Randalierende Fans und eine salbende Marlene Dietrich

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Fritz Rau, Legende unter den deutschen Konzertveranstaltern, las aus seinen Erinnerungen, der Hanauer Musiker Jürgen Schwab sorgte für die musikalische Untermalung.

Hainstadt (sig) ‐ „Ausverkauft“ - für Konzertveranstalter Fritz Rau ist das „eine der wichtigsten Vokabeln meines Lebens“. Der legendäre Impresario zeigte sich denn auch begeistert, als er den Schriftzug „Ausverkauft“ groß an der Tür des evangelischen Gemeindehauses in Hainstadt entdeckte.

Rund 140 Besucher waren gekommen, um den 80-Jährigen aus dem Nähkästchen plaudern zu hören. Basierend auf seiner Autobiographie „50 Jahre Backstage“ erzählte Rau aus seinem bewegten Leben als Konzertmanager, von der Arbeit mit den „Großen des Showgeschäfts“, von gewagten Eskapaden und grandiosen Erfolgen.

„Fritz, was zu viel ist, ist zu viel“, mit dieser lakonischen Bemerkung habe einst Elton John beinahe ein Konzert in der Frankfurter Festhalle platzen lassen, weil ihm der eigens für ihn verlegte Garderoben-Teppich nicht passte. Rau ist als Erzähler ein glänzender Unterhalter. Köstlich die Episode mit Marlene Dietrich, die nach einer Taxi-Irrfahrt in Köln stocksauer auf Rau war und dennoch nachts in sein Hotelzimmer kam, um dem Erkälteten liebevoll die Brust mit einer Salbe einzureiben.

Ja, Rau war hautnah dran - an Stars und Diven. Auch an Ella Fitzgerald, die bei einem Auftritt in Berlin den Text von „Mack The Knife“ vergaß, zu improvisieren begann und eine ganz neue Version des Songs kreierte.

Andächtige Stille herrschte im evangelischen Gemeindehaus, als Rau dann den Tonband-Mitschnitt dieses denkwürdigen Konzertes präsentierte. Immer wieder unterbrach Rau seine Erzählungen an diesem Nachmittag für „Hörproben“ - live dargeboten von dem Hanauer Jazzgitarristen Jürgen Schwab, mit dem Rau seit Jahren auf Lesetour ist. So folgte auf die Episode über die Jazz-Ikone Oscar Peterson, der zum Paten von Raus Sohn wurde und ihm zur Taufe ein Piano schenkte, Schwabs Interpretation des Jazz-Standards „How high the moon“ von William Morgan Lewis.

Raus Augen leuchteten, als er von der Freiheit des Jazz sprach oder von der Rockband „Queen“ und ihrem Frontman Freddy Mercury, die er nach Deutschland holte, als sie hierzulande noch kaum bekannt waren. Die Zuhörer erfuhren, dass Jimi Hendrix („Er hat das Gitarrenspiel neu erfunden“) sich in Raus schwäbischer Heimat an „Spätzle mit Linsen“ übel den Magen verdarb und aus dem Gasthaus flüchtete, und vom Kollateralschaden eines Jethro-Tull-Konzertes, bei dem ohne Tickets angereiste Fans die Glasfassaden der Hoechst Jahrhunderthalle zu Bruch gehen ließen. Da habe er den Direktoren der Farbwerke am nächsten Morgen einen ziemlich hohen Scheck ausstellen müssen.

„Man kann sein Maul nur aufreißen, wenn man auch bereit ist dafür zu bluten“, bekannte Rau im evangelischen Gemeindehaus, dessen Leidenschaft und Liebe für guten Rock, Pop und Jazz und die von ihm betreuten Künstler aus jedem Satz strahlte. Das meiste Herzblut floss wohl in die Produktion des Musicals „Tabaluga und Lili“, das Rau gemeinsam mit Peter Maffay auf die Bühne brachte. Ein ganzes Jahr lang hätten sich Rau und Maffay dafür zurückgezogen - und seien kurz davor gewesen, das Projekt wegen der explodierenden Produktionskosten zu kippen. Der Erfolg des Musicals war dann umso überwältigender. „Es war unser Ding - made in Germany“, bilanzierte Rau stolz.

Zu den Lieblingsmusikern zählt wohl auch der Gitarrist und Liedermacher Jürgen Schwab, der das „Gesprächskonzert“ im Gemeindehaus unter anderem mit Titeln von Bruce Springsteen, Friedrich Hollaender und den Stones musikalisch illustrierte. Aber auch eigene Songs von seiner neuen CD „Heute noch“ präsentierte der Steinheimer. Mehrfach verneigte sich Rau vor seinem kongenialen Begleiter, der dem 80-Jährigen schließlich auch den Titel „Der alte Fritz“ gewidmet hat - eine Hommage an den gewieften und liebenswürdigen Strippenzieher hinter den großen Bühnen, der manchmal auch ganz schön aufbrausend sein könne, bei allen Erfolgen auf dem Teppich geblieben sei und seiner Enkelin jede Woche eine Postkarte schreibe.

Am Ende gab's im Gemeindehaus, wie bei großen Konzerten, viel Applaus für Rau und Schwab und Zugaben.

Für die evangelische Gemeinde war das Gastspiel ein großer Erfolg. Das Benefiz-Konzert brachte insgesamt ordentlich Geld in die Kasse für die Restaurierung der Orgel in der Krotzenburger Kirche. Um die Besucher zu Spenden zu animieren, zückte Fritz Rau selbst die Geldbörse.

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