Rhöner-Familien in Klein-Krotzenburg

„Zittrfenke mit Addabu“

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Rhöner-Blut in den Adern: Wolfgang Barth (l.) mit seinem Vater und Festpräsidentin Elke Werner.

Klein-Krotzenburg - Die Speisekarte liest sich wie der Menüplan eines fernen Landes: „Zittrfenke mit Addabu“ oder „Delheerer Festsobbe. Bar Lang Sobbe eäissd laad lang“. Serviert wurde jedoch das vermeintlich Exotische in Klein-Krotzenburg. Von Thomas Hanel

Während der Feier zum 40-jährigen Bestehen der dortigen Filmgemeinschaft erinnerten die „Rhöner“ an die Ankunft der ersten Familien vor 75 Jahren in Klein-Krotzenburg. Wolfgang Barth, selbst Nachfahre einer Rhöner-Familie, hatte die Idee, einen Abend während des Festes der Filmgemeinschaft unter dieses Motto zu stellen und Rhöner Traditionen und Speisen aufleben zu lassen. „15 Familien waren es mit insgesamt 58 Personen, die vor 75 Jahren nach Klein-Krotzenburg kamen“, erzählt Barth. In erster Linie kamen sie aus Dalherda, aber auch aus Werberg, Rothenrain und Rengersfeld. Die Menschen kamen nicht freiwillig, stellt Barth fest: Auslöser war der Beschluss der Nazis, 1938 den Truppenübungsplatz Wildflecken zu gründen. 2500 Menschen mussten ihre „karge, aber geliebte Heimat verlassen“, so Barth.

Gerade das Dorf Dalherda mit seinen 1000 Einwohnern stellt Barth in den Mittelpunkt. Schließlich sei es das am höchsten gelegene Dorf in Hessen. Im November 1937 kamen die ersten Bewohner Dalherdas nach Klein-Krotzenburg. Sie zogen in das Haus an der Grundstraße 38. Es war die Familie Friedrich und Emma Grösch, geborene Gutermuth. „Dieser Name tauchte öfters aus, da letzlich jeder vierte Bewohner in Dalherda den Namen Gutermuth trug.

Am 20. Januar 1938 kam Familie Baier und zog in die Erzberger Straße, die damals allerdings noch Adolf-Hitler-Straße hieß. Im März folgte die Familie des ehemaligen Bürgermeisters von Dalherda, Reinhard Müller, ebenfalls mit Familie nach Klein-Krotzenburg. „Das war mein Urgroßvater“, erzählt Wolfgang Barth. Es folgten weitere Familien, die eine neue Heimat in Klein-Krotzenburg fanden.

„Ob sie alle mit offenen Armen aufgenommen worden sind, ist nicht nachvollziehbar.“ Schließlich waren die Rhöner fast ausnahmslos evangelischen Glaubens und kamen ins katholische Krotzenburg. Und die Sprache spielte eine wichtige Rolle. Die Rhöner sprachen einen Dialekt, der sich deutlich unterschied. Barth nennt Beispiele: „Ich konnts gemach“ statt „Ich kann es machen“ oder „Mir möchtes gemach“ statt „Wir möchten es machen“. Auch bei Fragewörtern offenbaren sich große Unterschiede: aus „wer“ wird „ber“, aus „wohin“ wird „buhie“. Führte alles bei ersten Begegnungen zwischen Ur-Krotzenburgern und Rhönern zur überlieferten Fragestellung eines Krotzenburgers: „War das ein Pole?“

Und um die Klammer zwischen „40 Jahre Filmgemeinschaft“ und den Rhönern zu schließen, präsentiert Wolfgang Barth die Festpräsidentin: Elke Werner, gute Seele des Gesangvereins Frohsinn Klein Krotzenburg - und eine geborene Gutermuth. Sie beherrscht den Rhöner Dialekt noch gut, aber der Klein-Krotzenburger Dialekt ist für die mittlerweile Herzensangelegenheit. Heute ist die Rhöner Gemeinde Dalherda Teil der Stadt Gersfeld und hat 450 Einwohner. Aber die Rhöner aus dem höchst gelegenen Dorf Hessens haben in Klein-Krotzenburg eine neue Heimat gefunden. Und sie freuen sich über ihre Traditionen. Die eingangs erwähnte „Zittrfenke mit Addabu“ ist übrigens Schweinshaxen-Sülze mit Pellkartoffeln, und die „Dellheerer Festsobbe“ besteht aus Schweinenacken, Lauch, Zwiebeln und Bohnen.

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