (zbo)

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