Ach, das bisschen Durchfall. . .

Gastroenterologe aus Hanau zum coronabedingten „Kollateralschaden“

Auf kontinuierliche ärztliche Betreuung angewiesen: Angelika C. im Gespräch mit Dr. Hausmann.
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Auf kontinuierliche ärztliche Betreuung angewiesen: Angelika C. im Gespräch mit Dr. Hausmann.

Die Coronavirus-Pandemie hat nach Einschätzung vieler Ärztinnen und Ärzte zu erheblichen Versäumnissen bei der rechtzeitigen Diagnostik und Behandlung von Krankheiten geführt – auch im Hanauer Raum. Kliniken mussten Betten für Coronapatienten freihalten und planbare Operationen verschieben, Patienten gingen trotz Beschwerden nicht oder nicht rechtzeitig zum Arzt.

Hanau - Untersuchungen bestätigen: Viele Patienten fürchteten, sich in der Praxis oder Klinik anzustecken, oder glaubten, dass die Ärzte wegen Corona keine Zeit für sie hätten. Verdrängen und verschieben – das kann fatale Folgen für einen Krankheitsverlauf haben. Einer, der davon ein Lied singen kann, ist der Gastroenterologe am Hanauer St. Vinzenz-Krankenhaus, Priv.-Doz. Dr. Johannes Hausmann. Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist die Diagnostik und Therapie von Magen- und Darmerkrankungen, bei denen es, wie bei vielen Erkrankungen, wichtig sein kann, frühzeitig einzugreifen, um Schlimmeres zu verhindern. In einem Gespräch mit unserer Zeitung spricht er von einem Kollateralschaden, einem erheblichen Begleitschaden, der im Zuge der Coronavirus-Pandemie entstanden ist.

Zum einen, weil bestimmte Untersuchungen und Operationen verschoben wurden und zum anderen, weil Patienten trotz Warnsignalen nicht oder nicht rechtzeitig zum Arzt gegangen sind.

Wegen Corona nicht zum Arzt getraut

Wie jene Mutter mehrerer Kinder, die berichtete, bis-lang immer gesund gewesen zu sein. Seit sechs Monaten litt sie unter Durchfall. Dr. Hausmann: „Sie hat sich wegen Corona nicht zum Arzt getraut, dachte, ach, das bisschen Durchfall wird schon nicht so schlimm sein.“ Doch der Durchfall blieb, die Patientin verlor zunehmend an Gewicht und wurde vom Hausarzt ins Krankenhaus eingewiesen. Eine Darmspiegelung ergab, dass die Frau an einem Dickdarmkrebs erkrankt war, der nun bereits Metastasen (Tochtergeschwülste eines Tumors) gebildet hat. Wertvolle Zeit ging verloren. Der Gastroenterologe glaubt: „Wäre die Frau gleich zu Beginn ihrer Beschwerden, also ein halbes Jahr früher gekommen, dann hätte der Krebs vielleicht noch nicht gestreut.“ Dann hätte man mit einer lokalen Operation und anschließen-der Chemotherapie reagieren können. Aktuell wird sie palliativ behandelt.

Da war jene Frau, deren Bauchumfang immer größer wurde, was zunächst auf die „Corona-Pfunde“ geschoben wurde. Doch die waren es nicht, sondern ein Tumor an der Gebärmutter, der massiv Bauchwasser produziert hatte, wie sich erst Monate später herausstellte.

Zahlen aus nur einer Klinik, etwa zum Rückgang der Magen- und Darmspiegelungen während der Coronavirus-Pandemie, würden indes nur ein ungenaues Bild ergeben, weil solche Untersuchungen nicht nur im Krankenhaus stattfinden, sondern vor allem auch bei den niedergelassenen Fachärztinnen und Fachärzten – dort oft im Rahmen der gesetzlichen Vorsorgeuntersuchungen.

Aus Gesprächen mit ihnen und aus fachlichen Veröffentlichungen weiß der Gastroenterologe, dass auch die Vorsorgeuntersuchungen während der Coronavirus-Pandemie spürbar zurückgegangen sind – so wie in anderen Fachgebieten der medizinischen Versorgung.

Zahl der Darmkrebs-Screenings um durchschnittlich 20 Prozent gesunken

Hausmann ist sich sicher, „dass das mit der Angst vieler Patienten zu tun hatte, sich mit dem Virus zu infizieren“. Eine im Mai veröffentlichte Sonderuntersuchung der DAK bestätigt das vor allem für die Zeit des Frühjahrs-Lockdown im letzten Jahr: Es sei die Angst vor einer Ansteckung mit Covid 19 gewesen; der Rückgang der Krebsvorsorgeuntersuchungen sei alarmierend. Allein die Zahl der Darmkrebs-Screenings sei um durchschnittlich 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken.Angst vor Ansteckung - da-von sind besonders in der Anfangsphase der Coronavirus-Epidemie auch Krankenhäuser betroffen gewesen. Der Facharzt räumt ein, dass damals auch in Kliniken Patienten nicht gleich als Coronapatienten erkannt worden seien und es Fälle gab, bei denen Mitpatienten und Personal infiziert wurden. Man könne das Virus in sich tragen und trotzdem symptomfrei sein. Die drastischen Konsequenzen aus den damaligen Erfahrungen sind heute noch an den äußerst strengen Einlasskontrollen und den verpflichtenden PCR-Tests für jeden Patienten, der in ein Krankenhaus stationär aufgenommen wird, sichtbar.

Bei alledem bescherte gerade auch die erste Hochphase der Coronavirus-Pandemie vielen Kliniken einen Ansturm von Coronapatienten. Das hat zu Engpässen in anderen Abteilungen geführt. Patienten dagegen, die lange schon in der Nachbetreuung ihrer Klinik sind, fanden den gewohnten organisatorischen Rahmen nicht mehr vor oder mussten länger als sonst auf Kontroll- und andere Untersuchungen warten.

Zu ihnen gehört Angelika C.*, die seit knapp zehn Jahren an Morbus Crohn, einer chronischen entzündlichen Darmerkrankung mit schweren, meist schubweise auftretenden Beschwerden, darunter Durchfälle und starke Bauchschmerzen, leidet. Sie war seit mehreren Jahren Patientin von Dr. Hausmann, damals noch an einer anderen Klinik in der Rhein-Main-Region, an der auch Hausmann tätig war. In ihrem Fall liegt die entzündete Stelle im oberen Dünndarm, während die Entzündung bei Morbus Crohn üblicherweise am Übergang vom Dünndarm zum Dickdarm lokalisiert wird, wie der Gastroenterologe schildert. Der Fall sei deshalb ein wenig ungewöhnlich. Normalerweise, so der Mediziner, würde sich die Entzündungsstelle mit einer Dickdarmspiegelung sehen lassen, in ihrem Fall sei eine endoskopische Untersuchung aber sehr viel aufwendiger und komplizierter.

Arzt und Patientin haben im Laufe der Zeit eine gute Medikamententherapie gefunden, der Patientin ging es lange Zeit den Umständen entsprechend gut. Doch während der Pandemie verschlechterte sich ihr Zustand. Die Medikamente, die bis dato gut angeschlagen hatten, zeigten nun ihre gewünschte Wirkung nicht mehr. Das sei bei Morbus-Crohn-Patienten nicht ungewöhnlich. Wie auch immer: Dr. Hausmann war zwischenzeitlich nach Hanau ins St. Vinzenz-Krankenhaus gewechselt. Die Patientin fühlte sich in ihrer „alten“ Klinik nicht mehr so gut aufgehoben, glaubte, dass die Ärzte dort wegen Corona weniger Zeit für ihr Problem hätten, und dass die weitere Betreuung eher schleppend verlief. Eine anstehende endoskopische Untersuchung, auf die sie wegen ihrer Beschwerden dringend wartete, musste ein ums andere Mal wegen Corona verschoben werden, sagt sie. Mehr zufällig hat sie Hausmann dann über Facebook wiedergefunden und wegen des Therapieversagens nun wieder Hilfe suchend Kontakt zu ihm aufgenommen. „Das Vertrauen in die behandelnden Ärzte ist so wichtig. Im Moment komme ich wieder ganz gut klar und kann meinen Alltag trotz der Erkrankung ganz passabel organisieren“, sagt Angelika C.

Warnsignale im Magen-Darm-Bereich

Symptome, die die zeitnahe Durchführung einer Magen- oder Darmspiegelung notwendig machen, sind zum Beispiel:

Sichtbares Blut im Stuhl, blutiges Erbrechen

Auffällige anhaltende Veränderungen der Stuhlgewohnheiten, wie zum Beispiel Durchfall und Verstopfung im Wechsel

Anhaltende Schmerzen im Bauchbereich

Neu aufgetretene Schluckbeschwerden

QUELLEN: FELIX-BURDA-STIFTUNG, DR. JOHANNES HAUSMANN

Aber in den Anfangsjahren, als sie häufig zur Toilette musste, als sie immer wieder Schmerzen hatte und zeit-weise hoch dosiert mit Kortison behandelt wurde, da sei es schon ziemlich schlimm gewesen. Immer die Angst, etwas Verkehrtes zu essen, die ständige Müdigkeit... Die Patientin hat in diesen Jahren aber auch erfahren: „Eine kontinuierliche ärztliche Betreuung gibt mir in diesen Situationen dann schon Sicherheit.“ Der Gastroenterologe am St.Vinzenz-Krankenhaus unterstreicht, „dass durch die Corona-Pandemie nicht nur Patienten mit einer Coronavirus-Infektion an sich betroffen sind, sondern auch solche mit anderen Krankheitsbildern, die durch pandemiebedingte Maßnahmen hintanstehen.“ Diese Patienten stünden aber viel weniger im Fokus der öffentlichen Debatte.

Was wird die Zukunft in Sachen Coronavirus bringen? „Ich glaube, je weiter die Durchimpfung der Bevölkerung voranschreitet (...), desto eher werden wir dazu kommen, mit dem Coronavirus ähnlich wie mit der saisonalen Influenza (Grippe) zu leben. Dabei ist die flächen-deckende Impfung von entscheidender Bedeutung. Das Coronavirus wird uns sicher-lich langfristig begleiten“, prognostiziert der Facharzt, „aber dann lange nicht mehr mit dem Stellenwert, den es jetzt in unserem Alltag ein-nimmt“.

* vollständiger Name ist der Redaktion bekannt

(Von Yvonne Backhaus-Arnold und Reinhold Schlitt)

Johannes Hausmann ist Gastroenterologe am St. Vinzenz-Krankenhaus.

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